Aggressionen in der Familie -
Merken
Drucken

Aggressionen in der Familie

Lesedauer: 3 Minuten

Aggressionen sind ein unerlässlicher Bestandteil menschlicher Beziehungen, sowohl innerhalb als auch ausserhalb der Familie. Sie sind kein Symptom dafür, dass eine Familie auseinanderbricht. Sondern ein Zeichen, dass sie lebt.

Früher suchte man die Erklärung für individuelle Probleme ausschliesslich innerhalb des Individuums – in Kindheitserlebnissen, chemischen Reaktionen im Gehirn oder anderen inneren Vorgängen.

Doch inzwischen richten auch die Experten unter uns ihre Aufmerksamkeit auf die innerfamiliären Beziehungen. Was allein noch kein Fortschritt ist, solange wir uns nicht von der althergebrachten Auffassung lösen, irgendwas sei verkehrt oder nicht in Ordnung, wenn es uns schlecht geht. Denn das hiesse, die Familie als Wurzel alles Bösen zu betrachten, als Ort, an dem all unsere Probleme ihren Ursprung haben – ein Gedanke, der ebenso nutzlos wie «antifamiliär» ist.

Kein Defekt, sondern ein Mangel

Die Erfahrung der letzten vierzig Jahre lehrt uns, dass nichts «verkehrt» ist, wenn es zu Schulproblemen, Depressionen oder Alkoholismus kommt, sondern dass etwas fehlt. Dieser Mangel als Element des Zusammenspiels in der Familie wurde schlicht übersehen beziehungsweise seine Behebung nicht als notwendig erachtet. Den Problemen liegt der unerfüllte Wunsch zugrunde, füreinander von Wert zu sein.

Dieses elementare Bedürfnis löst vor allem zwei Dinge aus: zum einen den starken Drang zur Kooperation, zum anderen eine ausgeprägte Loyalität. Kooperation muss auf Augenhöhe geschehen. Auch das machte uns die Frauenbewegung klar, die sich gegen die oftmals neurotischen Formen weiblicher Kooperation auflehnte: Ich tue, worum du mich bittest, weil du mich bittest, nicht weil ich es selbst will. Die Kunst der Kooperation besteht eben darin, seine Eigenart und Autonomie zu bewahren, mit anderen Worten, unsere persönliche Integrität.

Kinder bringen Eltern ein Maximum an Loyalität entgegen. Deshalb treten innerfamiliäre Konflikte oft nicht zu Hause auf.

Loyalität ist bei Kindern besonders ausgeprägt. Kinder bringen ihren Eltern ein Maximum an Loyalität entgegen. Deshalb treten innerfamiliäre Konflikte oft nicht zu Hause, sondern in der Schule oder in anderen Betreuungseinrichtungen zutage.

Pädagogen, die von Problemen berichten, die Eltern gänzlich unbekannt sind, wird oft mit grosser Skepsis begegnet. Doch in der Regel bringen sie wichtige Themen zur Sprache, welche die Eltern nicht wahrnehmen, weil die Kinder einfach zu loyal sind, ihre Konflikte in den eigenen vier Wänden auszutragen. Das gilt insbesondere für Familien, deren Streit- und Konfliktkultur nicht sehr ausgeprägt ist.

Was es bedeutet, sich wertvoll für andere zu fühlen, kennen die meisten von uns durch das Verhältnis zu unseren Kindern, da es für uns von zentraler Bedeutung ist, sich als gute Eltern zu empfinden. Unser Bedürfnis, sich als gute Partner und Freunde zu sehen, ist jedoch nicht minder ausgeprägt.

Signale für Störungen

Nur haben wir nicht unbedingt gelernt, wie wir uns verhalten müssen, damit andere uns auch als wertvoll empfinden. Manchmal kommt uns etwas in die Quere, das verhindert, dass wir uns wertvoll verhalten. Das passiert selbst in nahezu idealen Familienverhältnissen. Manchmal kommen diese Störungen von aussen – etwa durch Arbeitslosigkeit oder schwierige Lebensverhältnisse im Allgemeinen – und belasten Familien ohne deren Zutun.

Solche Störungen lösen Symptome oder Signale aus. Wir kennen die offensichtlichsten Symptome wie Nahrungsverweigerung, Kriminalität oder Untreue, doch sollten wir uns vergegenwärtigen, dass Familienmitglieder weitaus weniger dramatische Signale aussenden können, die oftmals viel früher einsetzen. Es beginnt mit einer leichten Gereiztheit, aus der alle Gefühle erwachsen können, die wir gemeinhin als Aggression bezeichnen: Irritation, Frustration, Zorn, Wut bis hin zu glühendem Hass.

Das Gegenteil von Liebe ist nicht Hass. Das Gegenteil von Liebe ist Resignation.

In psychologischer Hinsicht handelt es sich hierbei nicht, wie viele glauben, um negative oder destruktive Gefühle. Sie alle sind ein Teil der Liebe in der Familie, nicht ihr Gegenteil. Das Gegenteil von Liebe ist nicht Hass. Das Gegenteil von Liebe ist Resignation.

