Mit einer guten Recherche zu besserem Wissen
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Mit einer guten Recherche zu besserem Wissen

Lesedauer: 4 Minuten

Im digitalen Zeitalter ist das Suchen, Überprüfen und Einordnen von Informationen eine ­Schlüsselqualifikation für das ganze Leben. Wie Kinder und Jugendliche sie sich aneignen können.

Text: Thomas Feibel
Illustration: Petra Duvkova / Die Illustratoren

Wenn es um das Aufwachsen in der digitalen Welt geht, sprechen wir meistens nur über die negativen Seiten des Internets. Dabei vergessen wir zuweilen die Tatsache, dass das Informationszeitalter ein wunderbares Geschenk ist. Noch nie zuvor stand uns allen so viel Wissen zur Verfügung.

Zur Erinnerung: Wollte früher ein Kind etwas in Erfahrung bringen, waren die Eltern die ersten Ansprechpartner. Kannten sie die Antwort nicht, wurde gemeinsam das Familienlexikon zurate gezogen. Doch meistens fielen die Auskünfte darin kryptisch verknappt aus oder die Enzyklopädie war bereits ver­altet. Heute steht uns das Netz in seiner ganzen Fülle zur Verfügung und ist dabei auch noch unglaublich schnell, topaktuell und hürdenlos. Um eine Information zu finden, muss nur eine Suchmaschine bedient werden. 

Doch was tun, wenn Google & Co. für den Begriff «Entropie» zwar nur mickrige 0,29 Sekunden benötigen, dann aber 2 910 000 Ergebnisse ausspucken? Reden wir also über Recherche.

Was ist überhaupt eine Recherche?

Im Allgemeinen versteht man darunter die Suche nach unterschiedlichsten Informationen aus analogen und digitalen Quellen. Die Recherche ist ein Teil der Informationskompetenz. Über diese verfügt, wer unter anderem klug und ergebnisorientiert einem Thema auf den Grund geht, um die Suchergebnisse anschliessend gezielt zu bewerten. Aus rechtlicher Sicht ist es dabei gut zu wissen, wie und wo eine Text­stelle verwendet werden darf.

Noch wichtiger ist allerdings die Frage, ob die Sachverhalte auch glaubwürdig und korrekt sind. Denn die eigentliche Kunst der Recherche besteht vor allem in der Überprüfung der Quellen. Diese Fähigkeit wird für meinen Geschmack zurzeit von Schule und Medien etwas zu sehr auf die Fake-News-Thematik beschränkt – als ob die Verifizierung von Informationen allein dem Aufdecken digitaler Lügengebilde dienen würde. Das wäre Unsinn.

Weshalb muss Recherchieren gelernt sein?

Die Überprüfung von Quellen ist etwas grundsätzlich Positives und immer wichtig. Wir alle kennen doch das befriedigende Gefühl, wenn wir genau das finden, wonach wir gesucht haben. Und niemand möchte mit anderen schriftlich oder mündlich Inhalte teilen, die fehlerhaft sind.

Recherchieren hilft Kindern und Jugendlichen in ihrer freien Meinungsbildung. Sie können einen eigenen Standpunkt beziehen.

Das gilt nicht nur, aber besonders für den Lernalltag. Darum ist es auch richtig, dass Kinder heute die Bedienung dieses mächtigen Werkzeugs Recherche bereits in der Schule erlernen. Denn der Umgang damit ist eine Schlüsselkompetenz, die für die Bildung und persönliche Entwicklung von Kindern und Jugendlichen unentbehrlich ist. Sie werden sie ihr Leben lang brauchen.

Was lernen Kinder und Jugendliche dabei?

Es spielt keine Rolle, ob Kinder und Jugendliche für ein Referat in der Schule recherchieren müssen oder ob sie gerade hochmotiviert ihren eigenen Interessen folgen. Sie müssen in jedem Fall lernen, die für sie relevanten Informationen herauszufiltern und auf ihren jeweiligen Nutzen zu überprüfen.

