Die grosse Ratlosigkeit ohne Handy
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Die grosse Ratlosigkeit ohne Handy

Lesedauer: 4 Minuten

Kinder zu schelten, wenn sie ohne Handy nichts mit sich anzufangen wissen, greift zu kurz. Wir Erwachsenen müssen ihnen alternative Angebote unterbreiten.

Text: Thomas Feibel
Illustration: Petra Duvkova / Die Illustratoren

Vor ein paar Wochen trat eine Mutter nach meinem Vortrag zum Thema Smartphone-Nutzung zu mir nach vorne ans Pult. «Immer wenn ich meinen Töchtern das Handy wegnehmen möchte, wollen sie von mir wissen, was sie stattdessen machen sollen», sagte sie und wies auf die beiden 16-jährigen Zwillinge hinter ihr. Dass Eltern ihre Kinder und Teenager zu meinen Abendvorträgen mitbringen, ist nicht ungewöhnlich. Oft erhoffen sich die Mütter und Väter, dass der Berliner Experte dem Nachwuchs zu ihrem Medienverhalten tüchtig ins Gewissen redet.

«Ich habe keine Ahnung, was ich dann zu meinen Mädchen sagen soll», fuhr die Mutter fort. «Ich kann doch in ihrem Alter nicht immer noch dafür zuständig sein, wenn die beiden nichts mehr mit sich anzufangen wissen.» Aber stimmt das? Muss die Mutter ihren Teenagerkindern tatsächlich keine Angebote mehr machen, vielleicht weil der Zug ohnehin längst abgefahren ist?

Richtig ist, dass viele Kinder und Jugendliche ohne ihr Handy erst mal ratlos sind und nur schwer in eine andere Beschäftigung hineinfinden. Zu fest sind das Gerät und seine vielfältigen Funktionen mit ihrem Leben verwachsen. Manche Jugendliche haben im Gespräch mit mir das Handy sogar schon als «dritte Hand» bezeichnet. Immerzu sind Minecraft und Fortnite, Tiktok und Instagram, Netflix und Youtube oder auch die Kommunikation über Whatsapp nur einen kurzen Handgriff entfernt. Hinzu kommt der Druck aus der Altersgruppe, stets erreich- und ansprechbar zu sein.

Die zweischneidige Ruhe mit Handy

Müssten wir Erwachsenen darum nicht viel mehr Verständnis aufbringen, um wie viel schwerer es für Kinder heute geworden ist, Langeweile zuzulassen? Sicher, wir alle kennen durchaus die positiven und viel gepriesenen Eigenschaften der Langeweile. Bekanntlich kann sie die Kreativität und Fantasie von Kindern oder Jugendlichen ankurbeln, sie dabei unterstützen, selbständig Lösungen zu finden, und somit ihre Resilienz zu stärken. Es ist aber auch kein Geheimnis, dass aus purer Langeweile auch schon sehr dumme Ideen entstanden sind, die unter anderem zu Sachschäden oder Unfällen geführt haben.

Wenn uns Erwachsenen also all das bewusst ist, warum machen wir dann unseren Kindern nicht mehr aktive Angebote?

Möglicherweise, weil es ein schleichender Prozess ist. Als un­sere Kinder noch sehr klein und jung waren, kam uns Ruhe immer verdächtig vor. Hörten wir keinen Laut mehr von ihnen, entschieden wir, besser mal nachzusehen. Heute haben wir uns vielleicht zu sehr an diese Stille gewöhnt, wenn sich Kinder mit ihrem Smartphone in ihr Zimmer zurückziehen. Das hat, zumindest auf den ersten Blick, für alle Beteiligten durchaus seine angenehmen Seiten. Kinder und Jugendliche können sich ungestört ihren digitalen Angeboten hingeben. Und für Eltern ist es im hektischen Alltag – zwischen Beruf, Haushalt und weiteren Anforderungen – ganz erholsam, wenn ihre Kinder beschäftigt sind.

Mehr mit den Kindern unternehmen

Gegen all das ist auch nichts einzuwenden, solange es gelegentlich geschieht und eher die Ausnahme darstellt. Aber zieht diese Unaufmerksamkeit dauerhaft ein, wird die Mediennutzung zur erzieherischen Grauzone. Besonders befremdlich daran ist, dass wir dann den Kindern die Verantwortung zuschieben, wenn sie sich nur mehr schwer von ihrem Handy lösen können.

