Was Sie über Hörspiele wissen sollten
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Was Sie über Hörspiele wissen sollten

Lesedauer: 4 Minuten

Für viele Kinder sind Hörspiele der erste Kontakt mit digitalen Medien. Ginge es nach ihnen, könnten sie den spannenden Geschichten stundenlang lauschen. Ist es überhaupt notwendig, den Hörspielkonsum einzuschränken?

Text: Thomas Feibel
Illustration: Petra Duvkova / Die Illustratoren

Gerade jüngere Kinder sollten grundsätzlich nicht zu viel Zeit mit Medien verbringen – diese Haltung teilen Experten wie Eltern meist gleichermassen. Doch zeitliche Reglementierungen zu treffen, ist in den ­letzten Jahren viel schwieriger geworden, denn die Medien funktionieren nicht mehr separat, sondern haben sich zu einem Ensemble vermischt. Kinder können im Internet fernsehen, mit dem Smartphone Musik hören oder mit der Spielkonsole Filme streamen. Zudem machen mobile Geräte es Kindern und Jugendlichen möglich, sich zeitlichen Festlegungen zu entziehen. 

Kontrollen vereinbarter Zeiten sind für uns viel schwieriger geworden. Nur eins hat sich nicht geändert: Wenn es beim Medienkonsum von Kindern um zeitliche Reglementierungen geht, herrscht oft noch das klassische Schwarz-Weiss-Denken unserer eigenen Eltern.

Grob zusammengefasst sieht das so aus: Das Buch ist gut, Fernsehen dagegen schlecht. Videospiele sind schädlich, Hörspiele wiederum ganz okay. Auffallend dabei ist, dass Eltern immer dann ein besonders kritisches Auge auf den Medienkonsum ihrer Kinder richten, wenn ein Bildschirm mit im Spiel ist.

Hörspiele bieten Kindern oft die erste Möglichkeit, technische Medien autonom zu bedienen und selbst auszuwählen.

Diese Haltung könnte auf allgemein kursierende Warnungen von Kinderärzten und Hirnforschern vor Bildschirmmedien zurückgehen. Viel wahrscheinlicher hat es aber mit der eigenen Sozialisierung zu tun. Schon unsere eigenen Eltern zeigten sich beim Thema Fernsehkonsum eher ungehalten, während es mit leiernden Hörkassetten in klapprigen Rekordern kein Problem gab. 

Abtauchen in Hörwelten

Hörspiele und Hörbücher bieten Kindern oft die erste Möglichkeit, technische Medien autonom zu bedienen und nach Interesse und Stimmung selbst eine Auswahl zu treffen – besonders, wenn sie des Lesens noch nicht mächtig sind. Früher spielten noch Audio-CDs eine Rolle, doch inzwischen hat sich aus bildschirmfreien Hörmedien ein profitabler Markt entwickelt. Sprechende Hörstifte verkaufen sich millionenfach.

Bei den erfolgreichen würfelförmigen Tonieboxen wird der Protagonist eines Kinderbuchs zur haptischen Spielfigur, mit der das Abspielmedium bedient wird. Auch Sprachassistenten wie Alexa sind bereits für junge Kinder auf Zuruf leicht handhabbar. Hörspiele bieten ausserdem einen angenehmen Nebeneffekt: Die Kinder bleiben damit in ihrem Zimmer, obwohl sie sich dort nicht gerne alleine aufhalten. Sie sind ja auch nicht alleine. Geschichten leisten ihnen Gesellschaft.

Durch Vorlesen zeigen wir Kindern spürbar, dass wir uns Zeit für sie nehmen. In diesen Momenten entsteht Nähe.

Wir alle lieben Geschichten, die witzig, spannend oder auch ein wenig unheimlich sind, und ihnen zu lauschen, löst ein Wohlgefühl aus. Bei Hörspielserien etwa bleibt das Setting stets dasselbe: Die angenehmen Stimmen sind bekannt und Geräusche, Musik und Dramaturgie sorgen für einen starken atmosphärischen Mantel.

Im Gegensatz zu Bildschirmmedien entstehen dabei eigene Bilder im Kopf, welche die Fantasie fördern. Die Kinder tauchen in Traumwelten ein, identifizieren sich mit den Protagonisten, entwickeln Empathie, lassen im Rollen­spiel Legofiguren Varianten der Geschichte erleben oder malen die entsprechenden Figuren. 

