Alle anderen dürfen auch! - Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi
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Alle anderen dürfen auch!

Lesedauer: 5 Minuten

Süssigkeiten, Handy, Ausgehzeiten: Wenn es nach den Kindern geht, dürfen die Freunde immer mehr. Ist das nur ein raffiniertes Argument vom Nachwuchs? Oder ein guter Anlass, um über Regeln und Verbote zu sprechen?

Text: Sandra Markert
Bild: Getty

Das Wichtigste in Kürze

  • Je wichtiger Freunde als Bezugspersonen werden, umso mehr werden familiäre Regeln und Verbote an dem gemessen, was andere dürfen.
  • Kinder haben ein Recht darauf, zu verstehen, warum bestimmte Regeln und Verbote für sie gelten. «Bei uns ist das eben so! Punkt» reicht als Erklärung nicht aus.
  • Wenn Eltern häufig als streng wahrgenommen werden, kann es sein, dass ein Dialog über Verbote fehlt.
  • Gebote und Verbote sind nicht in Stein gemeisselt, sie verändern sich mit dem Entwicklungsstand der Kinder. Wenn diese im Alltag die Möglichkeit haben, Verantwortung zu übernehmen und sich zu beweisen, sehen Eltern, was sie dem Nachwuchs zutrauen können.
  • Andere Eltern sind eine gute Orientierungshilfe. Erziehungsstile und -ziele lassen sich aber selten eins zu eins kopieren.

Ein paar Kleider unter die Bettdecke stopfen, damit es so aussieht, als ob da jemand liege. Und dann ab durchs Fenster und auf zur Party, während die Eltern ahnungslos schlafen. In zahllosen Filmen nehmen Jugendliche diesen Weg, weil die Eltern das Ausgehen verboten haben. Wer will schon zu Hause bleiben, wenn alle Freunde zusammen feiern dürfen?

Die Realität ist zwar keine amerikanische Highschool-Komödie. Und das massenhafte Ausbüxen aus dem Kinderzimmer scheitert meist schon daran, dass dieses nicht im Erdgeschoss liegt. «Aber man sieht an diesem Beispiel doch, was passiert, wenn man Dinge einfach ohne Dialog verbietet: Dann werden sie womöglich heimlich gemacht», sagt Daniela Melone, Geschäftsführerin des nationalen Dach- und Fachverbands für Elternbildung.

Neue Erfahrungen, neue Argumente

Kinder haben von klein auf einen eigenen Kopf. Was dieser möchte, ist oft nicht das, was den Eltern vorschwebt. Trotzdem sind die Eltern viele Jahre lang die wichtigste Orientierungshilfe für Kinder – egal ob es um Tischmanieren, Freizeitbeschäftigungen oder um die Kleiderwahl geht.

«Mit dem Primarschulalter aber werden Freunde als Bezugspersonen immer wichtiger», sagt Kira Ammann, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Erziehungswissenschaften der Universität Bern. Wer regelmässig bei anderen Kindern zu Hause zu Mittag isst oder spielt, sieht, dass dort andere Regeln gelten als zu Hause. Und dass auch Dinge erlaubt sind, die daheim undenkbar wären. 

Anders als Kleinkinder mit dem trotzigen «Ich will aber» eröffnen Schulkinder mit dem Freunde-Vergleich eine Diskussion.

Diese Erfahrung liefert Kindern in Auseinandersetzungen mit den Eltern ganz neue Argumente. «Alle anderen dürfen auch, warum darf ich das nicht?» ist eine berechtigte Frage, die Eltern von da an häufig hören. Anders als die trot­zige Entgegnung «Ich will aber» eines Kindergartenkindes, eröffnen Primarschüler mit dem ­Freunde-Vergleich eine Diskussion. «Und sie haben auch das Recht auf eine plausible Antwort», sagt Melone. 

«Bei uns ist das aber so! Punkt»

Häufig beobachtet Elternbildnerin Melone jedoch, dass Eltern die Diskussion dann einfach abwürgen: «Bei uns ist das aber so! Punkt.» Eltern haben nach so einem Satz vielleicht ihre Ruhe, beim Kind aber kommt an: Ich werde nicht ernst genommen, mir hört keiner zu. Nächstes Mal brauche ich erst gar nicht mehr zu fragen, wenn ich zu einer Party will. Vielleicht klettere ich dann einfach aus dem Fenster.

«Besser ist es, die Kommunikation mit dem Kind nicht einfach abzukürzen, sondern sich anzuhören, was genau das Kind will und warum das so wichtig ist», sagt Melone. Dann rät sie Eltern, den eigenen Standpunkt zu erklären («Wir machen uns Sorgen, weil du den weiten Weg zu dieser Party allein gehen willst») und zusammen mit dem Kind nach Kompromissen zu suchen («Vielleicht kannst du gemeinsam mit einer Freundin gehen und sie übernachtet danach bei dir»). 

Es kann helfen, Regeln und Verbote in der Familie zu überdenken.

