«Das Glück reist mit»: Venedig für sich ganz allein - Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi

«Das Glück reist mit»: Venedig für sich ganz allein

Lesedauer: 4 Minuten

Eine Familie gibt Jobs und Zuhause auf, um eine grosse Reise zu machen, als Corona alles auf den Kopf stellt. Vom harten Lockdown in Südfrankreich bis zum menschenleeren Venedig: Im zweiten Teil unserer Serie «Das Glück reist mit» geht die Reise endlich los und es eröffnen sich trotz Pandemie ungeahnte Möglichkeiten.

Text & Bilder: Debora Silfverberg

Corona und freies Reisen passen ungefähr so gut zusammen wie Hubba Bubba und Bratwurst. Man könnte also behaupten, dass das Timing für unser Unterfangen ziemlich ungünstig war.

Vorerst sitzen wir monatelang fest mit viel Ungewissheit darüber, wie alles weitergehen soll und wir brauchen unser familiäres Sicherheitsnetz weit mehr, als wir uns dies jemals hätten vorstellen können.

Im harten Lockdown in Südfrankreich im Spätherbst 2020 dürfen wir das Haus nicht mehr als eine Stunde pro Tag verlassen, uns nicht mehr als einen Kilometer davon entfernen und auch dies nur mit einem Formular, das den Zweck begründet. Weiter weg vom Traum der freien Auszeit könnten wir zu diesem Punkt kaum sein.

Im Frühjahr 2020 geben Debora Silfverberg ihre Stelle als Fachleiterin bei HELP For Families und Nicolas Krückeberg seine Stelle als Frühinterventionstherapeut für autistische Kinder bei der UPK in Basel auf, um mit ihren zwei Töchtern und Maila dem Hund eine grosse Reise durch Europa zu machen. Die 5-Teilige Serie «Das Glück reist mit» gibt Einblick in verschiedene Aspekte einer etwas ungewöhnlichen Familienauszeit.

Das Blatt wendet sich

Es wird März 2021, also fast ein Jahr später als geplant, als wir uns endlich mit unserem Zuhause auf sechs Rädern auf den Weg machen.

Zu Beginn noch sehr verunsichert, wagen wir uns über die spanische Grenze und fahren mit eingezogenen Köpfen durch Katalonien durch, wo touristisches Reisen zu dem Zeitpunkt verboten ist. Die Campingplätze in der Provinz Valencia sind jedoch offen und wir werden freundlich willkommen geheissen. Ab hier wendet sich das Blatt.

Wir hassen Abreisen, aber lieben Ankommen.

Rückblickend hat die Coronakrise viele Türen für uns geöffnet. Sie ist untrennbar mit unserem Abenteuer verwoben und im Unterschied zu vielen anderen Familien brachte sie uns viele positive Erfahrungen.

Europa ohne Massentourismus

Die allgemeinen Schutzmassnahmen beeinflussen unseren Alltag wenig, da dieser fern von Institutionen und Menschenmengen stattfindet. Das krasseste ist allerdings: Wir dürfen Europa ohne Massentourismus erleben. Eine einmalige Begebenheit, die wir nie vergessen werden. 

Einzigartig: die menschenleere Alhambra in Spanien.

Von Valencia aus führt unsere Reise nach Andalusien. Über Portugal fahren wir dem Atlantik entlang weiter nach Galizien, Asturien, Kantabrien und zurück nach Frankreich. Den zweiten Coronaherbst verbringen wir in Italien und Sardinien. Dass wir Campingplätze, Strände und Kulturstätten fast für uns alleine haben, wird zur Gewohnheit.

Viel Platz und Stille: das italienische Pompeji ganz ohne andere Besucher.

Sind wir überhaupt Touristen?

«Aber ihr seid doch gar keine Touristen, das ist doch euer Leben!», sagt José zu uns, als wir über unser schlechtes Gewissen sprechen, unterwegs zu sein, wenn fast alle anderen Zuhause bleiben müssen. Der Spanier campiert zu Beginn unserer Reise für ein paar Tage mit seiner Familie neben uns. Mit seinen ermutigenden Worten hilft er uns, unsere Reiseidentität mit anderen Augen zu sehen.

Wanderung in den Cevennen während des Lockdowns 2020.

In welchem Land wir unseren Alltag leben, hat keinen Einfluss auf das Weltgeschehen. Ausserdem wären mehr Social Distancing und frische Luft als wir es haben, kaum möglich. So entwickelt sich unser Leben als reisende Familie ganz unabhängig von Corona zu einer neuen Normalität.