Recherche … 

… ist ein unerlässliches Werkzeug für den Wissenserwerb;

… dient der Vertiefung verschiedenster Themengebiete;

… begleitet Kinder von der Primarschule bis zur Ausbildung, zum Studium und Beruf;

… fördert das kritische Denken, weil Kinder auf diese Weise lernen, ihre Ergebnisse differenziert zu analysieren, zu reflektieren und zu bewerten;

… führt zu besserem Selbstbewusstsein. Sich selbständig einem Sujet zu nähern und es für sich zu durchschauen und zu begreifen, macht unabhängig;

… hilft Kindern und Jugendlichen in ihrer freien Meinungsbildung. Sie können einen eigenen Standpunkt beziehen. Davon werden sie über die Schule hinaus profitieren.

Wo kommt man zu den richtigen Informationen?

Mit Smartphone und Computer ist die Suche im Web sehr komfortabel. Bei der Internetrecherche kommt es vor allem auf präzise Formulierungen für Suchmaschinen und KI-Programme an, um auch gute Ergebnisse zu erzielen. Konkrete Fragen schränken den Auffindungsradius besser ein als einzelne Stichworte. Und darüber hinaus können auch Podcasts und Dokumentationen weiterhelfen. 

Doch so bequem die Internet­recherche auch sein mag: Ein Besuch in der öffentlichen Bibliothek liefert genauere und verlässlichere Ergebnisse. Dort finden Kinder und Jugendliche vor allem verbriefte Informationen aus Zeitungen, Zeitschriften, Büchern, Nachschlagewerken, Karten und vielem mehr.

In der sogenannten Bibliothek der Dinge können zudem Gegenstände und Geräte, wie zum Beispiel ein Mikroskop, ausgeliehen werden. Ausserdem steht ihnen in diesen Bildungshäusern fachkundiges Personal zur Seite, das in Sachen Recherche bestens ausgebildet ist. Mit einem Mix aus Web und Bibliothek kann sich jedes Kind ein umfassendes Bild von einem Sachverhalt machen.

Worauf sollte besonders geachtet werden?

Eine grosse Herausforderung ist, das richtige Mass bei der Recherche zu finden und den Fokus zu behalten. Ein älterer Professor für Molekularbiologie erzählte mir einmal von den Recherchen seiner jüngeren Kollegen. Diese würden ausschliesslich das Netz konsultieren. Dabei stiessen sie dann auf Dinge, die sie gar nicht gesucht hätten, und seien damit glücklich.

Ein wichtiger Rat lautet deshalb, sich nicht gleich mit dem erstbesten Fund zufriedenzugeben. Das ist nicht zielführend. Das Gegenteil hilft aber oft auch nicht weiter: Wer zu viel Material zusammenträgt, steht am Ende vor einem riesigen Berg an Informationen und weiss nicht wo beginnen. 

Copy-and-paste und Alternativen

  • Was ist mit dem Mogeln? Natürlich verführt das Netz auch zum Mogeln. Herauskopierte Texte aus Wikipedia und Chat GPT werden aber von den heutigen Lehrkräften mit geübtem Blick schnell als Betrug erkannt.
  • Was ist mit Fallen? Kinder müssen Filterblasen erkennen, falsche Experten identifizieren und eine Antenne für Falschinformationen haben. Auch sollten sie zwischen Fakten und Meinungen unterscheiden können.
  • Gibt es nur das Internet und die Bibliothek? Nein, es kann auch hilfreich sein, ab und zu einen echten Experten zu einem Thema zu befragen.

Worin liegt der Wert einer guten Recherche?

Wir Erwachsenen recherchieren selbst unentwegt. Eine Kaufentscheidung wird schon lange nicht mehr alleine in einem Geschäft beschlossen, sondern nach reiflicher Analyse im Netz. Wir schlagen oft genug nach, wenn es um Reisen oder finanzielle Dinge geht. Im Job bereiten wir vielleicht auch eine Präsentation vor.

Wir wissen also um den Wert der Recherche. Darum brauchen Kinder unsere Unterstützung, um stark zu werden. Die Industrie sucht schon lange keine Bücklinge und Ja-Sager mehr, sondern Menschen, die anpacken, kreativ sind und Problemen pragmatisch und lösungsorientiert begegnen.

Thomas Feibel
ist einer der führenden ­Journalisten zum Thema «Kinder und neue Medien» im deutschsprachigen Raum. Der Medienexperte leitet das Büro für Kindermedien in Berlin, hält Lesungen und Vorträge, veranstaltet Workshops und Seminare. Zuletzt erschien sein Elternratgeber «Jetzt pack doch mal das Handy weg» im Ullstein-Verlag. Feibel ist verheiratet und Vater von vier Kindern.

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