Warum ist mein Kind in der Schule lammfromm und zu Hause so wild?

Oft nehmen wir unsere Kinder anders wahr als Aussenstehende. Dabei ist es für die Einschätzung ihres Verhaltens wichtig, den Kontext zu berücksichtigen und nicht in Schubladen zu denken. 
Ungläubig lauschen Hannahs Eltern den Ausführungen der Lehrerin im schulischen Standortgespräch. Die Tochter arbeite sehr selbständig und gewissenhaft, beteilige sich aktiv am Unterricht, halte sich problemlos an die Regeln und gehe sehr respektvoll mit den anderen Kindern und den Lehrpersonen um. 

Während die Lehrerin das Kompetenzraster durchgeht, werfen sich die Eltern fragende Blicke zu: Ist das dieselbe Hannah, die zu Hause an fast jedem Mittagessen herumnörgelt, wegen Kleinigkeiten in die Luft geht und Türen knallt? Ihre Hannah, die bei den Hausaufgaben zwar oft Hilfe einfordert, sie dann aber nicht annimmt? Die den halben Nachmittag mit Schmollen zubringen kann, wenn es nicht nach ihrem Willen geht, und den Bruder mit üblen Schimpfwörtern eindeckt?  

Es kommt gar nicht so selten vor, dass Eltern und Lehrkräfte das gleiche Kind ganz unterschiedlich sehen. Studien zu diesem Thema kamen immer wieder zum Schluss, dass sich die Einschätzung über das Verhalten von Kindern bei Eltern und Lehrpersonen oft erstaunlich wenig überschneidet. 

Hannahs Eltern sind zwar einerseits erleichtert, dass die Lehrerin so zufrieden mit ihrer Tochter ist. Die Rückmeldung trifft sie aber auch ein wenig und wirft auf dem Nachhauseweg Fragen auf: «Weshalb klappt es in der Schule so problemlos und bei uns nicht? Sind wir zu Hause nicht streng genug?»

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