Was Paare heutzutage stark macht
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Was Paare stark macht

Lesedauer: 13 Minuten

Viele wünschen sich eine Partnerschaft fürs Leben. Doch meist kommt es spätestens auf halbem Weg zu Krisen: Alltagstrott und Stress nagen an der Beziehung. Wie geht Liebe in Zeiten der Multioptionsgesellschaft?

Text: Virginia Nolan
Bilder: Rita Palanikumar / 13 Photo

Vor nicht allzu langer Zeit war die Familie in erster Linie eine Arbeitsgemeinschaft. Heute ist sie in der Regel ein Produkt der Liebe. Nicht wirtschaftliche Überlegungen, sondern romantische Ideale lassen uns eine Partnerschaft eingehen und gemeinsam Kinder bekommen. In der Hoffnung, dass bleibt, was verbindet: Neun von zehn Paaren in der Schweiz bezeichnen sich bei der Eheschliessung als glücklich und eine Scheidung für sich als undenkbar.

Die Statistik spricht bekanntlich eine andere Sprache: Hierzulande scheitern zwei von fünf Ehen, in fast der Hälfte aller Fälle sind davon minderjährige Kinder betroffen. Und selbst alte Liebe rostet: Immer öfter trennen sich auch Paare, die 20 oder mehr Jahre verheiratet waren.

Trotzdem bleibt die lebenslange Partnerschaft das Ideal der überwältigenden Mehrheit, ganz gleich, in welchem Alter man die Menschen befragt. 85 Prozent der Bevölkerung heiraten, und selbst drei Viertel der Geschiedenen laufen wieder in den Hafen der Ehe ein.

Wie kommt es, dass Wunsch und Wirklichkeit in der Liebe so weit auseinanderklaffen? Gibt es ein Rezept, um diese Kluft zu schmälern? Warum geraten auch erfüllte Partnerschaften in Schieflage? Können wir etwas dagegen tun? Und ist es überhaupt möglich, langfristig zu begehren, was wir schon haben? Die Suche nach Antworten auf diese Fragen beginnt nicht bei den Geheimnissen einer gelungenen Partnerschaft, sondern bei den Beziehungskillern.

Wenn sich Stressfaktoren ­summieren

Zum Beispiel Stress. Druck im Job, Schulprobleme des Kindes, der Haushalt, ein finanzieller Engpass: Wir alle sind mit der einen oder anderen Herausforderung dieser Art konfrontiert und sehen darin vermutlich keinen Trennungsgrund.

Treten solche Belastungen in der Summe auf, sieht es anders aus. In Umfragen zu Paarkonflikten rangiert Stress als Auslöser weit oben. Und er gehört – nebst Kommunikationsproblemen und gewissen Persönlichkeitsmerkmalen der Partner – zu den drei gewichtigsten Risikofaktoren für eine Scheidung. Das zeigt eine Metastudie der University of California in Los Angeles, in die Daten von mehr als 45 000 Ehepaaren mit einflossen.

Zum Problem wird Stress, wenn er nicht aufhört. Dann gefährdet er die Beziehung in vielerlei Hinsicht.

«Es gibt zwei Arten von Stress», sagt Guy Bodenmann, Paarforscher, -therapeut und Professor für Klinische Psychologie an der Universität Zürich. «Unter Makro­stress versteht man einschneidende Ereignisse wie einen Schicksalsschlag. Eine solche Belastungsprobe erschüttert Paare, und während manche gestärkt daraus hervor­gehen, zerbrechen andere daran.

Mikro­stress hingegen, ausgelöst durch vielfältige alltägliche Erfordernisse, ist in allen Partnerschaften ein Thema.» Der meiste Alltagsstress hat Bodenmann zufolge nichts mit der Paarbeziehung selbst zu tun, wir bringen ihn nach Hause – übrigens auch in Form von Kindern, die im Leben ihrer Eltern ein durchaus gewichtiger externer Stressor sind. Zum Problem wird Stress, wenn er nicht aufhört.

Im Sommer herrscht bei Familie Erni-Biondi in Scuol meist eitel Sonnenschein: Lia, 9, Charlie-Corsin, 2, und Andri, 10 (v. l.). Lesen Sie ihre Erzählung: «Irgendwann reichts»
Im Sommer herrscht bei Familie Erni-Biondi in Scuol meist eitel Sonnenschein: Lia, 9, Charlie-Corsin, 2, und Andri, 10 (v. l.). Lesen Sie ihre Erzählung: «Irgendwann reichts»

Chronischer Alltagsstress gefährdet die Partnerschaft in vielerlei Hinsicht: Er reduziert Zeit und Gelegenheit für gemeinsamen Austausch und Erlebnisse, die das Wir-Gefühl festigen, erhöht das Risiko für körperliche und psychische Störungen und fördert problematische Verhaltensweisen, die wir unter günstigeren Umständen besser im Griff hätten.

