Pasqualina Perrig-Chiello: «Wenn die Kinder gehen, müssen wir den Sinn des Lebens neu definieren»
Entwicklung

«Wenn die Kinder gehen, müssen wir den Sinn des Lebens neu definieren»

Entwicklungspsychologin Pasqualina Perrig-Chiello kennt die Gefühle von Eltern, wenn die Kinder flügge werden und in ein selbständiges Leben starten. Ein Gespräch über leere Nester, Boomerang-Kids und die Trauer der Väter.
Interview: Evelin Hartmann 
Bilder: Christian Aeberhard 13 Photo
«Das Praktischste an dieser Wohnung ist die zentrale Lage», sagt Pasqualina Perrig-Chiello und öffnet die Tür zu ihrem Balkon. Auf der Strasse rattert gerade ein Tram vorbei. Wir besuchen die Entwicklungspsychologin in ihrem Zuhause in Basel. Ihr Arbeitsort ist seit Langem Bern. «Unsere Söhne wollten nie aus Basel weg. So musste ich pendeln», sagt sie und lacht. Mittler­weile sind die Kinder gross und ein Babystuhl steht stets für den Enkel bereit. Während unseres Gesprächs erfahren wir, dass Pasqualina Perrig-Chiello schon als Studentin Mutter geworden ist und sich daher nie so sehr auf ihre Kinder fokussieren konnte, wie das späte Eltern mitunter tun. «Dadurch ist mir das Loslassen aber auch nicht so schwer­gefallen.»

Frau Perrig-Chiello, wenn die Kinder von zu Hause ausziehen, fallen viele Eltern in ein emotionales Loch. ­Psychologen sprechen vom ­sogenannten «Empty Nest Syndrom». Wie äussert sich dieses Syndrom?

In der Literatur werden dem Empty-Nest-Syndrom Begriffe wie Trauer, Einsamkeit, Verlassenheit, Leere oder Schmerz zugeschrieben. Diese Gefühle können sehr intensiv werden und bis zu einer psychischen Störung führen. Diese Pathologisierung eines normalen Lebensüberganges halte ich allerdings für überholt.

Wieso das?

Der Begriff ist in den 50er-Jahren entstanden, als es eine Tatsache war, dass viele Frauen Probleme mit diesem biografischen Schritt hatten. Aber damals waren die Frauen hauptsächlich Hausfrauen und Mütter und definierten sich fast ausschliesslich über diese Rollen. Ausserdem war der Auszug der Kinder meist definitiv. Sie zogen mit zirka 20 Jahren aus, verdienten ihr eigenes Geld und gründeten recht bald eine Familie. Transitionen, sprich biografische Übergänge, sind heute fliessender und nicht mehr von einem klaren Vorher und Nachher markiert.
Pasqualina Perrig-Chiello (im Gespräch mit der stellvertretenden Chefredaktorin Evelin Hartmann) ist Entwicklungspsychologin und Psychotherapeutin. Sie ist emeritierte Professorin für Psychologie an der Universität Bern und Präsidentin der Seniorenuniversität Bern. Pasqualina Perrig-Chiello hat zwei erwachsene Söhne und ein Enkelkind. Sie lebt mit ihrem Mann in Basel.
Pasqualina Perrig-Chiello (im Gespräch mit der stellvertretenden Chefredaktorin Evelin Hartmann) ist Entwicklungspsychologin und Psychotherapeutin. Sie ist emeritierte Professorin für Psychologie an der Universität Bern und Präsidentin der Seniorenuniversität Bern. Pasqualina Perrig-Chiello hat zwei erwachsene Söhne und ein Enkelkind. Sie lebt mit ihrem Mann in Basel.

Wie meinen Sie das?

Nehmen wir das Beispiel Einschulung. Früher wurden die Kinder mit etwa sieben Jahren eingeschult. Es gab ein Vorher – das Kind war zu Hause – und ein Nachher – das Kind ging zur Schule. Heute kommen ­viele Kinder früh in die Krippe, dann in den Kindergarten, bevor sie in die Schule übertreten. Die Übergänge sind fliessend, und das ist beim Auszug der Kinder ähnlich. Viele nehmen sich vielleicht fürs Studium oder für die Ausbildung eine Wohnung, kommen aber am Wochen­ende nach Hause. Wenn dann eine Familie gegründet wird und die Partnerschaft zerbricht, ist das Elternhaus meist die erste Anlaufstelle. Wir Experten sprechen heute viel eher vom «Never-Empty-Nest» oder den so genannten «Boomerang-Kids».
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Also alles kein Problem?

Das möchte ich so nicht sagen. Aber der Auszug eines Kindes, der ja zu den ganz normalen Übergängen im Lebenslauf gehört, wird von psychisch gesunden Menschen gut verkraftet. Und viele Mütter sind heute – ab einem bestimmten Alter der Kinder – berufstätig, sie definieren sich nicht mehr einseitig über die Mutterrolle und müssen sich somit auch nicht mehr völlig neu erfinden, wenn die Kinder ausziehen.

Wie geht es denn den Vätern?

Das ist eine interessante Frage. Während die Frauen oftmals emotional vorbereitet sind auf dieses Ereignis, kommt es für viele Männer fast schon überraschend, wie eine Langzeitstudie belegt, die ich an der Universität Bern durchgeführt habe. In dieser haben wir die Teilnehmer einmal vor dem Auszug des letzten Kindes gefragt, wie es für sie wohl sein wird – und dann nochmals danach. Die Einschätzungen der Mütter, die überwiegend mit gemischten Gefühlen gerechnet haben, hat sich mit dem tatsächlich Erlebten weitestgehend gedeckt. Die der Väter nicht. Sie hatten mehrheitlich mit einer positiven Entwicklung gerechnet.

Was haben die Frauen anders gemacht?

Sie hatten sich etwa mit anderen Müttern ausgetauscht, die in diesem Prozess schon weiter waren. Und sich auch so vorbereitet.

Und die Väter waren enttäuscht?

Zumindest überrascht, da sie sich im Vorfeld mit dem Ereignis nicht mental auseinandergesetzt hatten. Sie haben die sozialen Belange wie Kindergeburtstage, Einschulung und so weiter weitgehend den Frauen überlassen – die sich so auf das Erwachsenwerden der Kinder vorbereiten konnten. Und plötzlich ist das Kind nicht mehr da und der Schock der Väter gross: Was mache ich jetzt als Vater? Habe ich etwas verpasst? ­Hätte ich mich mehr einbringen können? Zwar kommt der Sohn oder die Tochter einmal pro Woche nach Hause und bringt die schmutzige Wäsche, doch der Kontakt läuft über die Mutter. Die Männer sind noch immer allzu häufig abhängig von den Informationen, die über die Frauen laufen.

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