Bildschirmzeit: Wenn Kontrolle nur noch ein frommer Wunsch ist
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Wenn Kontrolle nur noch ein frommer Wunsch ist

Lesedauer: 4 Minuten

Kinder und Jugendliche nutzen digitale Geräte immer umfassender – in der Schule und zu Hause. Das erschwert es Eltern, ihre Bildschirmzeit regulieren zu können. Statt zu kapitulieren, müssen wir darum unseren Nachwuchs in die Pflicht nehmen.

Text: Thomas Feibel
Illustration: Petra Duvkova / Die Illustratoren

In der Medienerziehung früherer Jahre war die Bildschirmzeit ein enorm wichtiger Faktor. Eltern wollten von Fachleuten wissen, wie lange Kinder vor dem Fernsehgerät oder dem Computer sitzen dürfen. Damit wollten sie einschätzen können, wie viel Medienzeit vertretbar oder eben zu viel war. Bei einer Empfehlung von 90 Minuten Bildschirmzeit für Zwölfjährige durften sich diese das Kontingent eigenständig einteilen. Wer eineinhalb Stunden an der Konsole verzockte, konnte eben die Lieblingsserie nicht mehr sehen.

Dann machte die Medienkonvergenz unseren erzieherischen Bestrebungen einen Strich durch die Rechnung. Dieser Fachbegriff bedeutet verkürzt ausgedrückt, dass die Technologien und Medien sich immer mehr miteinander vermischen. So können Kinder und Jugendliche heute an der Spielkonsole chatten, am Computer fernsehen, mit der Smartwatch telefonieren und mit dem Handy spielen. Spätestens seit Kinder ein eigenes Smartphone besitzen, scheint die Kontrolle der Nutzungsdauer also ein frommer Wunschtraum geworden zu sein.

Doch eine Frage beschäftigt Eltern nach wie vor: Wie viel Bildschirmzeit ist unschädlich? Vor einigen Wochen hat die Australian Catholic University eine aktuelle Studie veröffentlicht, in der die Vorzüge und Nachteile der Bildschirmnutzung herausgearbeitet wurden. Dazu verglichen der Wissenschaftler Taren Sanders und seine Kolleginnen und Kollegen mit grossem Aufwand über 100 bereits durchgeführte Metaanalysen miteinander.

Die Zahlen sind beeindruckend: Knapp 2500 Einzelstudien mit rund zwei Millionen Teilnehmenden wurden genauer unter die Lupe genommen. Die Ergebnisse brachten allerdings keine neuen Erkenntnisse zutage. Die – schon länger diskutierte – These, dass nicht nur die Zeit am Bildschirm entscheidend ist, sondern der Content, klingt für Eltern erst mal beruhigend. Die Meinung dazu geht in Fachkreisen jedoch auseinander.

Kein positiver Nutzen durch Social Media

In einem Interview, das er anlässlich der Veröffentlichung dieser Studie gegeben hat, erzählte Sanders, dass sich die Lese- und Schreibkompetenz durch Lerninhalte an den Geräten verbessern könne, wobei sich diese Leistung durch zu langes Fernsehen wiederum verschlechtere.

Das ist weniger überraschend als Sanders’ Äusserungen zur Wirkung sozialer Medien auf Kinder und Jugendliche: Er habe zu diesem Thema keine Studie oder Meta­analyse finden können, sagte er, die einen «positiven Aspekt» für die Entwicklung von Kindern aufgezeigt habe. Darum sieht der Forscher darin eher ein «Risiko», das «keinen Nutzen» habe. Sanders räumte dabei jedoch ein, dass es durchaus positive Effekte geben könnte, diese aber möglicherweise noch nicht erforscht seien. Er jedenfalls rate Eltern ab, ihren Kindern den Zugang zu sozialen Medien zu erlauben. Wie realistisch dieser Rat ist, steht auf einem anderen Blatt.

Schweden und Neuseeland verbannen die Tablets wieder aus der Grundschule.

Die Ergebnisse dieser Untersuchung bleiben also etwas schwammig und haben für die Erziehung wenig ­Nutzen. Dabei existiert bereits eine Reihe von Erkenntnissen und Empfehlungen, die an Deutlichkeit nichts vermissen lassen. So empfiehlt die Weltgesundheitsorganisation (WHO), dass Kinder unter zwei Jahren überhaupt nicht an einen Bildschirm sollten. Eine japanische Studie der Tohoku University in Sendai aus dem Jahre 2023 warnt sogar davor, dass Kinder bis zu vier Jahren aufgrund von Bildschirmkonsum unter Entwicklungsstörungen leiden können.