Unter Stress sind wir dominanter, kleinlicher, aufbrausender oder verschlossener, als uns selbst lieb ist – und bekommen auch die schlechten Seiten des Gegenübers öfter zu spüren. Wir geraten aneinander oder fangen an, dem anderen aus dem Weg zu gehen. Dann wird zur Mangelware, was jeder Beziehung Halt gibt: ein liebes Wort, nette Gesten, körperliche Nähe, Gespräche. «Alltagsstress unterhöhlt die Beziehung schleichend. Es häufen sich schlechte Gefühle an, bis wir den anderen nur noch durch die negative Brille sehen», sagt Bodenmann. «Schliesslich lassen uns sogar Komplimente misstrauisch werden, weil wir dahinter Sarkasmus vermuten. Das Resultat ist eine zunehmende Entfremdung.»

Stress: Geteiltes Leid ist halbes Leid

Wie gut Partnerschaft gelingt, hängt massgeblich davon ab, ob Paare in der Lage sind, Stress gemeinsam zu bewältigen. Dies setzt einerseits voraus, einander aufmerksam zu begegnen und nachzufragen, wenn das Gegenüber gestresst wirkt. Andererseits braucht es Fingerspitzengefühl, damit in der Kommunikation nicht ein Beziehungskiller zum nächsten führt. Paar­forscher Guy Bodenmann von der Universität Zürich hat ein Dreiphasenmodell entwickelt, das helfen soll, den Partner bei Stress zu unterstützen. Zur Illustration das folgende Beispiel: Die Frau wurde bei der Arbeit mit Kritik konfrontiert, die ihr zu schaffen macht, und der Mann fragt nach.

  • Phase 1: Zuhören (20 Minuten)
    Die ersten 20 Minuten gehören der gestressten Partnerin. Sie soll erzählen können, was vorgefallen ist. Der Partner beschränkt seine Rolle vorerst aufs Zuhören und versucht zu verstehen, was sein Gegenüber beschäftigt. Er kann offene, interessierte Fragen stellen («Was, glaubst du, war der Grund für diese Kritik?»), gibt aber keine Ratschläge («Ach komm, gib nichts auf dessen Meinung, du weisst ja, was das für einer ist.»). Diese verstärken bei der Partnerin nur das Gefühl, nicht angemessen zu reagieren, und bringen sie zum Schweigen. Vielmehr soll er immer wieder kurz zusammenfassen, was er vom Stress seiner Partnerin verstanden hat.
  • Phase 2: Unterstützung anbieten (10 Minuten)
    Jetzt geht es darum, dem Gegenüber emotionale Unterstützung anzubieten. In besagtem Fall könnte der Mann seiner Partnerin vermitteln, dass er ihre Gefühle nachvollziehen kann («Du hattest dich für dieses Projekt so ins Zeug gelegt, ich verstehe deine Enttäuschung.»). Hilfreich ist auch, der gestressten Person mit wertschätzenden, mutmachenden Worten zu begegnen («Vergiss nicht, dass du in deiner Arbeit wirklich gut bist. Das hast du mehrfach bewiesen.») und, falls es sich anbietet, von einer eigenen Erfahrung im Zusammenhang mit einer ähnlichen Situation zu berichten. Danach – nicht früher – kann der Partner problem­bezogene Vorschläge machen («Wie wäre es, mit der Teamleiterin das Gespräch zu suchen?»). In Phase zwei hat hauptsächlich der Unterstützer das Wort, während die Partnerin das Gesagte auf sich wirken lässt.
  • Phase 3: Feedback geben (5 Minuten)
    Jetzt ist es an der Zeit – und in besagtem Beispiel an der Frau –, dem Partner eine Rückmeldung zu geben: Was war an seiner Unterstützung hilfreich («Es hilft mir, dass du meinen Ärger nachvollziehen kannst.»), wo hätte man sich allenfalls mehr Verständnis gewünscht («Was du als Nebenschauplatz bezeichnest, gehört für mich allerdings auch zum Problem.»)? Wichtig ist, dass die Rückmeldung auch Lob und Anerkennung enthält. Wird die Unterstützung durch den Partner als selbstverständlich hingenommen, schmälert dies seine zukünftige Bereitschaft dafür. Bodenmann rät Paaren, solche Stressgespräche möglichst oft zu üben, um sich aufeinander einstellen und im Bedarfsfall wirksamer unterstützen zu können.

