Wie entwickeln sich Kinder von 4 bis 7 Jahren? -
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Wie entwickeln sich Kinder von 4 bis 7 Jahren?

Lesedauer: 4 Minuten

Quantensprung in der Entwicklung: Ab vier Jahren passiert bei einem Kind sehr viel. Welche physischen, psychischen und sozialen Veränderungen diese Phase mit sich bringt, lesen Sie in diesem Text.

Text: Julia Meyer-Hermann
Bilder: Catherine Falls

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Um den vierten Geburtstag herum beginnt eine Entwicklungsphase, die es in sich hat: Vorbei die Zeit, in der Kinder nur das unmittelbar vor ihnen Liegende wahrnehmen. Vorbei die Zeit, in der sie grösstenteils mit der Familie zusammen sind. In diesen Kinderjahren weitet sich die Perspektive sprunghaft, die Vorstellungskraft, der Bewegungsradius und das soziale Umfeld wachsen.

Kognitive Entwicklung: Kinder entwickeln ein besseres Verständnis von Ursache und Wirkung, logischem Denken und der Zeit. Gedächtnis und Aufmerksamkeitsspanne verbessern sich ebenfalls. Sie können sich erinnern und Pläne schmieden. «Im Unterschied zu Dreijährigen kann ein vierjähriges Kind einen Grossteil des Vormittags im Rollenspiel mit anderen Kindern verbringen. Es kann an vorherige Spielsequenzen anknüpfen, auch an die vom Vortag», beschreibt es Heidi Simoni, Fachpsychologin für Psychotherapie.

Auch die Fantasie und das abstrakte Denkvermögen verändern sich: Während eine Zweijährige es für das Grösste hält, alles nachzuahmen, was die Eltern tun, sitzt ein Fünfjähriger nur wenige Jahre später unter der Treppe in einem ausgedachten Segelboot und nimmt Kurs auf die Welt.

Sprachliche Entwicklung: Der Wortschatz erweitert sich stark und Kinder können längere und komplexere Sätze formulieren. Sie beginnen auch, Geschichten zu erzählen und ihre Gedanken und Gefühle besser auszudrücken.

Motorische Entwicklung: Die Muskeln und Knochen werden stärker, was auch zu besserer Koordination und Geschicklichkeit führt. Die Grobmotorik verbessert sich und Kinder werden geschickter beim Laufen, Springen, Klettern, Ballspielen und -fangen. Die Feinmotorik wird präziser, was es Kindern ermöglicht, Gegenstände zu manipulieren, einen Stift richtig zu halten und zu malen.

Manche Primarschüler kennen noch keinen einzigen Buchstaben, andere lesen Buch um Buch.

Soziale und emotionale Entwicklung: Kinder beginnen, sich stärker in andere hineinzuversetzen, sie lernen, die Perspektive eines Gegenübers einzunehmen und Empathie zu zeigen. Sie entwickeln Freundschaften und üben sich darin, mit anderen zu interagieren, Regeln zu befolgen, zu teilen und Konflikte auf angemessene Weise zu lösen. Die emotionale Selbstregulierung verbessert sich und Kinder können ihre Gefühle besser kontrollieren.

Wann und in welchem Tempo Kinder diese Entwicklungsaufgaben bewältigen, ist individuell unterschiedlich. Je älter Kinder dieser Altersgruppe werden, umso stärker treten die Unterschiede zwischen ihnen zutage. Einige Vierjährige fahren schon problemlos Velo, während andere auf dem Trotti Gleichgewichtsprobleme haben. Einige Schulanfänger gehen schon allein nach Hause und machen dort ihre Aufgaben, während andere noch Hilfe beim Toilettengang brauchen. Manche Primarschüler kennen noch keinen einzigen Buchstaben, andere lesen Buch um Buch.

«Die Variabilität, also die Unterschiedlichkeit von gleichaltrigen Kindern ist sehr gross», beschreibt es Oskar Jenni, Kinderarzt und Professor für Entwicklungspädiatrie an der Universität Zürich. Ein Beispiel aus Jennis Untersuchungen zeigt: Fünfjährige Buben springen im Kindergarten aus dem Stand im Durchschnitt 87 Zentimeter weit. Die stärksten Buben springen 115 Zentimeter, die schwächsten 47 Zentimeter. Die Spannbreite beträgt also 68 Zentimeter.

