«Das Glück reist mit»: Wie Loslassen Leichtigkeit bringt - Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi
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«Das Glück reist mit»: Wie Loslassen Leichtigkeit bringt

Lesedauer: 4 Minuten

Eine Familie gibt Jobs und Zuhause auf, um eine grosse Reise zu machen, als Corona alles auf den Kopf stellt. Im vierten Teil der Serie wird materiell und emotional vieles entrümpelt und die Autorin verrät, was ihr unterwegs wirklich fehlt.

Text & Bilder: Debora Silfverberg

Wir haben alles dabei, was wir zum Reisen und Leben benötigen. Der Rest unseres Besitzes schlummert seit zwei Jahren in einem Container, der im Dreiländereck bei Basel herumsteht.

Zwischendurch erinnern wir uns daran. Dann fragen wir in die Runde: «Wer vermisst etwas von dem, was dort eingelagert ist?»

Alle zucken mit den Achseln. «Dieses schöne alte Buch, aus dem Brocki mit den Rosenarten drin!» sagt die Ältere. «Hmmm, ein paar Stofftiere, aber eigentlich nichts!» sagt die Jüngere. Mein Mann würde gerne wieder einmal auf unserem Klavier spielen und ich vermisse die kleinen farbigen Frühstücksschüsseln und die alte, rote Ikea Glasvitrine, wo sie drin waren. 

Im Frühjahr 2020 geben Debora Silfverberg ihre Stelle als Fachleiterin bei HELP For Families und Nicolas Krückeberg seine Stelle als Frühinterventionstherapeut für autistische Kinder bei der UPK in Basel auf, um mit ihren zwei Töchtern und Maila dem Hund eine grosse Reise durch Europa zu machen. Die 5-Teilige Serie «Das Glück reist mit» gibt Einblick in verschiedene Aspekte einer etwas ungewöhnlichen Familienauszeit.

Das grosse Ausmisten

Als wir die Wohnung damals auflösten, teilten wir unser Hab und Gut in drei Kategorien: weg, einlagern und mit. All das Zeugs, das sich über zwölf Jahre mit Kindern bei uns angesammelt hatte, war schockierend. Wann und wie kam bloss all dieser Krempel in unseren Haushalt? 

Vieles haben wir verkauft oder verschenkt und wir Eltern versuchten, nur Wesentliches zu behalten. Bei den Kindern mischten wir uns nicht zu sehr ein, ob ein Gegenstand in ein bis zwei Jahren wirklich noch wichtig sein würde.

Auf diese Weise verschwanden viele Dinge zum Einlagern in Kartonschachteln, welche inzwischen längst vergessen sind. 

Der Restbesitz der Familie schlummert in einem Container Nähe Basel.

Immer noch zu viele Besitztümer?

In den Cevennen bei den Grosseltern befindet sich ein Zwischenlager mit Sachen, die wir vielleicht zwischendurch brauchen. Dort hat auch jedes Kind eine grosse Kiste, mit wichtigen Gegenständen. Eine kleine Kiste mit Lieblingsobjekten darf in den Wohnwagen.

Ahnt ihr es schon? Das Meiste wird nie in die Hand genommen.

Diese Stofftiere und Hündchen Maila sind auf der grossen Familienreise mit dabei.

Der Sammeltrieb lässt nach

Seit wir unterwegs sind, versuchen wir immer wieder, uns noch leichter zu machen. Denn immer noch brauchen wir vieles von dem, was wir mit uns im Gepäck herumfahren, im Alltag nicht wirklich. 

Zwischendurch fühle ich mich ein bisschen wie Hans im Glück: Je mehr wir loslassen, desto glücklicher bin ich. Mich mit Gerümpel herumzuschlagen, gibt mir eine schlechte Laune. 

Im ersten halben Jahr der Reise sammeln wir noch überall Muscheln und Steine, die wir mitnehmen.

Loslassen: Schöne Fundstücke betrachten, sich freuen und wieder zurücklegen.

Inzwischen hat sich auch dieser Sammeltrieb gelegt. Wir schauen uns die schönen Objekte oft einfach an, stecken sie vielleicht eine Weile in die Hosentasche und legen sie danach wieder hin. Wir brauchen sie nicht mehr alle zu behalten.