Sarah, 42, und Fabio, 43 Jahre alt, wohnen in Zürich und haben ­achtjährige Zwillinge. Er arbeitet 80 Prozent in einem Beratungs­unternehmen, sie 40 Prozent im Personalwesen. Fabio hat als Projektleiter «noch immer einen interessanten Job», wie Sarah sagt. Sie muss mit Administrationsarbeiten vorliebnehmen, seit sie nach der Geburt ihrer Kinder kürzertrat.

Fabio habe sie zwar ermutigt, ihr Pensum zu erhöhen, sagt Sarah, und ihr versichert, sie dabei zu unterstützen. Sarah gibt zu, dass es ihr an Initiative mangle. «Ich habe aber auch Zweifel daran, dass Fabio ­diesen Schritt wirklich mittragen würde», gibt sie zu bedenken. «Zu Hause bliebe wohl trotzdem alles an mir hängen.» An seinem Papatag ziehe Fabio es vor, mit den Söhnen etwas zu unternehmen, statt Haushalt zu machen. «Abends räume ich erst mal auf und fluche», sagt Sarah. «Unlängst ist es zu einem wüsten Streit gekommen. Nicht wegen der Unordnung, sondern aufgrund dessen, was ich von Fabio zu hören bekam: Er habe auch mal das Recht zu entspannen, zumal ja er allein für unsere Wohnung bleche.»

Die Herausforderung, Familie und Beruf zu vereinen, sorgt auch für emotionalen Stress, gerade wenn enttäuschte Erwartungen ins Spiel kommen. «Ganz gleich, wie ­fortschrittlich Paare vor der Geburt des ersten Kindes eingestellt waren: Die meisten finden sich danach in einem traditionellen Modell wieder. Die Frau kümmert sich hauptsächlich um Kinder und Haushalt, der Mann leistet Erwerbsarbeit», sagt Dominik Schöbi, Professor für Klinische Familienpsychologie an der Universität Freiburg. Das könne auf beiden Seiten zu Unzufriedenheit führen.

Wer zu Hause bleibe oder auf ein Kleinpensum reduziere, müsse oft weit­gehend auf berufliche Selbstverwirklichung verzichten. Manchmal fehle es auch an Anerkennung durch den berufstätigen Partner, der denke, Familienarbeit sei leichter als ein Vollzeitjob. Aber auch die Rolle des Hauptverdieners, vornehmlich besetzt durch Männer, setzt diese zuweilen unter Druck, weiss Schöbi: «Sie tragen die finanzielle Hauptlast, sollen aber trotzdem so oft wie möglich am Familienleben teilnehmen. Das kann aufreibend sein.» So gibt die Rollenverteilung oft Anlass zu Neid, Missgunst und einem Wettstreit darüber, wer das schwerere Los gezogen hat.

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«Die Partnerschaft bietet eine einmalige Ressource, um mit Stress besser umzugehen», sagt Bodenmann. «Wir haben die Möglichkeit, ihn gemeinsam zu bewältigen. Geteiltes Leid ist halbes Leid.» Das erste Gebot ist gemäss Bodenmann, Stress anzusprechen. Das bedeutet, dem anderen mitzuteilen, was einen belastet, aber auch selbst nachzufragen, wenn die andere Person verstimmt wirkt.

Klar: Nach einem frustrierenden Tag im Job haben wir oft keine Lust, auch noch darüber zu sprechen. Fragt der andere nach, was los sei, liegt die Antwort auf der Hand: nichts. «Das Gegenüber merkt jedoch, dass etwas nicht stimmt», sagt Bodenmann. «Gehen wir nicht auf sein Angebot ein, darüber zu sprechen, kann das als Ablehnung empfunden werden. Die andere Person fühlt sich zurückgewiesen, weil wir uns ihr offensichtlich nicht anvertrauen wollen. Das enttäuscht und verletzt einen, man distanziert sich. Entfremdung ist programmiert.»

Themen, die einen belasten, gehören nicht zwischen Tür und Angel besprochen. Man muss sich Zeit nehmen dafür.

