So geht gutes Benehmen – im Internet -
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So geht gutes Benehmen – im Internet

Lesedauer: 4 Minuten

In der Anfangszeit des Internets entstand die sogenannte Netiquette, eine kurze, aus Stichworten bestehende Benimmfibel mit Hinweisen für einen guten und respektvollen Umgang miteinander im Netz. Der Begriff Netiquette ist ein Kunstwort, das sich aus Netz und Etiquette zusammensetzt.

Text: Thomas Feibel
Illustration: Petra Dufkova / Die Illustratoren

Während die klassische Etiquette dafür sorgen sollte, dass sich niemand bei offiziellen Anlässen blamierte und das gesellschaftliche Miteinander funktionierte, konzentriert sich die Netiquette auf höfliche Umgangsformen. Doch ist die Netiquette nicht verpflichtend – und scheint in den letzten Jahren in Vergessenheit geraten zu sein. Denn bekanntlich wird nirgends so hemmungslos geflucht, geschimpft, gelästert, gelogen, gehänselt, gequält, genötigt, gedroht und gemobbt wie im Internet.

Weshalb ist die Netiquette verstaubt?

Das Problem: Die Netiquette entwickelte sich nicht mit dem extrem hohen Takt technischer Innovation, sondern blieb stehen. Eine der damals üblichen Empfehlungen lautete zum Beispiel, sich online kurz zu fassen.

Menschen werfen sich online Dinge an den Kopf, die sie offline in einem persönlichen Gespräch nie so äussern würden.

Denn wer ins Netz wollte, loggte sich eigens mit einem Modem ein und danach wieder aus. Heute sind wir dank Flatrate permanent «on», und die Mails stellen keinen nützlichen Zusatz zum persönlichen Brief dar, sondern haben ihn inzwischen fast ersetzt.

Während die freien Chats durch Whatsapp und andere Messenger weitgehend abgelöst worden sind, kam auch noch das Smartphone hinzu, das sich zwar als ungeheuer praktisch erweist, jedoch eben auch gänzlich neue Unsitten an den Tag bringt. Etwa, wenn beim Essen auf dem Tisch neben Gabel, Messer und Löffel ganz selbstverständlich das Handy liegt.

Und in sozialen Netzwerken wiederum ist tagtäglich die Verrohung der Sprache zu beobachten. Von Hassparolen und Hetze einmal abgesehen, werden nicht nur diejenigen beleidigt, die politisch eine andere Meinung vertreten. Bereits bei unverfänglicheren Themen wie Erziehung können die Fetzen fliegen.

Warum ist der Ton im Netz so rau?

Das Gute am Internet ist: Jeder kann mitmachen. Diese freie Zugänglichkeit wird jedoch oft als Ventil für Wut und Frustration missverstanden, um regelrecht Dampf abzulassen. Die damit einhergehende Hemmungslosigkeit erklären sich Psychologen mit der Entkörperlichung. Menschen werfen sich online Dinge an den Kopf, die sie offline in einem persönlichen Gespräch nie so äussern würden.

Wer sich nicht an Regeln oder auch Gesetze hält, nimmt sich mehr Rechte als der Rest heraus.

Besonders nachdenklich stimmt, dass manche nicht einmal mehr das Bedürfnis haben, sich hinter ihrer Anonymität zu verstecken, sie teilen sogar – als besonderes Zeichen ihrer Meinungsstärke – unter ihren Echtnamen ganze Salven an Derbheiten aus. Wenn aber im Netz die Regeln des Umgangs miteinander ausser Kraft gesetzt werden, kann das für unsere Gesellschaft fatale Folgen haben.

Wer sich nicht an Regeln oder auch Gesetze hält, nimmt sich mehr Rechte als der Rest heraus. Das führt jedoch dazu, dass andere entweder zu Opfern ihrer Rücksichtslosigkeit werden oder sich eben auch nicht mehr an Vereinbarungen halten. Die Hemmschwelle sinkt insgesamt, und von der verbalen Gewalt im Netz zur handgreiflichen Gewalt im echten Leben ist es dann nur noch ein kleiner Schritt. Dabei ist auch das Internet kein rechtsfreier Raum.

