Jugendliche und Medien: Wider die Verteufelung
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Jugendliche und Medien: Wider die Verteufelung

Lesedauer: 4 Minuten

Wie geht es Jugendlichen in der Schweiz im Umgang mit Smartphone und Internet, fragt eine Studie. Die Ergebnisse fallen überraschend positiv aus – und sind eine Entlastung für Eltern.

Text: Thomas Feibel
Illustration: Petra Duvkova / Die Illustratoren

Vielen Müttern und Vätern geht irgendwann die Luft aus. Job, Kinder, Haushalt und zu wenig Zeit für die Partnerschaft zerren an den Nerven. Wer sich erschöpft, gereizt oder überfordert fühlt, dem fehlt die notwendige Gelassenheit, wenn Kinder ausgerechnet dann ihre Grenzen austesten. Ein klassischer Streitpunkt zwischen Eltern und Jugendlichen ist die Smartphone- und Internetnutzung.

Manchmal kommen einem Zweifel, wenn sich unsere wiederholten Ermahnungen wie eine kaputte Schallplatte anhören: Können denn Kinder überhaupt erkennen, dass unsere­ Sorgen ein Ausdruck von Liebe und Fürsorge sind?

Unter einer hohen Nutzungszeit ist nicht zwingend eine ­problematische Nutzungszeit zu verstehen.

Dass es sich am Ende auszahlt, in der Erziehung nicht von der eigenen Überzeugung und Haltung abzuweichen, belegt unter anderem der neue James-Focus-Bericht «Umgebungsressourcen und Medien­nutzung» der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) und Swisscom.

Die 16-seitige Abhandlung ist eine Vertiefung der aktuellen James-Studie. Sie verzichtet komplett auf blinden Alarmismus, akzeptiert Smartphones und Internet als normale Alltagsrealität von Jugendlichen im Alter von 12 bis 19 Jahren und beleuchtet, welche Auswirkungen die verschiedenen Einflüsse aus Elternhaus, Schule und Peergroup auf deren Medienverhalten haben. Einer der zentralen Hinweise für Erziehende lautet: Unter einer hohen Nutzungszeit ist nicht zwingend eine problematische Nutzungszeit zu verstehen.

Zugehörigkeit als Anker

«Über welche familiären und sozialen Ressourcen verfügen Jugend­liche in der Schweiz?», fragt der Bericht. Die Ergebnisse dazu fallen mehrheitlich positiv aus, denn sie attestieren den Schweizer Jugendlichen durchschnittlich «ein hohes Mass an sozialen und familiären Ressourcen».

Auch wird den elterlichen Erziehungsbemühungen Anerkennung gezollt. Die meisten Jugendlichen, heisst es da­rin, «schätzen die Unterstützung, die sie durch ihre Eltern erfahren, als hoch ein und erleben in der Erziehung ein relativ hohes Mass an Responsivität und Lenkung».

Kinder mit einem guten ­Verhältnis zu ihren Eltern sind vor den Gefahren der digitalen Welt besser geschützt.

Die Zugehörigkeit zur Schule und Peergroup stelle dabei eine wichtige Unterstützung in den unterschiedlichsten Entwicklungsaufgaben dar. Diese führt der Bericht zur Verdeutlichung ebenfalls an: Sie umfassen unter anderem den Aufbau sozialer Bindungen, Regeneration und Konsum, aber auch Qualifikation und Partizipation. Die Aufgaben darin, so heisst es, würden eng miteinander zusammenhängen und aufeinander aufbauen.

Schwierig sehe die Situation jedoch für Jugendliche ohne Schweizer Pass aus. Eigene Sprachbarrieren erschweren das Gefühl der Eingebundenheit in der Altersgruppe, fördern die Ausgrenzung. Falls das Elternhaus ebenfalls Verständigungsschwierigkeiten habe, leide darunter entsprechend auch die Unterstützung.

Zentrale Funktion des Smartphones

Eine andere Frage im Bericht lautet: «In welchem Zusammenhang stehen familiäre und soziale Ressourcen mit verschiedenen Aspekten der Mediennutzung im Jugendalter?» Die Jugendlichen nehmen die elterliche Unterstützung als «instrumentelle und emotionale Unterstützung» wahr, die zu weniger Internet­nutzungszeit führe.