Besser wäre es, ehrlich zu sagen, dass man einen schlechten Tag ­hatte und gerade nicht darüber reden möge. «Wichtig ist, das Thema zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal aufzugreifen», sagt der Paarforscher, «etwa, wenn die Kinder im Bett sind.» Denn, so lautet Bodenmann zufolge Regel Nummer zwei für erfolgreiche Stressbewältigung: Themen, die einen belasten, gehören nicht zwischen Tür und Angel besprochen – man muss sich Zeit nehmen dafür.

Dabei gelte es allerdings ein paar Regeln zu beachten: «Wir haben Hunderte von Paargesprächen über Stressereignisse analysiert und beobachtet: Der Zuhörende erteilt in der Regel bereits Ratschläge, noch bevor er richtig verstanden hat, was den Partner beschäftigt. Das bringt den Gestressten zum Schweigen.» Wie es besser geht, zeigen Bodenmann und sein Team an der Universität Zürich Paaren mit dem Modell des Unterstützungsgesprächs.

Warum Frauen nörgeln und Männer dichtmachen

Lukas und Fabienne sind 45, ­beide Lehrpersonen und haben zwei Teenagertöchter. Das Paar aus Zürich ist seit 16 Jahren verheiratet. Lukas, der seine Beziehung mit Fabienne als glücklich bezeichnet, hat erfahren, dass seine Frau dies nur bedingt so sieht. «Sie sagt, wir seien zwar ein gutes Team, unsere Beziehung sei jedoch träge geworden», sagt Lukas. «Sie spüre von mir keine Bemühungen, Schwung in unsere Liebe zu bringen, und warf mir vor, ihre Anstrengungen in ­dieser Hinsicht zu ignorieren. Nie könne ich mich aufraffen, sei es für einen spontanen Restaurantbesuch, einfallsreicheren Sex oder einen Tanzkurs.

Lukas findet, Fabiennes einseitige Sicht auf die Dinge werde ihrer Realität als Paar nicht gerecht: «Die gemeinsamen Unternehmungen als Familie, unser Teamwork, die gute Beziehung zu den Kindern: Das gehört doch mit in die Waagschale.» Seine Frau betreibe, so scheine es ihm, geradezu Problembewirtschaftung. «Sie redet mich an die Wand», sagt Lukas, «bis mir der Kopf raucht und ich mich auf den Balkon verziehe – was sie als Beweis dafür wertet, dass ich nicht an unserer Beziehung arbeiten will.»

Nörgeln ist keine Musik in den Ohren des Partners – und dass das weibliche Geschlecht zu diesem Verhalten neigt, übrigens auch kein Klischee. Aber: «Eine angemessene Kritik der Frau ist längerfristig günstig, weil sie Veränderungen anstösst», sagt Paarforscher Bodenmann. In Untersuchungen habe sich das Nörgeln der Frau gar als Indikator für die Stabilität einer Ehe herausgestellt: Partnerschaften, in denen sich die Frau nie kritisch äussere, hätten ein höheres Scheidungsrisiko.

Die Frau will Tacheles reden, der Mann klinkt sich aus: laut Bodenmann ein ­klassisches Szenario in Paarkonflikten. Die verbale Überlegenheit der Frauen, wenn es um emotionale Themen geht, gilt als hinlänglich bekannt. Den Grund dafür orten Forscher in der weiblichen Sozialisation. Noch heute werden Mädchen seit frühester Kindheit in Beziehungsarbeit geschult – oder besser gesagt: auf die Mutterrolle vorbereitet.

Dazu gehört, sich für das Gelingen des sozialen Miteinanders einzusetzen und ein feines Gespür für dessen Zustand zu entwickeln. Die Fähigkeit, Emotionen in Worte zu fassen, ist dabei entscheidend. «Ratgeber für Paare richteten sich lange Zeit nur an Frauen», sagt Bodenmann, «und eine Studie zu Partnerschaftstipps in Frauenzeitschriften zeigt, dass diese jahrzehntelang das Bild vermittelten, Beziehungspflege sei hauptsächlich Frauensache.»

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Im Konfliktfall begünstigt all dies bei Männern ein Verhalten, das der US-Paarforscher John Gottman als «stonewalling» bezeichnet – mauern: Die Frau spricht ein Problem an, der Mann blockt ab. Es gibt auch Frauen, die mauern; laut Gottman ist es jedoch in rund neun von zehn Fällen der Mann, der dichtmacht. Meist aus Überforderung, weiss Gottman.