Ein Alltag mit mehr Zeit

Unser Alltag ist im Vergleich zu unserem vorherigen Leben stark entschleunigt. Knapp 15 Quadratmeter Wohnraum sind schnell sauber gemacht, ausserdem haben wir keinen Garten mehr, der gepflegt werden muss. Die Stunden, die man arbeitend an einem Laptop verbringen kann, sind limitiert und niemand hat einen Arbeits- oder Schulweg, der zurückgelegt werden muss. Also bleibt schlicht mehr Zeit übrig, um die Tage gemütlicher zu gestalten.

Emsige Reisetage

An Reisetagen gibt es viel zu tun: Wir müssen alles zusammenpacken, den Wohnwagen reisefest machen und sicherstellen, dass alle Bäuche ausreichend gefüllt sind, damit der grosse Hunger nicht gerade mit der Ankunft am neuen Ort zusammenfällt.

Kommen wir schliesslich an, passiert alles wieder ungefähr in umgekehrter Reihenfolge. Richtig arbeiten oder Schule machen, ist an diesen Tagen eher schwierig.

Wenn wir eine grössere Strecke mit vielen Etappen zurücklegen, bleiben wir gerne etwas länger an einem Ort, um wieder einen Schulalltag und etwas Routine aufzubauen.

Was erwartet uns?

Auf einem neuen Campingplatz anzukommen ist jedes Mal aufregend. Campingplatz-Fotos aus dem Internet lassen Bilder im Kopf entstehen, die nicht zwingend der Realität entsprechen. Manchmal ist die Überraschung schön, manchmal die Enttäuschung gross.

Reisen ohne festen Plan ist ein unbeschreibliches Geschenk.

Nach der Platzwahl werden als erstes die wichtigsten Dinge geklärt, welche auch oft die profansten sind: Wo ist das Klo? Wieviel Amper liefert die Elektroleitung? Kann man den Kasten selber aufmachen, falls es die Sicherung herausjagt?

Wenn ja, ist man etwas experimentierfreudiger und schaut, ob es den schnellen Wasserkocher verträgt oder ob der zum Einsatz kommt, der ewig dauert, bis es kocht.

Die beste Ankunftsmahlzeit

Jedes Familienmitglied hat seine Aufgaben, um alles wieder einzurichten und bald knurren auch schon die Mägen. Spaghetti mit Tomatensauce wird zur bewährten Ankunftsmahlzeit an Reisetagen. Satt und zufrieden sind wir danach bereit für eine kleine Entdeckungsrunde.

Wo sind wir hier überhaupt? Wo gibt es Brötchen fürs Frühstück? Schön, dass immer alles beim Alten bleibt, sobald sich die Wohnwagentür schliesst.

Unser Reisemotto

Reisen ohne festen Plan ist ein unbeschreibliches Geschenk. Bleiben können, wenn man besonders zufrieden ist, weiterreisen, wenn man genug hat, das Wetter schlecht ist oder der Wind die Richtung dreht und die Pollen über das Land trägt.

Eine Familie gibt Jobs und Zuhause auf, um eine grosse Reise zu machen, als Corona alles auf den Kopf stellt. Dies ist der Anfang eines Abenteuers, das durch fünf europäische Länder führt und unerwartete Herausforderungen, spannende Begegnungen, interessante Einsichten, Familienzusammenhalt und sehr viel Glück mit sich bringt. Hier kommt Teil 2.
Ein besonders schönes Plätzchen für Hündchen Maila.

Diese Freiheit, zu unserem eigenen Glück schauen zu können, gibt allen eine Selbstwirksamkeitserfahrung, die wir vorher in unserem Leben so nie hatten.

«Ich hasse Abreisen, aber ich liebe Ankommen!» dieses Zitat eines der Kinder wird zu einem Motto. So stimmen uns zwar Abschiede oft ein bisschen traurig. Jeder Aufbruch ist aber gleichzeitig der Beginn eines frischen Abenteuers mit schönen neuen Orten, interessanten Bekanntschaften und spannenden Erlebnissen.

Die Serie im Überblick

Die 5-Teilige Serie «Das Glück reist mit» gibt Einblick in verschiedene Aspekte einer etwas ungewöhnlichen Familienauszeit.

Erfahren Sie in Teil 3 wie Lernen in der Wohnwagenschule geht. Dieser erscheint Mitte Juli.

Debora Silfverberg
setzte sich viele Jahre mit Herzblut dafür ein, Entwicklungsräume für Kinder im Bereich der Familien- und Sozialpsychiatrie zu schaffen, bevor sie vor zwei Jahren mit ihrem Mann und ihren heute zwölf- und vierzehnjährigen Töchtern eine etwas ungewöhnliche Auszeit begann und sich ihrer zweiten Leidenschaft, dem Schreiben, widmete.

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