Weniger Zucker, Salz und Fett

Beim Loslassen geht es nicht nur um Gegenstände, sondern auch um Gewohnheiten. Ein Beispiel ist die Ernährung.

Wir waren zwar nie besonders streng, wenn es um Lebensmittel ging. Trotzdem können wir auf unserer Reise, gewisse Werte in Bezug auf gesundes Essen entspannter leben.

Eine Kost mit weniger Zucker, Salz und gesättigten Fettsäuren ist viel einfacher, wenn man nicht konstant den Verlockungen an der Supermarktkasse, am Kiosk oder beim Snackautomaten ausgesetzt ist. Convenience Food brauchen wir nicht, da wir genug Zeit haben, frisch zu kochen. 

Auf den Geburtstagskuchen freuen sich alle, ansonsten ist die Lust auf Süsses deutlich geschrumpft.

Die Anzahl Geburtstagspartys beschränkt sich auf enge Familienmitglieder und die kommen auch ohne Tonnen von Gummibärchen, Smarties und Süssgetränken aus. 

Inzwischen haben sich die Geschmacksnerven der ganzen Familie soweit umgewöhnt, dass die Kinder gewisse industriell verarbeitete Produkte ablehnen: Sie schmecken ihnen einfach nicht mehr.

Was mir wirklich fehlt

Ich muss zugeben, das Einzige, das mir manchmal wirklich fehlt, ist tatsächlich ein Haushaltsobjekt: Eine eigene Waschmaschine.

Mein eigenes Waschmittel benutzen zu können und sicher zu sein, dass vor uns nicht gerade Schuhputzteppiche gewaschen wurden, wäre zuweilen ein grosses Plus. 

Ihre Waschmaschine ist das Einzige, was Debora Silfverberg aus ihrem alten Haushalt wirklich vermisst.

Mein kleines Portemonnaie mit den Ein- und Zweieuromünzen für die Campingwaschmaschinen wird gut gehütet, denn die Gewissheit, waschen zu können, vermittelt ein gewisses Sicherheitsgefühl, wenn man kein festes Zuhause hat.

Die Sehnsucht nach einem festen Zuhause

Es gibt Familien, die unterwegs in der Pfanne Weihnachtsguetsli backen und das gemütlich finden. Uns fehlt zur Adventszeit ein richtiger Backofen!

Zum Glück können wir im Winter jeweils bei den Grosseltern unterschlüpfen und die Vorzüge eines gemauerten Hauses geniessen. Zu Weihnachten sehnen sich alle nach der Wohnlichkeit eines festen Daheims.

Freie Hände haben

Grundsätzlich fehlt uns sehr wenig und wir sind sehr glücklich mit einem Leben, in dem es von allem ein bisschen weniger gibt.

«Wer etwas loslässt, hat beide Hände frei.» Dieses Zitat, das dem Schriftsteller Hellmut Walters zugeschrieben wird, haben wir uns zu Herzen genommen.

Wenn wir wieder ein geregelteres Leben in die Hände nehmen, werden wir es mit mehr Bedacht tun.

Die Reiseroute auf einen Blick:

Coronajahr 2020: Grosseltern in den Cevennen – Französische Atlantikküste – Oma und Opa in Nordfriesland – Lockdown und Weihnachten Cevennen.
 
Coronajahr 2021: Lockdown Cevennen – Mittelmeerküste Spanien – Andalusien – Atlantikküste Portugal –Nordspanien– Cevennen – Schweiz – Cevennen –Italien – Sardinien – Cevennen – Weihnachten in Nordfriesland.
 
Seit Februar 2022: Zweite Runde über die Iberische Halbinsel – Die Suche nach dem neuen Zuhause beginnt.
 

Erfahren Sie in Teil 5 wie die Reise endet und welche Herausforderungen das Ankommen mit sich bringt. Dieser erscheint Mitte September.

Debora Silfverberg
setzte sich viele Jahre mit Herzblut dafür ein, Entwicklungsräume für Kinder im Bereich der Familien- und Sozialpsychiatrie zu schaffen, bevor sie vor zwei Jahren mit ihrem Mann und ihren heute zwölf- und vierzehnjährigen Töchtern eine etwas ungewöhnliche Auszeit begann und sich ihrer zweiten Leidenschaft, dem Schreiben, widmete.

Alle Artikel von Debora Silfverberg

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