Der Mann sei dann «physiologisch überflutet»: Sein körperlicher Zustand gleiche dem eines Blackouts, das sich durch erhöhte Herzfrequenz und einen hohen Wert an Stresshormonen im Blut äussere. Dann helfe nur noch, sich ein Timeout zu erbitten. Gottman rät Paaren, das Konfliktthema bald darauf in einem ruhigeren Moment wieder aufzugreifen. Damit der Zweitversuch nicht auch im kommunikativen Desaster ende, sollten sie allerdings gewisse Verhaltensweisen vermeiden.

Es kommt weniger darauf an, wie oft wir streiten, sondern ob wir in der Lage sind, verletzende Äusserungen durch Worte und Gesten der Anerkennung und Versöhnung auszugleichen.

In seinem «Love Lab» hat Gottman seit 1975 mehrere Tausend Paare untersucht. Regelmässig lud er Frischvermählte in sein Labor ein, wo sie Konfliktthemen besprechen sollten. Das Gespräch wurde aufgezeichnet, anschliessend verorteten Gottman und sein Team jede wörtliche Äusserung, aber auch Mimik und Gestik der Gesprächspartner auf einer Skala von +5 («liebevolle Zuwendung») bis –5 («offene Verachtung»).

Die Forscher erhoben im Lauf der Jahre regelmässig, welche Paare noch verheiratet waren. Sie wollten wissen, was die geglückten von den gescheiterten Ehen unterschied – und fanden in den Laborgesprächen der ehemals Frischverheirateten den entscheidenden Hinweis: Paare, die noch zusammen waren, hatten sich dadurch ausgezeichnet, dass sie mit positiven Interaktionen negative kompensierten – und zwar im Verhältnis von etwa 5:1. Das Fazit der Forscher: Es kommt weniger darauf an, wie oft wir streiten, sondern ob wir in der Lage sind, verletzende Äusserungen durch Worte und Gesten der Anerkennung und Versöhnung auszugleichen.

Was unser Bindungsverhalten prägt

Auch Persönlichkeitsmerkmale haben Einfluss auf unsere Partnerschaften, weiss Familienforscher ­Schöbi: «Emotional stabile und selbstsichere Menschen sind in ihren Beziehungen in der Regel zufriedener.» Eher hinderlich seien demgegenüber emotionale Instabilität oder ein geringes Selbstwert­gefühl. Wie Menschen in dieser Hinsicht ticken, hat viel mit ihren Bindungserfahrungen in der frühen Kindheit zu tun. Ob wir unsere engsten Bezugspersonen als zugewandt, verlässlich und liebevoll oder als distanziert, unberechenbar oder abweisend erlebten, prägt demnach unser Selbstbild und Bindungsverhalten als Erwachsene.

Emotional instabile Personen mit niedrigem Selbstwertgefühl hätten oft Mühe, selbst mit kleinen Unstimmigkeiten angemessen umzugehen, sagt ­Schöbi: «Ist der Partner nach einem schlechten Arbeitstag gereizt, beziehen sie seine Laune auf sich selbst und distanzieren sich. Sie ­neigen auch dazu, positive Zeichen falsch zu deuten: Kommt der Partner fröhlich nach Hause, fühlen sie sich womöglich zurückgewiesen, weil das Gegenüber Freude ausserhalb der Beziehung erfahren hat, und gehen wieder auf Distanz.»

Für Vater und Mutter Plattner dreht sich vieles, aber nicht alles um ihre vier Söhne Janic, Ramon, Joel und Mauro. Lesen Sie ihre Erzählung: «Kinder ziehen weiter, der Partner bleibt»
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Solche Bewältigungsstrate­gien zielten darauf ab, den Schmerz einer drohenden Ablehnung abzuschwächen, führten aber auf Dauer erst recht dazu, dass das Gegenüber sich abwende. Die gute Nachricht: Es kann gelingen, solche Muster abzulegen. «An der Seite eines stabilen und selbstsicheren Partners betrachten sich emotional instabile Menschen auf Dauer selbst positiver und können lernen, negative Verhaltensmuster zu durchbrechen», so Schöbi. Auch eine Psychotherapie oder enge Freundschaften könnten eine solche Veränderung anstossen.

Manchmal gehen einer Trennung keine grösseren Konflikte voraus. Dass Paare, die mit ihrer Beziehung im Grunde genommen zufrieden sind, getrennte Wege gehen, sei ein zunehmendes Phänomen, sagt Paarforscher Bodenmann: «Es betrifft gegenwärtig rund einen Viertel aller Scheidungen.» Oft seien solche ­Paare schon länger zusammen, ­hätten grössere oder jugendliche Kinder und die Aussicht auf die kommenden Jahre werfe die entscheidende Frage auf: Wars das schon?