Erstaunlich ist auch, dass Kinder ein bestimmtes Hörspiel immer wieder und wieder hören können. Denn das ist für sie besonders schön: Es gibt keine bösen Überraschungen, das Ende ist bekannt. Dies gibt ihnen Sicherheit und Heimat. Die Kunst des Zuhörens ist zudem eine sehr wichtige Fähigkeit, vielleicht haben wir auch deshalb kaum Einwände gegen Hörmedien.

Eine Schule des Zuhörens

Kindern, das bemängeln Pädagogen im Kindergarten und in der Schule schon lange, fällt das Zuhören immer schwerer. Ihre Aufmerksamkeitsspanne ist im Zeitalter von Smartphone und Tablet stark gesunken. Lehrpersonen ändern darum innerhalb einer Schulstunde mehrfach die Vermittlungsmethode, damit die Konzentration der Kinder nicht abreisst.

Auch darum genies­sen Hörmedien einen guten Ruf: Sie schulen nicht nur das Zuhören, sondern bringen Kinder mit Literatur in Kontakt – was jedoch von der Auswahl abhängt. Ihr Sprachschatz nimmt zu und sie erfahren auf ­spielerische Weise, wie Helden in Geschichten mit Konflikten umgehen oder Probleme lösen. Das alles kann aber auch ohne Technik funktionieren. Durch Vorlesen.

Wir dürfen Kinder – wie bei allen Medien – beim Hörspiel nicht alleine lassen. Wir sollten nach ihnen sehen, uns selbst dazusetzen und zuhören.

Vorlesen ist immer besser 

Selbst wenn Eltern beim Vorlesen keine bühnenreifen Interpretationen zustande bringen, vollführen sie dabei Dinge, zu denen kein Hörspiel fähig ist: Durch Vorlesen zeigen wir Kindern spürbar, dass wir uns Zeit für sie nehmen. Das sind oft schöne Momente, bei denen Wärme und Nähe entstehen. Vor allem beantworten wir als Gesprächspartner Fragen zur Geschichte und bauen mögliche Ängste ab.

Alle Kinder lieben das Vorlesen. Doch sobald sie selbst lesen können, hören viele Eltern damit auf. Dabei könnten wir – und das sage ich als Jugendbuchautor – selbst 16- oder 17-Jährigen mit entsprechender Lektüre vorlesen, wenn wir es nur tun würden.

Gesundheitsexperten empfehlen bei Kindern unter drei Jahren eine Hördauer von höchstens 30 Minuten, bei Kindern zwischen drei und sechs Jahren 45 Minuten. Bei Kindern zwischen sechs und zehn Jahren sei es ratsam, eine Stunde nicht zu überschreiten. Aber müssen wir das wirklich reglementieren? Das kommt auf die jeweilige Haltung der Eltern an.

Wenn das Hörbuch nur ein Baustein im Alltag neben freiem Spiel und Bewegung an der frischen Luft ist, kann damit meiner Meinung nach entspannter umgegangen werden. Es muss keine strenge Regulation erfolgen. Nur dürfen wir Kinder – wie bei allen Medien – damit nicht alleine lassen. Wir sollten nach ihnen sehen, uns selbst dazusetzen und zuhören.

Bedenklich ist der Einsatz von Hörspielen und Hörbüchern zum Einschlafen oder als Babysitter. Kürzlich berichtete mir eine Erzieherin von einem Jungen, der beim Gespräch über Einschlafrituale Folgendes erzählte: «Mama gibt mir einen Gutenachtkuss, macht das Licht aus und legt mir eine CD ein.»

Das schmerzt.

Thomas Feibel
ist einer der führenden ­Journalisten zum Thema «Kinder und neue Medien» im deutschsprachigen Raum. Der Medienexperte leitet das Büro für Kindermedien in Berlin, hält Lesungen und Vorträge, veranstaltet Workshops und Seminare. Zuletzt erschien sein Elternratgeber «Jetzt pack doch mal das Handy weg» im Ullstein-Verlag. Feibel ist verheiratet und Vater von vier Kindern.

Alle Artikel von Thomas Feibel

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