«Dabei kann es gut sein, dass man keinen Kompromiss findet und das Kind nach der Diskussion noch immer sauer ist», sagt Melone. Aber es kennt nun zumindest die Beweggründe der Eltern. «Um die Kommunikation offen zu ­halten, würde ich zum Abschluss anbieten, dass das Kind jederzeit nochmals kommen und sich die Entscheidung erklären lassen kann, wenn es etwas doch noch nicht verstanden hat», sagt Melone.

Alle anderen dürfen auch? Stimmt nicht!

«Alle anderen dürfen auch» ist in so einer familiären Auseinandersetzung ein Argument – aber nicht das einzige. «Als Eltern darf man das auch ruhig mal kritisch hinterfragen», sagt Erziehungswissenschaftlerin Ammann. Wer bei anderen Eltern nachhake, merke nicht selten, dass das mit dem «Dürfen» gar nicht stimmt. Oder vielleicht eben mal als Ausnahme erlaubt war. 

Wenn der berühmte Satz fällt, ist dies aber ein guter Anlass, Regeln und Verbote in der Familie zu überdenken. Insbesondere dann, wenn er von Kindern häufig kommt, womöglich noch gepaart mit dem Vorwurf: «Ihr seid immer so streng!» Denn Kinder entwickeln sich täglich weiter. Waren sie vor einem halben Jahr noch unsichere Schwimmer, die noch nicht allein ins Freibad durften, kann das heute schon ganz anders aussehen.

«Kinder wollen zeigen, dass sie etwas Neues gelernt haben. Sie möchten sich ständig beweisen und übernehmen gerne Verantwortung. Wenn sie dazu Gelegenheit bekommen, können Eltern gut beobachten, was schon gut klappt und wo es vielleicht noch Unterstützung braucht. Sie sehen, ob sie Regeln lockern, Grenzen anpassen oder Verbote aufheben können», sagt Elternberaterin Melone.

Wie viel Taschengeld ist angemessen? Um welche Uhrzeit sollte das Kind zu Hause sein? Und braucht es mit zehn Jahren wirklich schon ein eigenes Smartphone? Auch Eltern, die ihre Kinder genau beobachten und stetig zu mehr ­Selbständigkeit anleiten, kommen immer wieder in Situationen, in denen sie nicht genau wissen, was jetzt die richtige Regel ist.

«Das Einfachste und Menschlichste ist dann, zu schauen, wie das andere Eltern handhaben», sagt Melone. Dieser Austausch zwischen Eltern sei wichtig, um sich Anregungen zu holen. Melone gibt aber auch zu bedenken, dass die Regeln anderer Familien in der eigenen oft nicht eins zu eins kopiert werden können.

«Es ist ausserdem sinnvoll, das Verhalten anderer kritisch zu hinterfragen: Woher haben denn die anderen Familien diese Idee? Welche Haltung steckt dahinter? Wird diese allgemein empfohlen?», so Melone. Denn: Auch für Eltern sind «alle anderen» wichtig – aber nicht alles entscheidend.

Tipps:
Warum Diskussionen wichtig sind

Der Tag war lang, alle sind müde und man hat keinen Nerv für die Diskussion «Alle anderen dürfen auch länger aufbleiben!». Es ist nur menschlich, dass dann einfach die Antwort fällt: «Aber du gehst jetzt ins Bett. Ende der Diskussion.» Daniela Melone, Geschäftsführerin von Elternbildung CH, rät Eltern, sich aber zumindest anzugewöhnen, noch einen kurzen Satz anzuhängen: «Wir reden da morgen oder am Wochenende noch mal in Ruhe darüber.» So würgen Eltern eine Diskussion nicht einfach ab, sondern signalisieren dem Kind: Ich habe gehört, da gibt es ein Bedürfnis, über das wir reden sollten.

Natürlich sind solche Diskussionen mit den Kindern bisweilen anstrengend. «Aber Argumente austauschen, einander zuhören und Kompromisse finden, das alles ist später für eine gute Kommunikation in der Erwachsenenwelt wichtig», sagt Melone. Mit den Eltern könnten Kinder sich in diesen Fähigkeiten üben.

Wichtig ist, weiss die Expertin, dass man dabei auf Augenhöhe bleibt – und zwar in zweifacher Hinsicht.

Erstens dürfen Themen und Länge der Diskussion Kinder nicht überfordern, denn Kinder und Jugendliche haben eine kürzere Aufmerksamkeitsspanne als Erwachsene. Ein ernstes Gespräch mit einem Primarschüler sollte deshalb höchstens 10 bis maximal 20 Minuten dauern, mit Jugendlichen etwas länger.

Zweitens ist es für gute Gespräche hilfreich, wenn Eltern dem Kind in die Augen schauen können und nicht «von oben herab» diskutieren. Für Eltern kleinerer Kinder heisst das: in die Hocke gehen oder sich zusammen aufs Sofa oder an den Tisch setzen.

Sandra Markert
ist freie Autorin und lebt mit ihrer Familie am Bodensee. Sie hat immer Suppennudeln im ­Vorratsschrank. Die mögen nicht nur alle drei Kinder (7, 5 und 2 Jahre). Sie können sich die Nudelsuppe auch selbst kochen, wenn ihnen das Essen auf dem Tisch nicht schmeckt.

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