Früher trennten wir uns, weil wir unglücklich waren, heute, weil wir noch glücklicher sein könnten.

Paartherapeutin und Bestsellerautorin Esther Perel

Hier färbe unsere Konsum­gesellschaft mit ihrer Wegwerfmentalität auf Beziehungen ab, glaubt Bodenmann. Der allgegenwärtige Wunsch nach Selbstverwirklichung schmälere unsere Bereitschaft, Bestehendes zu pflegen, zumal Onlinedienste und Dating-Apps mit scheinbar aufregenderen Alternativen lockten: «Viele wollen dann lieber etwas Neues, statt ins Alte zu investieren.» Dabei gehe gerne vergessen, dass Rückhalt, Geborgenheit und Stabilität durch einen Partner nicht beliebig ersetzbar, sondern das Produkt einer langjährigen gemeinsamen Reise seien.

Die Ehe datiert aus Zeiten, als die Lebenserwartung kurz und individuelle Freiheiten klein waren. Heute leben wir länger und selbstbestimmter. Das ist ein Segen. Ebenso, dass wir dabei etliche Wahlmöglichkeiten haben. Die Erwartung lautet allerdings auch, dass es dieses Privileg auszukosten und die richtige Wahl zu treffen gilt. «In einer Liebesbeziehung kann dies bedeuten, dass wir uns, indem wir uns für einen Partner entscheiden, immer auch gegen eine Anzahl anderer Partner entscheiden, die womöglich passender sein könnten. So entsteht eine permanente Sehnsucht, die dem Gefühl erfüllter Liebe zuwiderläuft», sagt die Paar- und Sexualtherapeutin Helke Bruchhaus Steinert.

Mit Erwartungen überfrachtet

«Früher trennten wir uns, weil wir unglücklich waren, heute, weil wir noch glücklicher sein könnten», fasst die New Yorker Paartherapeutin und Bestsellerautorin Esther Perel zusammen. «Wir wenden uns einer einzigen Person zu in der Hoffnung, sie könne uns bieten, was früher eine ganze Dorfgemeinschaft vermittelt hat, nämlich ein Gefühl von Zugehörigkeit, Bestimmung und Kontinuität», schreibt Perel in ihrem Buch «Was Liebe braucht. Das Geheimnis des Begehrens in festen Beziehungen».

Und fährt fort: «Gleichzeitig erwarten wir von einer verbindlichen Beziehung, dass sie sowohl romantisch als auch emotional und sexuell erfüllend ist. Kann es noch verwundern, dass so viele Beziehungen unter dieser übergros­sen Last zusammenbrechen?» Der Wunsch nach Stabilität und Geborgenheit, aber auch derjenige nach Aufbruch und neuen Reizen seien Grundbedürfnisse des Menschen, die in unterschiedliche Richtungen drängten, sagt Perel. Ein Partner könne sie auf Dauer nicht alle erfüllen.

Kinderzeit: Chiara Erni-­Biondi mit ihrem Sohn Charlie-Corsin. Lesen Sie ihre Erzählung: «Irgendwann reichts»
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Wir könnten jedoch versuchen, ein Nebeneinander unserer widerstrebenden Bedürfnisse zuzulassen, schlägt Perel vor. In einer Partnerschaft brauche es Phasen von Nähe und Geborgenheit, ebenso solche von Kühnheit und Wagnis: «Intimität sucht Nähe, doch das Verlangen brauche Distanz.» Ein und dieselbe Person über längere Zeit interessant zu finden, gelinge nur, wenn wir es fertigbrächten, «auch in vertrauter Umgebung einen Sinn für das Unbekannte zu entwickeln».

Für Perel bedeutet dies unter anderem, sich als eigenständige Person zu begreifen, diese auch unabhängig vom Partner zu pflegen und dem anderen mit Neugier zu begegnen, statt davon auszugehen, ihn in- und auswendig zu kennen. Oder, wie Perel es mit Proust formuliert: «Die wahre Entdeckungsreise besteht nicht darin, neue Landschaften zu suchen, sondern mit neuen Augen zu sehen.»

Virginia Nolan
ist Redaktorin, Bücherwurm und Wasserratte. Sie liebt gute Gesellschaft, feines Essen, Tiere und das Mittelmeer. Die Mutter einer Tochter im Primarschulalter lebt mit ihrer Familie im Zürcher Oberland.

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