Übrigens ist dieses Phänomen keineswegs neu. Bereits vor der Ära der Smartphones verbrachten Kinder und Jugendliche zu viel Zeit an Computern und Spielkonsolen. Wer sich damals und auch heute noch über die exzessive Mediennutzung des Nachwuchses aufregt, verkennt die Lage. Zu diesem Thema hatte ich vor Jahren Remo Largo befragt, der sehr klare Worte fand. «Das ist verheerend», erklärte der berühmte Kinderarzt und Bestsellerautor, «weil wir uns überlegen müssen, was die Kinder stattdessen hätten tun können. Da kommt die Frage auf, warum Eltern mit ihren Kindern nicht etwas unternommen haben. Diese Diskussion ist viel relevanter, als über die Medien herzuziehen. Warum haben die Eltern keine Zeit, warum wollen sie sich nicht mit ihren Kindern beschäftigen?»

Bei gemeinsamen Ausflügen ist es wichtig, die Interessen der Kinder zu berücksichtigen. Eine Briefmarken-Ausstellung ­gehört da wohl nicht dazu.

Ich habe diese Aussage nie als Elternschelte verstanden, sondern vielmehr als Weckruf empfunden, aktiv zu werden und Kindern Möglichkeiten aufzuzeigen. Wir können sie zum Beispiel stärker in ihren Neigungen unterstützen, selbst wenn wir mit diesen nur wenig oder gar nichts anfangen können. Aber auch regelmässige gemeinsame Aktivitäten wie Ausflüge, Sport oder ein gemeinsames handwerkliches Projekt sind denkbar. Derlei Aktivitäten sorgen nicht nur für einen guten seelischen und körperlichen Ausgleich, sondern stärken auch die Kommunikation innerhalb der Familie. Sie schaffen Raum für Gespräche und festigen so die Bindung.

Sicherlich fällt das mit jüngeren Kindern einfacher, die noch einen grossen Bewegungsdrang haben und leichter zu begeistern sind. In der Pubertät dagegen werden un­sere Offerten schnell als lahm und langweilig abgeschmettert. Davon dürfen wir Eltern uns allerdings nicht beeindrucken lassen. Wichtig ist bei gemeinsamen Unternehmungen nur, die Interessen der Kinder zu berücksichtigen und sie nicht etwa in eine – nichts für ungut – Ausstellung für Philatelisten zu schleppen.

Es braucht Orte zum Rumtoben

Kindern Angebote zu machen, ist allerdings nicht nur eine Aufgabe an uns Eltern. Es gibt auch einen Auftrag an die Gesellschaft und die Gemeinden. Wo sind heute noch die Orte, an denen sich Kinder begegnen können? «Wenn wir damit beginnen wollen, Kinder vom Internet wegzubekommen», stellt die «New York Times»-Kolumnistin Michelle Goldberg in ihrem aktuellen Beitrag fest, «müssen wir ihnen bessere Orte bieten, an die sie stattdessen gehen können.»

Denn es verhält sich beileibe nicht so, dass alle Kinder lieber an den Bildschirmen kleben als draussen herumzustreifen. Wer es nicht glaubt, sollte an einem freien Nachmittag mal einen auch für zehnjährige Kinder ausgerüsteten Spiel- oder Sportplatz besuchen. Dort springen, rennen und klettern alle herum, ohne nur eine Sekunde lang einen Blick auf ihr Handy zu werfen.

Fazit: Kinder sind in der Regu­lierung ihrer Mediennutzung auf unsere Hilfe angewiesen. Gemeinsam vereinbarte Regeln reichen da nicht aus. Darum müssen wir ihnen Angebote machen. Je früher, desto besser und so lange wie möglich.

Thomas Feibel
ist einer der führenden ­Journalisten zum Thema «Kinder und neue Medien» im deutschsprachigen Raum. Der Medienexperte leitet das Büro für Kindermedien in Berlin, hält Lesungen und Vorträge, veranstaltet Workshops und Seminare. Zuletzt erschien sein Elternratgeber «Jetzt pack doch mal das Handy weg» im Ullstein-Verlag. Feibel ist verheiratet und Vater von vier Kindern.

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