Eine schlechte Eltern-Kind-Beziehung würde dagegen eine exzessive Internet­nutzung eher verstärken und löse einen fatalen Kreislauf aus: «Jugendliche, die eine sehr intensive Internetnutzung aufweisen, haben möglicherweise vermehrt Konflikte mit ihren Eltern, was die Beziehung belasten kann.»

Eine gute Beziehung wiederum fördere das Selbstbewusstsein und verhelfe «Jugendlichen zu mehr Sicherheit im Umgang mit den eigenen Grenzen». Damit sind insbesondere sexuelle Erfahrungen im Netz, etwa mit Pornografie oder Sexting, gemeint.

Was Eltern wissen sollten
  1. Es ist wichtig, dass Kinder lernen, massvoll mit Handy, Games und Internet umzugehen.
  2. Medien erfüllen vielfältige Zwecke. Sinnvoll genutzt, können sie dabei helfen, die Herausforderungen der Jugendjahre zu meistern.
  3. Eine tragfähige Eltern-Kind-Beziehung bleibt zentral, auch wenn der Einfluss der Gleichaltrigen wichtiger wird.

4. Machen Sie aus Sexualität und Intimität kein Tabu, so stehen Sie den Heranwachsenden als Rückfallebene zur Verfügung, wenn sie etwas Belastendes erleben sollten.

5. Gut in der Schule integriert zu sein, unterstützt die Entwicklung eines massvollen und kompetenten Medienumgangs, gerade auch dann, wenn Sie als Eltern einen geringeren Einsatz leisten können, als Sie vielleicht möchten.

(Quelle: ZHAW)

Der Bericht stellt dazu fest, dass Jungen zwar häufiger «mit pornografischen Inhalten in Kontakt kommen», die Mädchen jedoch mehr mit Sexting und sexueller Belästigung zu kämpfen hätten. Etwas vage heisst es dazu: «Möglicher­weise­ bewegen sich Jugendliche, die zu Hause Unterstützung erfahren, sicherer auf diesem Grat zwischen Chancen und Risiken, weil sie auch bei Unsicherheiten oder negativen Erfahrungen im digitalen Raum auf ihre Eltern zugehen können.»

Fazit: Halt geben

Die nähere Betrachtung der Peergroup verteufelt das Smartphone nicht als Übel, sondern stellt klar, dass das Gerät eine zentrale Rolle für die Eingebundenheit der Jugendlichen innehat: «Eine gute Integration in die Peergruppe geht mit höheren Handy- und Internetnutzungszeiten einher. Dies verdeutlicht, dass Handy­ und Internet für Jugendliche wichtig sind, um soziale Kontakte zu pflegen und über Themen innerhalb des Freundeskreises informiert zu bleiben. Der Zusammenhang widerspricht auch der gesellschaftlich zum Teil verbreiteten Vorstellung, dass Jugendliche durch die Nutzung digitaler Medien soziale Kontakte vernachlässigen und einsam werden.»

Studien würden zudem belegen, dass eine gute Integration unter Jugendlichen sowohl die Wahrscheinlichkeit minimiere, von Cybermobbing betroffen zu sein, als auch, jenes selbst zu verüben – weil «Peerbeziehungen ihre Fähigkeiten zur Emotionsregulation stärken und sie dadurch lernen, ihre Emotionen besser zu verstehen und Impulse zu steuern».

Der James-Focus-Bericht zeigt, dass sich die Jugendlichen in ihren unterschiedlichen Umgebungen offenbar recht wohl fühlen. Kinder, die ein vertrauensvolles Verhältnis zu ihren Eltern pflegen und sich ihrer Peergroup zugehörig fühlen, sind vor Gefahren der digitalen Welt besser geschützt. Ein guter Medienumgang der Jugendlichen kann dabei unterstützend wirken, exzessive Mediennutzung hingegen gefährdet Entwicklung und Wohlbefinden.

Für uns Eltern bedeutet das, weiterhin die kaputte Schallplatte zu spielen. Weil Jugendliche ihren Freiheitsdrang am besten entwickeln können, wenn sie Halt spüren.

Thomas Feibel
ist einer der führenden ­Journalisten zum Thema «Kinder und neue Medien» im deutschsprachigen Raum. Der Medienexperte leitet das Büro für Kindermedien in Berlin, hält Lesungen und Vorträge, veranstaltet Workshops und Seminare. Zuletzt erschien sein Elternratgeber «Jetzt pack doch mal das Handy weg» im Ullstein-Verlag. Feibel ist verheiratet und Vater von vier Kindern.

Alle Artikel von Thomas Feibel

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