Signale treten nicht immer in ihrer reinen Form zutage. Kinder zwischen vier und sechs Jahren bis hin zur Pubertät reagieren am Morgen oft mit Müdigkeit, Appetitlosigkeit und Unausgeglichenheit, vor allem, wenn es sich um Einzelkinder handelt. Geschwister hingegen «ziehen es oft vor», sich zu streiten oder zu schlagen.

Unterdrückte und reine Emotionen

Auch bei Erwachsenen äussert sich die erste Irritation oft indirekt. Viele Frauen haben beispielsweise gelernt, dass es nicht sehr feminin sei, ihrer Wut freien Lauf zu lassen. Also zeigen sie sich verletzt und bedrückt. Männer, die ihre wahren Gefühle unterdrücken, werden oft mürrisch, wortkarg und missmutig.

Dennoch treten unsere Emotionen am häufigsten in ihrer reinen Form zutage. Alle Familien kennen Phasen einer allgemeinen Gereiztheit. Man gerät schnell aneinander, streitet sich scheinbar ohne Grund, trägt immer wieder dieselben Konflikte aus.

Wenn das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern von aggressiven Gefühlen beherrscht wird, sollte man sich klarmachen, dass 99,9 Prozent der Eltern ihre Kinder über alles in der Welt lieben. Und es gibt keine Kinder, die ihre Eltern nicht über alles lieben. Natürlich gibt es Familien, in denen dies schwer zu erkennen ist, weil sich alle so verhalten, als könnten sie sich nicht ausstehen. Oft ist das ein Zeichen dafür, dass ihr Bedürfnis, sich als wertvoll für die anderen zu empfinden, nicht befriedigt wird, was ein frustrierendes Erlebnis ist.

Jesper Juul
Der dänische Familientherapeut Jesper Juul hat wie kein anderer in den vergangenen Jahrzehnten Menschen mit seinen Erziehungs- und Beziehungsprinzipien geprägt. Der Gründer von familylab, einem Beratungsnetzwerk für Familien, und Autor von über 40 Büchern («Dein kompetentes Kind», «Aus Erziehung wird Beziehung») starb am 25. Juli 2019 im Alter von 71 Jahren nach langer Krankheit in Odder, Dänemark. Er war zweimal verheiratet und hinterlässt einen Sohn aus erster Ehe und zwei Enkelkinder.

Alle Artikel von Jesper Juul

Mehr zum Thema Aggression:

