Der leise Neid auf pubertierende Teenies -
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Der leise Neid auf pubertierende Teenies

Lesedauer: 2 Minuten

Unsere Kolumnistin Michèle Binswanger über pubertierende Teenager: Wer liebt, dem stösst Schmerz zu. Und wer lebt, dem stösst die Pubertät zu.

Die Vorstellung, dem Nachwuchs könnte etwas zustossen, ist für jede Mutter grauenhaft. Aber manche Dinge müssen den Kindern zustossen. Wer liebt, dem stösst Schmerz zu. Und wer lebt, dem stösst die Pubertät zu.

Dass die eben noch süss nach Hefe duftenden Babys plötzlich fettige Haare und Pickel bekommen, ist unvermeidlich. Und wenn man kein Wort mehr von dem versteht, was die beiden Teenies beim Mittagstisch miteinander verhandeln, und bei ihren Witzen, wie einst die eigene Mutter, die Pointe erklärt bekommen muss, dann ist es so weit: Die Pubertät ist da. Und damit auch die grösste aller Sorgen: Was macht sie mit meinem Kind? Und was macht mein Kind damit?

Es gibt kein grösseres Abenteuer, als sich selbst zu finden.

Ich habe Grund zur Sorge. Die Erinnerung an meine eigenen Teenagerjahre ist düster, ich war ein einziger Krisenherd. Ich hasste die Schule, die Lehrer, fühlte mich unverstanden und ungeliebt und dachte viel an den Tod. Glücklicherweise scheint meine Sechzehnjährige mit dieser turbulenten Zeit besser zurechtzukommen als ich damals. Zwar findet auch sie die Schule das Allerletzte, aber sie meistert die Sache bravourös. Und schafft sogar, was ich nie für möglich gehalten hätte: dass ich sie um diese Phase ein bisschen beneide.

«Kennt ihr das», fragte sie neulich beim Nachtessen, «wenn ein Lied dich plötzlich in die Vergangenheit zurückversetzt und man so ein Ziehen in der Brust kriegt, weil diese Phase unwiederbringlich vorbei ist?» Ja!, wollte ich sagen, kenne ich, funktioniert auch mit Düften und Büchern! Aber bevor ich mich fragen konnte, wann mir das zum letzten Mal passiert ist, fuhr die Tochter fort: «Und dann stellst du fest, dass diese unwiederbringliche Vergangenheit erst zwei Monate her ist.» 

Kann man das Empfinden eines Teenagers noch besser auf den Punkt bringen? Und gleichzeitig auch den Unterschied zum Erwachsensein? Teenagersein heisst, in einer Nussschale durch eine stürmisch aufgewühlte See zu navigieren, unkontrolliert von Wellenbergen in Abgründe zu sausen. Nicht zu wissen, wer man ist und wohin man steuert, kann anstrengend sein, ist manchmal schlicht zu viel. Aber es gibt kein grösseres Abenteuer, als sich selbst zu finden.

Die Pubertät dauert nicht ewig und dann beruhigt sich die stürmische See, das Leben mündet in einen träge dahinziehenden Fluss, und wenn erst mal Kinder kommen, ist die Richtung klar, Wellen wirft höchstens noch das eigene Schiff. Dagegen hatte ich nie etwas einzuwenden, doch angesichts der gefühlvollen Seufzer meiner Tochter fragte ich mich plötzlich: Ist mir nicht auch etwas verloren gegangen? Wann habe ich zuletzt solche Leidenschaft und Intensität empfunden? Wann habe ich zum letzten Mal mein Leben total umgekrempelt und mich neu erfunden? Werde ich das je wieder erfahren?

Vielleicht liegt darin die Krux: dass Menschen sich das in der Regel nicht freiwillig antun, dass es einem zustossen muss. Wie wenn man eine Familie gründet und keine Ahnung hat, was das heisst. Meine Tochter jedenfalls macht mir Mut, mich auch künftig auf Abenteuer einzulassen. 

Michèle Binswanger
Die studierte Philosophin ist Journalistin und Buchautorin. Sie schreibt zu Gesellschaftsthemen, ist Mutter zweier Kinder und lebt in Basel.

Alle Artikel von Michèle Binswanger

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