Angststörungen: Was können Eltern tun? -
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Angststörungen: Was können Eltern tun?

Lesedauer: 2 Minuten

Noch nie litten so viele Kinder und Jugendliche an Angststörungen und Phobien wie heute. Psychotherapeutin und Trauma-Expertin Silvia Zanotta spricht im Interview über die Gründe und wie Eltern ihren Kindern helfen können. Am 12. September hält sie in Zürich einen Vortrag zu diesem Thema.

Interview: Stefanie Wolff-Heinze
Bild: Adobe Stock & zVg

Frau Zanotta, wie erklären Sie sich die steigende Zahl an Heranwachsenden, die an Angststörungen leiden und darum therapeutische Unterstützung benötigen?

Angststörungen und Depressionen haben über die letzten Jahrzehnte kontinuierlich zugenommen. Angstauslöser gibt es heute viele: Von der Tatsache, dass wir über die Medien sehen können, was im entferntesten Winkel der Erde passiert, bis hin zur Klimakrise oder auch der zunehmenden Beziehungslosigkeit in unserer Gesellschaft.

Dr. Silvia Zanotta, Psychotherapeutin und Expertin für Traumabehandlung. Sie arbeitet in eigener Praxis als Psychotherapeutin für Kinder, Jugendliche, Erwachsene und Familien in Zürich.

Kinder und Jugendliche sind darüber hinaus durch sehr hohe Leistungserwartungen belastet. Zudem konnten sie in der Pandemie die für ihre Autonomieentwicklung essenziellen sozialen Kontakte zu Freunden nicht ausreichend pflegen. Wir verzeichnen seither eine Explosion von Angststörungen und Depressionen. Angst wird unbewusst auch von wohlmeinenden Eltern verstärkt, indem sie ihr ängstliches Kind überbehüten und damit seine Resilienz schwächen.

Welches Verhalten von Eltern ist besonders problematisch?  

In Studien über Eltern von sehr ängstlichen Kindern haben sich – neben der Überbehütung – unterschiedliche Faktoren gezeigt: Es gibt zum einen die Helikoptereltern, die überinvolviert sind, und jene, die zu viel vom Kind fordern und überkritisch sind.

Am wichtigsten ist die Verbindung zu Menschen und zur Natur sowie das Erleben von Selbstwirksamkeit und Vertrauen.

Aber auch Mütter und Väter, die wegen ihrer Ängstlichkeit oder einer Krankheit als schwach und leidend erlebt werden, erhöhen die Ängstlichkeit ihrer Kinder. Diese schätzen dann Situationen schnell als bedrohlich und ihre eigene Kompetenz als niedrig ein. Sie verfallen in Schwarz-Weiss-Denken, haben eher negative Erwartungen. Manche reagieren mit somatischen Beschwerden wie Kopf- und Bauchschmerzen. Dies alles führt zu Vermeidungsverhalten: Die betroffenen Kinder ziehen sich in die Komfortzone zurück und können somit für ihre Entwicklung wichtige Erfahrungen nicht machen.

Was können Eltern tun – und wie kann eine Therapie helfen?

Eltern sollten ihrem Kind gut zuhören und es stärken, indem sie ihm signalisieren: Ich traue dir zu, dass du die Angst aus eigener Kraft überwinden kannst! In der Therapie ist es sehr wichtig, auf die Angst nicht nur kognitiv, sondern auf allen Ebenen einzugehen: Körperlich – also die Reaktionen des Nervensystems zu erkennen und diese zu verändern; emotional die Konfrontation mit schwierigen Situationen auf der imaginären Ebene herbeiführen oder mit den Persönlichkeitsanteilen arbeiten, die für die übermässige Angst verantwortlich sind. Auf der kognitiven Ebene können Betroffene lernen, nicht nur Sorgen und Angst, sondern auch Stärke und Freude wahrzunehmen! Am wichtigsten aber ist die Verbindung zu Menschen, zur Natur, zu Tieren sowie das Erleben von Selbstwirksamkeit und Vertrauen!

Kosmos-Kind-Vortrag: «Über die ganzheitliche Behandlung von Angst und Phobie»

Mehr zum Thema erfahren Sie im «Kosmos Kind»-Vortrag «Den Monstern die Stirn bieten: Über die ganzheitliche Behandlung von Angst und Phobie» von Dr. Silvia Zanotta am 12. September 2023, 18.30 Uhr, in der Stiftung. Für das Kind. Giedion Risch, Falkenstrasse 26, Zürich.

Tickets unter: www.fuerdaskind.ch/vortragszyklus

Abonnentinnen und Abonnenten von Fritz+Fränzi erhalten eine Ermässigung von 50 Prozent mit dem Promocode kosmoskind-23

Stefanie Wolff-Heinze
ist Kommunikationsverantwortliche bei der «Stiftung.Für das Kind». Die Politologin ist auch Mitglied der Geschäftsleitung.

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