«Du kannst ja die dicke Barbie daten»
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«Du kannst ja die dicke Barbie daten»

Lesedauer: 4 Minuten

Unsere Kolumnistin hat sich mit ihren Teenager-Söhnen im Kino den Blockbuster «Barbie» reingezogen. Das Urteil der drei fällt entgegen der gängigen Feminismus-Euphorie vernichtend aus.

Text: Andrea Müller
Bild: Adobe Stock

Aber ich zieh auf keinen Fall ein rosa T-Shirt an!», sagt Ben, kopfschüttelnd meine rosa gefärbten Haarsträhnen betrachtend. «Mama, du bist doch nicht 12!» Das nicht, aber ein bisschen nostalgisch und manchmal auch weniger erwachsen als Ben und sein grosser Bruder. Dass sogar der mit uns in «Barbie» geht, verdanke ich dem vielen Regen und Mattels Marketing-Team aus der Plastik-Hölle. Ja, Google sprüht rosa Funken, wenn man Ryan Gosling googelt.

Ihr Einverständnis erfolgte erstaunlicherweise unter nur wenigen Bedingungen: Sie wollen den Film nicht im Original auf Englisch schauen – da müsste man ja noch Untertitel lesen –, sie gehen zudem sicher nicht ins Programmkino, sondern nur dorthin, wo ein Kubikmeter Popcorn mit Cola im Liter-Nachfüllbecher fünfzehn Euro kostet. Deal.

Gleich ab der ersten Szene kommentieren sie den Film wie Sportreporter ein Fussballspiel.

Wir sitzen im Parkett am Rand, nahe beim Ausgang, man weiss ja nie. Ich in der Mitte, links der Mittelstufen-Macker, rechts der Maturand mit Milchbart. Gleich ab der ersten Szene kommentieren sie den Film wie Sportreporter ein Fussballspiel. Beim 14-Jährigen fällt kurzfristig das «S» aus dem Alphabet, wegen zu viel Popcorn in nagelneuer Zahnspange. «Hä? Wiefo werfen die Mädchen ihre Babypuppen jetzt weg, wefhalb finden die auf einmal Barbiepuppen cooler, Mama?» «Hmm. Weil kleine Mädchen lieber mächtig als Mami sein wollen?», flüstere ich ihm ins Ohr.

Genau wie ich früher. Auch meine Barbies hatten Hunderte von Kleidern, eine Kutsche und Küchengeräte. Sie hatten immer super Laune, den perfekten Lidstrich, sogar nachts, und einen perfekten Körper. Kein Supermodel wird je Barbie-Masse erreichen, Barbie hat ja auch keine Kinder. Dass sie kein Geschlechtsteil besass, ist uns damals nicht aufgefallen. Ken kam erst viel später – ein Ken auf fünf Barbies, das reichte.

«Krass, die fliegt einfach aus dem Haus!», lacht Sohn eins lauthals, als die stereotype Barbie mit High Heels und Abendkleid aus dem dritten Stock ihres Barbiehauses schwebt. Genau, so war das, denke ich, während mein 14-Jähriger mault: «Echt voll realistisch! Hatten Barbiehäuser in der Steinzeit keine Aufzüge?» Ich erinnere ihn daran, dass Superman, Spiderman und alle anderen männlichen Kinokollegen auch fliegen können. Und dass er bitte gefälligst anständig sein soll.

«Aber menno Mama, das ist voll der Mädchenfilm!», mault er weiter, das Wort «Mädchenfilm» spuckt er aus wie hartes Popcorn, in Richtung Vorderreihe. Er hat wirklich keine Lust, sein 14-Jähriges ultracooles Ich von rosa Plastikmüll infiltrieren zu lassen, «nur weil du Kindheitserinnerungen hast».

Huch, denke ich, habe ich den echt erzogen?

Als dann noch das Wort «Feminismus» fällt, ist bei Ben endgültig der Ofen aus. Auch sein grosser Bruder Caspar fühlt sich reingelegt, wenn auch aus anderen Gründen: In seiner Generation gebe es kaum etwas Lästigeres als Frauenrechte, es herrsche ohnehin fast überall das Matriarchat, in der Schule, in Clubs und auf Klassenreisen, wo Mädchen neuerdings ausflippen, wenn Jungs nicht beim Abwasch helfen. «Obwohl die das viel besser können.»