2403 Wut Streit Eltern Kind Aggression Annette Cina Kosmos Kind Tipps Elternmagazin Fritz und Fraenzi HG
Elternbildung
Wenn das eigene Kind einem den letzten Nerv raubt
Der Umgang mit der eigenen Wut und der Wut der Kinder ist lernbar! Wie das geht, erklärt die Psychologin Annette Cina.
Tipps für Familienferien im Berner Oberland, günstig und mit viel Spass
Advertorial
Familienferien im Berner Oberland – günstig und abwechslungsreich
Mit diesen Tipps für unvergessliche Sommerferien im Berner Oberland kommt die ganze Familie auf ihre Kosten.
Blog
Wenn jedes Muss zur Zerreissprobe wird
Verweigert ein Kind sich extrem, könnte dahinter eine wenig bekannte Form von Autismus stecken: die Pathological Demand Avoidance.
Wie Soundhealing Wut bei Kindern besänftigt
Familienleben
Wie Soundhealing Wut bei Kindern besänftigen kann
Wütende Kinder sind mit Worten oft nicht mehr erreichbar. Soundhealing kann weiterhelfen. Zu Besuch bei Klangtherapeutin Bettina Steffen.
«Buben müssen einen gesunden Umgang mit ihrer Aggression erlernen»
Erziehung
«Buben müssen einen gesunden Umgang mit ihrer Aggression erlernen»
Jungs-Coach Anton Wieser über raufende Jugendliche und Eltern, die darin gefordert sind, ihre Söhne zu stärken.
Kindergarten
So lernt Ihr Kind den Umgang mit seinen Emotionen
Wie Kinder emotionale Fähigkeiten entwickeln und was Eltern tun können, um sie dabei zu unterstützen.
Wut im Bauch: So lernen Kinder ihre Emotionen zu regulieren
Entwicklung
So unterstützen Sie Ihr Kind im Umgang mit Gefühlen
Gefühlsregulation bei Kindern: Dieser Prozess ist an die Hirnentwicklung gekoppelt – und kann von den Eltern unterstützt werden.
Elternbildung
«Durch die Beratungsrolle bin ich selbstbewusster geworden»
Petra Brem hat zusammen mit ihrem Mann drei Kinder: Nelia, Malin und Leanne. Nelia war im letzten Semester Beraterin im Ideenbüro der Primarschule Kaisten.
Elternbildung
«Mit so einer Beratung wäre uns viel Leid erspart geblieben»
Stephanie Hagmann und ihr Partner haben eine 8-jährige Tochter. Die Familie nimmt seit dem Sommer 2020 am ­Familienklassenzimmer teil.
Elternbildung
«Paolo tut es leid, dass er so aufbrausend war»
Eine Mutter hat Probleme mit ihrem 12-jährigen Sohn. Nun nehmen sie beide am Familienklassenzimmer ihrer Schule teil. Ein Erfahrungsbericht.
Erziehung
«Ein Kind sollte Konflikte selbst lösen dürfen»
Psychologe Fabian Grolimund sagt, die Grundsteine für ein soziales Verhalten würden schon früh gelegt. Daher gelte es besonders für Eltern, ein solches vorzuleben.
Blog
Musst du so austicken?
Kinder, die zu Wutausbrüchen neigen, haben häufig unterentwickelte Problem­lösefähigkeiten, schreibt unser Kolumnist Fabian Grolimund. Mit etwas Übung lassen sich diese gemeinsam trainieren.
Elternbildung
Was tun, wenn die Tochter von ihrer besten Freundin geschlagen wird?
Die Beziehung meiner Tochter zu ihrer besten Freundin ist toxisch, schreibt eine Mutter. Es komme regelmässig zu körperlicher Gewalt. Erfahren Sie, was unser Expertenteam dazu sagt.
Erziehung
Eifersucht: Rivalen in der Familie
Rivalität oder erbitterter Geschwisterkampf? Wie sollen Eltern mit Konkurrenz unter Kindern umgehen? 23 Antworten auf die wichtigsten Fragen.
Elternbildung
Wie Wut uns weiterbringt
Wut gilt als schlechtes Gefühl. Dabei birgt sie eine grosse produktive Kraft. Wie können wir sie so nutzen, dass unser Ärger uns weiterbringt?
Elternbildung
Hilfe, unser Sohn wird handgreiflich!
Unser Sohn, 12, streitet beinahe täglich mit seiner Schwester, 9. ­Manchmal wird er auch handgreiflich, was überhaupt nicht geht. Wenn wir von ihm verlangen, dass er sich bei seiner Schwester ­entschuldigt, weigert er sich. Sie hätte angefangen und überhaupt sei sie selber schuld, sie habe ihn provoziert. Oft weinen am Schluss ­beide Kinder, und wir Erwachsene sind völlig erledigt. Wie kommen wir aus diesem Teufelskreis heraus?
Erziehung ohne Gewalt
Erziehung
7 Tipps für Eltern zur gewaltfreien Erziehung
Was hilft Eltern, im Clinch mit dem Nachwuchs, auf Drohungen oder Schimpftiraden zu verzichten? 7 Expertentipps
Blog
Wie geht das Familienleben nach einem Unfall weiter?
Der Verkehrsunfall von Valerie Wendenburgs Sohn war ein einschneidendes Ereignis. Unsere Bloggerin erinnert sich an zwei Ratschläge eines Kinderpsychiaters, auf die sie bis heute gerne zurückgreift.
Erziehung
Eltern in der Sackgasse
Dort, wo Kinder angeblich zu viel Macht über ihre Familie besitzen, lassen Eltern sie in Wahrheit mit zu viel Verantwortung allein, so Jesper Juul.
Erziehungsberater Jan-Uwe Rogge: «Es gibt keine negativen Gefühle – das müssen Eltern ihren Kindern vermitteln»
Elternbildung
«Es gibt keine negativen Gefühle»
Der renommierte deutsche Erziehungsberater Jan-Uwe Rogge sagt, Aggressionserziehung sei eine besonders wichtige Aufgabe von Eltern.
Stefanie Rietzler
Elternbildung
Zu Hause rebellisch – in der Schule ganz brav
Oft nehmen wir unsere Kinder anders wahr als Aussenstehende. Dabei ist es für die Einschätzung ihres Verhaltens wichtig, den Kontext zu berücksichtigen.
Strafen vermeiden: 3 Beispiele aus dem Alltag mit Kindern
Elternbildung
Strafen vermeiden: 3 Beispiele aus dem Alltag mit Kindern
Wie vermittelt man Verhaltensregeln ohne Strafen? Drei typische Krisensituationen aus dem Elternalltag und wie sie zu bewältigen sind.
Elternbildung
Aggressionen sind gesund
Die Art, wie wir mit Aggressionen umgehen, ist zentral für unser psychisches Wohlbefinden, sagt Jesper Juul.
Entwicklung
Aggressionen und negative Gefühle zulassen
In vielen Lebenssituationen tun Eltern alles, damit die Kinder in einem harmonischen Zuhause aufwachsen können. Konflikte sollte man aber nicht vermeiden.
Ein kleines Kind rennt frech und furchtlos entlang eines Waldweges
Entwicklung
6 Tipps für Eltern mit einem frechen Kind
Ist ihr Kind frech, benimmt sich unmöglich und benutzt Schimpfwörter? Warum ­solches Verhalten typisch für dieses Alter ist – und wie der Umgang damit leichter fällt.