Tiktok als Einstiegsdroge: Rauschmittel werden glorifiziert
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Tiktok als Einstiegsdroge?

Lesedauer: 4 Minuten

Immer öfter werden Rauschmittel in Filmen, Musikvideos und sozialen Netzwerken glorifiziert. Mit fatalen Folgen für Kinder und Jugendliche. Wie Eltern diesem Trend begegnen sollten.

Ich ging noch zur Schule, als Ende der 1970er-Jahre «Wir Kinder vom Bahnhof Zoo» erschien. In dem auf Tat­sachen basierenden Buch ­verfielen bereits 13-Jährige der Heroinsucht, hausten in heruntergekommenen Berliner Bruchbuden und prostituierten sich. Wir Jugendlichen waren damals geschockt und abgeschreckt – zugleich weckten die expliziten Rauschbeschreibungen unsere Neugier. Vom Bestseller angeregt probierten einige meiner Mitschüler erstmals Marihuana, während die erprobten Kiffer unter uns zu stärkeren Drogen griffen.

Daran musste ich kürzlich denken, nachdem ein deutscher Jugendsender über junge Kinder berichtet hatte, die auf Tiktok Videos von sich im Drogenrausch laden. Der Beitrag schlug hohe mediale Wellen. Auch in der Schweiz. Watson.ch titelte zum Beispiel: «Teenager nehmen harte Drogen und filmen sich».

Ist das nur Panikmache? Leider nein. Ich habe mir auf Youtube das vom Norddeutschen Rundfunk NDR produzierte, knapp 35-minütige Video «Drauf sein auf Tiktok: Likes für den Rausch» angesehen und finde, dass es absolut zu Recht auf einen höchst beunruhigenden Missstand aufmerksam macht.

Zwar ist es noch kein Trend, wenn sich einige vollkommen berauschte Kinder auf Tiktok präsentieren. Weil aber dieses soziale Netzwerk in der jungen Zielgruppe besonders grossen Anklang findet, sind diese leicht auffindbaren Clips unglaublich gefährlich. «Es triggert schon krass», klärt eine Jugendliche im Beitrag auf, «wenn man Leute sieht, die erweiterte Pupillen haben oder die darüber sprechen.»

Kinder geraten sehr schnell unter den Einfluss dubioser Kreise

Einige gestehen sogar, wie sie bereits mit acht oder neun Jahren das erste Mal Drogen genommen haben, andere, wie sie erst über Tiktok dazu angeregt wurden. Es ist ein wenig so wie im Buch über Christiane F.: ­Kinder können sehr schnell in dubiose ­Kreise mit schlechtem Einfluss geraten – nur geschieht dies heute eben auch über das Internet.

Mit einem fatalen Unterschied, vor dem die Macherinnen des Beitrags warnen: Tiktok ist heute nicht nur eine ziemlich hürden­lose Kontaktbörse zu anderen Drogenkonsumenten, sondern dient zugleich als Bezugsquelle für allerlei Drogen. Durch Tiktok und entsprechende Gruppen, heisst es, sei es einfach wie nie geworden, an ­harte Drogen heranzukommen, die dann per Taxi geliefert werden.

Unsere Aufgabe ist es, unsere Kinder umfassend aufzuklären und für eine entsprechende Einordnung zu sorgen.

Nun wäre es aber falsch, Tiktok alleine für die Glorifizierung von Drogen verantwortlich zu machen. Auch andere Medien spielen dabei heute eine massgebliche Rolle. In den gängigen Angeboten der Film-Streamingdienste stossen Kinder und Jugendliche allzu leicht auf Szenen mit Joints, Lines oder Crack.

Serien zeigen die vermeintlich coolen Seiten des Drogenkonsums

Noch vor wenigen Monaten ­wurde die Serienfassung von «Wir Kinder vom Bahnhof Zoo» als neues Highlight auf Amazon Prime beworben. Eine Kundenrezensentin findet, «dass das Serienformat eher für Drogen wirbt, als damit zu schockieren, denn was wirklich hervorgehoben wird, sind die verrückten, pseudo-coolen Dinge, die man unter Drogeneinfluss anstellt, die vielen Freunde, die man findet, die krassen Partynächte».