Huch, denke ich, habe ich den echt erzogen? Er schlägt sich kichernd mit der flachen Hand auf die Stirn, als Stereotyp-Barbie nach einer Bruchlandung aus dem dritten Stock «voll tussig» ihre Plattfüsse beweint. Dass kurz darauf die eben noch schwebende weibliche Plastikpuppe von unzulässigen Todesgedanken heimgesucht wird, die im Barbieland so gar nichts zu suchen haben, findet er total unlogisch: «Plastik kann nicht sterben. Nur recycelt werden.»

Das ist übrigens die Geschichte des Films: Barbie wird recycelt. Sie vollzieht den Wandel von der Plastik- Protagonistin zum echten Menschen mit echten Tränen und echten Fehlern. Wir drei atmen auf, als die Stereotyp-Barbie auf neonfarbenen Fortbewegungsmitteln das rosa Hubba-Bubba-Geblubber verlassen darf, und endlich in der echten Welt ankommt. Diese befindet sich – wo auch sonst – auf einer palmenumrankten Strandpromenade in L.A.. Barbie und Ken, der einfach heimlich mitgereist ist, werden dort erstmal heftig angeglotzt und ausgelacht. Was zwar lustig ist, aber Bens Mitgefühl entfacht.

Noch trauriger wird er, als ein paar Teenagerinnen seines Alters, offenbar Hardcore-Feministinnen, die Stereotyp-Barbie ausfragen und verhöhnen. «Wieder keine echten Mädchen!», sagt Ben. Solche kenne er weder aus der Schule, noch vom Segeln oder sonst wo. Er hat keine Lust mehr. «Also, ich schlaf jetzt!», motzt er, Barbies Welt interessiert ihn weder inner- noch ausserhalb des Endlos-Mattel-Werbespots namens Barbieland.

Die Kommerzialisierung des Feminismus wäre mir noch egal gewesen, meinetwegen darf er aus Glamour und Glitzer sein.

Ich schäme mich ein bisschen, während meine Söhne Schlaf androhen oder mit gewisser Lust am Spielverderben lauthals vermeintliche Regiefehler enttarnen. Aber woher hätte ich wissen sollen, dass «Barbie» keine feministische Gesellschafts-Satire ist? Wenn sogar das deutschsprachige Feuilleton flächendeckend darüber debattiert, ob der idealistische Ausverkauf einer Minderheiten-Bewegung namens Feminismus okay ist oder nicht – ein unverdientes Kompliment für den platten Blockbuster.

Die Kommerzialisierung des Feminismus wäre mir dabei noch egal gewesen, meinetwegen darf er aus Glamour und Glitzer sein, ich finde es auch okay, wenn Beyoncé ein Neonshirt mit dem Schriftzug «Feministe» trägt – solange es für die gute Sache ist. Popfeminismus ist auch Feminismus!

Ken ist der Star des Films.

Barbie-Feminismus ist wie «des Kaisers neue Kleider»: nicht existent. Nicht nur Barbies bewusster Einsatz von «Mansplaining» (erkläre ich Ben später), den Caspar mit «ja, ja, immer schön dumm stellen» kommentiert. Das soll also Barbies stärkste, weibliche Waffe sein, um das (wieso eigentlich?) entstehende Kendom-Patriarchat zu verhindern? Frauen sollen sich schön blöd geben, damit Männer sich besser fühlen? Und apropos: Ken, von Beruf «Beach», blöd und platinblond, hängt sein weibliches Pendant mit unschlagbar dämlichem Gesichtsausdruck und perfektem Waschbrettbauch sogar darin ab. Er ist der Star des Films.

Auf dem Rückweg stellt Caspar fest, dass nur wenige Frauen Barbies Style vom Kinderzimmer ins wahre Leben transportiert haben. Gott sei Dank, denn solche wie Margot Robbie stelle er sich echt stressig vor, in einem Männerleben. «Du kannst ja auch die dicke Barbie daten!», schlussfolgert Ben. Inwieweit dieser satirische Kunstgriff, das Quoten-Pummelchen, für Diversität in der ansonsten optisch perfekten Barbieschar seinen Zweck erfüllt, gesellschaftliche Missstände anzuprangern, bleibt weiterhin ein Rätsel. In Spielzeugläden jedenfalls könne man keine dicke Barbie kaufen, sagt Ben. «Die hätte mal die Hauptrolle spielen sollen…!»

Ja, was will man machen: It’s a Ken’s world.

Andrea Müller
ist Journalistin, lebt in Hamburg und hat zwei Teenager-Söhne, die sie (oft vergeblich) zu Nicht-Mackern zu erziehen versucht. In Bezug auf den Alltag mit ihren Kindern denkt sie nicht selten: Absurder könnte kein Hollywood-Autor das Leben einer Single-Mom erfinden.

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