Bildschirmkonsum beeinflusst die Hirnentwicklung

Zur Vorsicht mahnen auch die Resultate einer Analyse von über 30 Studien aus dem Jahr 2023. Neurowissenschaftler der chinesischen Shanghai Normal University und der australischen Macquarie University in Sydney konzentrierten sich in ihrer Forschung auf die Entwicklung des Gehirns. Im Mittelpunkt standen dabei Kinder zwischen sechs Monaten und zwölf Jahren.

Bei Kindern ist der präfrontale Kortex noch nicht ausgereift. Dieser ist etwa für die intellektuelle Leistungsfähigkeit, die Motivation oder die Steuerung von Emotionen zuständig. Seine Entwicklung zieht sich bis ins frühe Erwachsenenalter hin. Gemäss der Analyse führt die Bildschirmzeit demnach zu Ver­änderungen und Verzögerungen der neuronalen Vernetzungen des Gehirns. Das belegt auch eine aktuelle Studie aus Malaysia.

Unser Umgang mit der Frage, wie viel Zeit ein Kind vor dem Bildschirm verbringen soll, muss differenzierter werden.

Diese Erkenntnisse haben die Politik auf den Plan gerufen: Der chinesische Staat möchte seine Kinder und Jugendlichen durch restriktive Beschränkungen der Smartphone-Nutzung stärker schützen. Auch der französische Präsident Emmanuel Macron plant, die Bildschirmzeit für Kinder zu begrenzen. Und Schweden und Neuseeland verbannen gerade die Tablets wieder aus der Grundschule.

Forschung kommt nicht nach mit der Entwicklung

Das alles klingt sehr alarmistisch. Tatsächlich geht es aber eher um ein Innehalten, ein Nachdenken, um sich der möglichen Konsequenzen bewusst zu werden. Denn wir wissen immer noch zu wenig über die Auswirkungen der digitalen Bildschirmzeit auf Kinder. Die technische Entwicklung schreitet mit Siebenmeilenstiefeln voran, und mit diesem Tempo kann die Forschung nur bedingt mithalten. Für eine Langzeitstudie, die über Jahre und Jahrzehnte die Auswirkungen der digitalen Medien auf die kindliche Entwicklung betrachtet, sind diese Medien zu jung, zu schnell und zu wechselhaft. Darum fordern namhafte Wissenschaftlerinnen und Ärzte aus der Schweiz, Deutschland und Österreich in einem Morato­rium, «die einseitige Fixierung auf Digitaltechnik in Kitas und Schulen zu revidieren».

Wie immer all diese Bestrebungen auch ausgehen mögen: Eltern brauchen für den Erziehungsalltag verlässliche Leitlinien. Zum Thema Bildschirmzeit hat Pro Juventute sorgsam abgewogene Vorschläge. Diese Empfehlungen leisten aber nur für Kinder bis etwa zehn Jahre gute Dienste, solange Eltern die Medienzeiten noch entsprechend kontrollieren können und nicht vor aufreibenden Diskussionen mit Pubertierenden zurückschrecken. Statt zu kapitulieren, müssen wir an diesem Punkt die Verantwortung der Bildschirmzeit in die Hände unserer Kinder legen.

Voraussetzung dazu ist eine gute und gründliche Bildung der Medienkompetenz, die Kindern und Jugendlichen hilft, selbstregulativ ihre Nutzungszeiten zu beschränken. Einfach wird das nicht, da nicht nur gespielt und gepostet, sondern der Bildschirm tagtäglich eben auch für Haus­aufgaben, Freizeitaktivitäten und Absprachen genutzt wird.

Fazit: Die Bildschirmzeit hat längst nicht ausgedient, aber unser Umgang damit muss differenzierter sein. Dazu gehört auch, die weiteren Ergebnisse der Forschung im Auge zu behalten und dabei stets realistisch zu bleiben. Bis dahin gilt: Die Dosis macht das Gift.

Gut zu wissen
  • Die Unesco bemängelt, dass die digitalen Bestrebungen bei Schülerinnen und Schülern oft von der Wirtschaft und weniger von der Pädagogik geleitet würden.
  • Bei Industrie denken wir immer an Tablets, Smartphones und Computer, aber der ­vermutlich grösste Zweig dürfte der globale Display-Markt sein. Der hat 2022 rund 124 Milliarden Dollar eingenommen – bis 2032 soll diese Summe verdoppelt werden.

Thomas Feibel
ist einer der führenden ­Journalisten zum Thema «Kinder und neue Medien» im deutschsprachigen Raum. Der Medienexperte leitet das Büro für Kindermedien in Berlin, hält Lesungen und Vorträge, veranstaltet Workshops und Seminare. Zuletzt erschien sein Elternratgeber «Jetzt pack doch mal das Handy weg» im Ullstein-Verlag. Feibel ist verheiratet und Vater von vier Kindern.

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