Auch die drei Netflix-Staffeln von «How to sell drugs online fast» haben eher verherrlichenden Charakter. Ebenso wie die zahlreichen Musikvideos von Rappern, in denen es mal drastisch, mal amüsiert, mal heroisierend um Drogenerfahrungen geht. Schweizer Suchtexperten kritisieren, dass viele Rapper Drogen entweder verharmlosen oder anpreisen. Wenn junge Menschen sehen, wie viel Spass das Rauchen einer Bong macht, kommt das einer Einladung gleich, es auch zu versuchen.

Bedauerlicherweise werden wir nicht verhindern können, dass ­unsere Kinder ungeeignete Inhalte finden, die sie zu unklugen Handlungen verleiten. Nur ist es unsere Aufgabe, sie umfassend aufzuklären und für eine entsprechende Einordnung zu sorgen. Mit moralinsauren Standpauken kommen wir da nicht weiter, mit ehrlichen Gesprächen voller Fakten und nachvollziehbaren Informationen hingegen schon.

Auch wenn es altmodisch klingt, sollten wir ein Auge darauf haben, wer zum Freundes- und Bekanntenkreis unserer Kinder zählt.

Warum dabei nicht auch mal selbstkritisch die eigenen Gewohnheiten wie etwa die Tasse Kaffee am Morgen, das abendliche Glas Wein oder die Genusszigarette thematisieren? Das kann mit Kindern und Jugendlichen zu fruchtbaren Diskussionen auf Augenhöhe führen. Es macht die Sache allerdings nicht einfacher, dass es heute unter Erwachsenen eine hohe Akzeptanz für das Kiffen gibt. Laut einer 2021 im Auftrag des Bundesamts für Gesundheit durchgeführten Umfrage sind zwei Drittel der Schweizer Bevölkerung für eine Legalisierung von Cannabis.

Auch wenn es ein wenig altmodisch klingt, sollten wir ein Auge darauf haben, wer zum Freundes- und Bekanntenkreis unserer Kinder zählt. Schliesslich ist es bekannt, dass sie überwiegend durch private Kontakte mit Rauschmitteln in Berührung kommen. Auch der Gruppenzwang spielt eine beträchtliche Rolle, was sich schon am Schüler-Saufspiel Bierpong festmachen lässt. Das kann schnell zu einem riskanten Mischkonsum von Alkohol und Drogen führen.

Ein starkes Selbstbewusstsein ist die beste Prävention

Glauben Sie mir, ich weiss, wovon ich spreche. Als mein jüngster Sohn 14 Jahre alt war, nahm er an einem solchen Gelage mit Gleichaltrigen in einem Wald teil. Allerdings war er der Einzige, der in Ohnmacht fiel. Die anderen flohen in Panik und liessen ihn alleine zurück. Ein Mädchen hat sich dann erbarmt, uns Eltern zu informieren.

Weitere Infos zum Thema Rauschmittel und Drogen

Die erfolgreichste Form der Prävention ist, wenn wir unseren Kindern zu einem starken Selbstbewusstsein verhelfen und sie zur Eigenverantwortung erziehen. Sie sollten lernen, Nein zu sagen, wohlüberlegt mit Regeln und Vereinbarungen umgehen und vor allem auch wissen, wann sie sich wo und bei wem Rat und Hilfe suchen können.

Aus meiner Schulzeit weiss ich, dass immer die Kinder am meisten gefährdet waren, die in schwierigen sozialen oder familiären Verhältnissen lebten, sich einsam und unverstanden fühlten oder nicht mit dem Leistungsdruck in der Schule fertigwurden. Daran hat sich nichts geändert. Eltern dürfen also Verständnis für die Motive des Drogen- und Alkoholkonsums haben, aber nicht zwingend für den Konsum selbst.

Thomas Feibel
ist einer der führenden ­Journalisten zum Thema «Kinder und neue Medien» im deutschsprachigen Raum. Der Medienexperte leitet das Büro für Kindermedien in Berlin, hält Lesungen und Vorträge, veranstaltet Workshops und Seminare. Zuletzt erschien sein Elternratgeber «Jetzt pack doch mal das Handy weg» im Ullstein-Verlag. Feibel ist verheiratet und Vater von vier Kindern.

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