Diese Unterschiede zwischen Kindern beunruhigen etliche Eltern, sie sind aber laut Experten gerade auf dieser Altersstufe normal. Claudia Roebers leitet die Abteilung für Entwicklungspsychologie an der Universität Bern. Die Professorin unterrichtet und forscht seit über zwanzig Jahren in den Bereichen motorische und kognitive Entwicklung von Kindern. Sie sagt: «Unsere Gesellschaft tendiert leider dahin, den Normalitätsbegriff immer enger zu fassen. Eltern wollen, dass ihr Kind mindestens punktgenau den Mittelwert trifft oder bestenfalls besser ist.» Die Aufgabe der Eltern sei es, keinen Druck auszuüben, sondern die Kinder in ihrem Tempo zu unterstützen.

Kinder streben nach Unabhängigkeit und brauchen Geborgenheit.

Das gilt auch für die Kompetenzentwicklung im sozialen Bereich. Wenn Kinder mit ihren Eltern kommunizieren und lernen, ihre eigenen Bedürfnisse und Gefühle auszudrücken, hilft ihnen das im Umgang mit Gleichaltrigen.

Mit den veränderten sozialen Beziehungen treten neue Kümmernisse auf. «Es sind nicht mehr unheimliche Schatten, kleine Schürfwunden oder nicht wiederzufindende Kuscheltiere, die den Nachwuchs belasten – darüber sind Kinder im frühen Schulalter in der Regel hinausgewachsen», hält Hedvig Montgomery fest. Die schwedische Familientherapeutin ist Autorin der Buchreihe «Die Hedvig-Formel». Sie stellt fest: «Da Kinder nun mehr und mehr in eine neue Welt eintauchen, die von Schule und Freundschaften geprägt ist, brauchen sie Trost bei allem, was in zwischenmenschlichen Beziehungen schiefgehen kann.»

Neue Ängste können entstehen

Die veränderte Mobilität und das neue Umfeld können auch zu neuen Ängsten führen – vor Verletzungen oder Gefahren beispielsweise. Auch Angst, sich von den Eltern zu trennen, kann wieder eine Rolle spielen, ausgelöst durch neue Kontakte und eine unbekannte Umgebung.

«Diese Ängste sind ein normaler Teil der kindlichen Entwicklung in diesem Alter», sagt Moritz Daum, Professor für Entwicklungspsychologie an der Universität Zürich. «Sie zeigen, dass das Kind seine Fantasie entwickelt, lernen muss, Gefahren einzuschätzen und sich an neue soziale Situationen anzupassen.» Die Bindung zu den Eltern bleibt also im Vorschulalter und frühen Schulalter wichtig. Kinder brauchen weiterhin die Nähe und den Schutz ihrer Eltern, während sie gleichzeitig ihre Unabhängigkeit entwickeln.

Was braucht mein Kind?

Eltern wünschen sich, dass ihre Kinder sich gut entwickeln. Was das konkret bedeutet, ist vielen aber gar nicht bewusst. Eine «gute Entwicklung» ist in der eigenen Vorstellung oft verknüpft mit einer unauffälligen, störungsfreien oder leistungsstarken Kindheit.

Wenn Eltern mit sorgenvollem Blick die Entwicklung ihrer Kinder beobachten, fragen sie sich oftmals auch, was sie im Familienalltag besser machen könnten. Vielleicht muss das Kind stärker gefördert werden. Vielleicht braucht es einen Schubs in die richtige Richtung, denken einige.

Doch Studien zeigen: Die Bandbreite dessen, was gut und richtig ist, ist viel grösser, als Eltern gemeinhin annehmen. Es hilft, diese Entwicklungsvariabilität zu akzeptieren – und bei Fragen einen Experten zu konsultieren.

Wir haben das getan. In unserem Dossier «kindliche Entwicklung» fassen wir Grundlegendes zu Entwicklungsschritten in verschiedenen Altersgruppen zusammen.

Julia Meyer-Hermann
lebt mit ihrer Tochter und ihrem Sohn in Hannover. Ihre Schwerpunkte sind Wissenschafts- und Psychologiethemen.

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