Anständig sein dient auch dem eigenen Interesse

Mit Hilfe der Netiquette ist ein früh erlernter, guter Umgang miteinander im Netz Prävention und ein probates Mittel gegen die weitere Verrohung im Netz. Wir Erwachsenen mögen vielleicht die persönlichen und rechtlichen Konsequenzen unseres Handelns erkennen, Kinder und Jugendliche aber nicht.

Einerseits sehen sie im Netz, wie respektlos Fremde agieren, anderseits werden sie selbst im täglichen Umgang durch Whatsapp oder Instagram Zeugen verbaler Gewalt. Das ist nicht nur für Freundschaften und den Klassenverband eine Belastung, sondern hat für ihre Zukunft noch ganz andere Konsequenzen.

Der Satz «das Internet vergisst nichts» bekommt hier eine noch wichtigere Bedeutung. Bekanntlich geben Arbeitgeber die Namen ihrer Bewerber in Suchmaschinen ein. Dabei stossen sie auf deren Aktivitäten im Netz, ganz gleich, wie lange diese zurückliegen mögen.

Schon darum ist die Netiquette in der Erziehung eine sinnvolle Ergänzung zu den Regelungen, die wir mit unseren Kindern vereinbaren. Höflicher und respektvoller Umgang ist immer wichtig – ob im Internet oder im realen Leben.

Neue Ethik – auch für die Anbieter

Die Netiquette bleibt allerdings nie stehen, sondern entwickelt sich stetig weiter. Die Angebote im Netz verändern sich, neue Geräte und Herausforderungen kommen auf uns zu. Darum müssen wir als Gesellschaft und/oder auch als Community die Entwicklungen im Auge behalten und die Benimmregeln beständig aktualisieren.

Dabei wäre aber meiner Meinung nach eine Erweiterung notwendig. Wir – die Nutzer des Internets – entwerfen mit der Netiquette Regeln zum allgemeinen Schutz und übernehmen so Verantwortung für unser Handeln. Doch wie sieht es eigentlich mit einer Netiquette für die Anbieter solcher Dienste aus?

Welche Form von gutem und höflichem Umgang mit uns Kunden soll das eigentlich darstellen, wenn Smartphonefirmen unsere Bewegungsprofile festhalten oder soziale Netzwerke uns ausspionieren?  Auch hier wäre eine neue Ethik dringend angeraten.

Alte und neue Regeln der Netiquette für Kinder und Erwachsene – ein Auszug

Smartphone: 

  • Anwesenden ist im Gespräch Vorzug zu geben
  • Im öffentlichen Raum nicht zu laut telefonieren
  • Beim gemeinsamen Essen oder im Restaurant den Flugmodus nutzen
  • Keine Smartphones beim Essen auf den Tisch legen
  • Kein Smartphone beim Abholen der Kinder oder beim Autofahren nutzen

Nachrichten-Apps:

  • Erst denken und nochmals lesen, dann senden
  • Streit nicht online austragen
  • Kettenbriefe nicht weiterleiten
  • Höflich bleiben
  • Keine Beleidigungen
  • Zur Ruhe kommen, nicht reflexartig auf jede Nachricht reagieren

Soziale Netzwerke:

  • Nicht zu grosszügig persönliche Informationen über sich verbreiten
  • Bei aller Meinungsfreude sachlich bleiben
  • Keine Beschimpfungen und Beleidigungen
  • Vorsicht mit Ironie, kann missverstanden werden
  • Unterscheiden zwischen innerer und äusserer Kommunikation: Schreibe ich nur einer Person oder lesen alle mit?

Fotos:

  • Keine Fotos von Fremden machen oder online stellen
  • Keine Fotos einfach weiterleiten
  • Gewaltfotos und -videos dürfen nicht weiterverbreitet werden
  • Urheberrecht beachten
  • Keine Fotos an Fremde senden

Thomas Feibel
ist einer der führenden ­Journalisten zum Thema «Kinder und neue Medien» im deutschsprachigen Raum. Der Medienexperte leitet das Büro für Kindermedien in Berlin, hält Lesungen und Vorträge, veranstaltet Workshops und Seminare. Zuletzt erschien sein Elternratgeber «Jetzt pack doch mal das Handy weg» im Ullstein-Verlag. Feibel ist verheiratet und Vater von vier Kindern.

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