«Das Glück reist mit»: Wieder sesshaft werden - Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi
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«Das Glück reist mit»: Wieder sesshaft werden

Lesedauer: 5 Minuten

Eine Familie gibt Jobs und Zuhause auf, um eine grosse Reise zu machen, als Corona alles auf den Kopf stellt. Im letzten Teil der Serie schreibt die Autorin über die Tücken des Ankommens und warum sie jeder Familie eine gemeinsame Auszeit empfehlen würde.

Text & Bilder: Debora Silfverberg

Empörung schwingt deutlich in ihrer Stimme mit: «Alle gehen irgendwann nach Hause!». Die Frau ist auf dem Heimweg in die Schweiz. Es irritiert sie, dass wir an keinen Ort zurückkehren. 

Natürlich hat sie ein bisschen Recht. Auch wir werden nicht für den Rest unseres Lebens reisen, obwohl ein Teil in uns gerne immer weiter von Ort zu Ort tuckern würde. 

Die Frage ist nur, wie man wieder in ein sesshaftes Leben zurückfindet, wenn man sich so gänzlich davon gelöst hat? Es ist eine gute Sache, dass wir nicht komplett planlos sind. 

So funktioniert unsere Checkliste

Der Plan geht so: 2022 wird dem Finden eines neuen Daheims gewidmet. Ende Jahr werden wir uns auf einer Insel in Nordfriesland niederlassen, sollten wir bis dahin keinen anderen Ort gefunden haben.

Wir haben eine Liste von besuchten Ortschaften erstellt, die für ein sesshaftes Leben in Frage kommen könnten. Jedes Familienmitglied darf jeweils Punkte von 1 bis 10 vergeben. So wird schnell klar, wo wir genauer hinschauen und welche Anwärter chancenlos bleiben.

Wir spüren, dass unsere Töchter reif dafür sind, sich wieder einer Gruppe anderer junger Menschen anzuschliessen.

Unser Ankunftsort muss gewisse Anforderungen erfüllen. Sie erinnern sich vielleicht an den ersten Blog? Das Hochgebirge, die Nordsee, der Atlantik… Irgendwo, wo alle gut atmen können. Dazu kommen weitere Voraussetzungen, welche das neue Zuhause erfüllen soll. Auch dafür gibt es eine Aufzählung von gewünschten Eigenschaften, zu welcher alle beigetragen haben. 

So starten wir im Februar 2022 eine weitere Runde durch Europa. Diesmal mit dem klaren Fokus irgendwo einen Anker zu setzten.

Schneller fündig als gedacht

Zu Anfang der Reise sind wir noch der Meinung, dass wir ein neues «Für immer»-Zuhause finden werden. Von diesem Bestreben haben wir inzwischen losgelassen. Wir brauchen einen Ort, der den Mädchen eine sichere Basis auf ihrem Weg ins Erwachsenenleben gibt. Wer weiss schon, welche Bedürfnisse wir danach haben werden?

So kommt es, dass wir im April 2022 ganz unerwartet fündig werden. In einem Fischerdorf und Surfer Hotspot nördlich von Lissabon entdecken wir eine innovative Schule, wo die Kinder ihre erworbene Selbstständigkeit im Lernen weiter ausbauen können. Der internationale, altersdurchmischte soziale Kontext passt.

Atlantikküste bei A Coruña, Galizien: Die beiden Töchter der Autorin toben bald wieder mit Gleichaltrigen herum.

Wir spüren, dass sie reif dafür sind, sich wieder einer Gruppe anderer junger Menschen anzuschliessen. Es wird sie bereichern, sich an anderen Jugendlichen zu spiegeln und zu reiben. Es tut gut, neue soziale Impulse zu erhalten. 

Die Vegetation, die Atlantikluft und das Meer ergeben ein Klima, dass sich stark von dem mitteleuropäischen abhebt. Ein Blick auf unsere Liste zeigt, dass dieser Ort bei unserer Punkteverteilung bereits zweimal Topfavorit war. Wir sind bereit, hier eine Basis zu errichten. 

Ein geschrumpfter Esel

Also begeben wir uns Anfang Juni mit einer Portion Wehmut auf eine Abschlussrunde, bevor wir im September 2022 ein neues Kapitel in Portugal aufschlagen werden. Es wird genau unser einhundertster Stopp auf der Reise.

Auf einem Zwischenhalt in unserer alten Heimat besucht eines der Mädchen seine geliebten alten Esel. Sie berichtet, dass diese inzwischen eindeutig geschrumpft seien. Auch wir spüren es: nicht nur die Esel sind kleiner geworden. Die Betten, der Wohnwagen, alles scheint in letzter Zeit ein bisschen enger geworden zu sein und wir Eltern: deutlich um einiges kürzer.

Zeit für sich allein: Hündchen Maila und sein wachsendes Frauchen.

Das haben wir gewonnen

Das Glück hat uns auf der ganzen Reise begleitet. Dies war deshalb möglich, weil wir es auch dann gefunden haben, als die Umstände nach Pech aussahen.

Über unser Glück mit Corona habe ich im zweiten Blog ausführlich berichtet. Wir erlebten auch ein paar grössere Missgeschicke und Pannen unterwegs. Zum Beispiel eine heruntergerissene Markise und ein Zwischenfall mit unserem Hubbett, welcher sogar zu einigen Monaten in einem Ersatzwohnwagen namens «Emma» führte.

Unangenehme Erfahrungen gehen vorbei, die schönen Erinnerungen bleiben.

Solche Zwischenfälle führten uns jedoch stets zu hilfsbereiten Menschen, zu kreativen Lösungen und zur Erkenntnis: Unangenehme Erfahrungen gehen vorbei, die schönen Erinnerungen bleiben.

Wir haben als Familie einen Schatz an gemeinsamen Erlebnissen geschaffen, der uns noch viele Jahre nähren wird. Wann immer wir gemeinsam an besonders schöne, lustige oder berührende Reisemomente denken, fühlen wir uns wie Verbündete in einem fantastischen Komplott.

Der Schatz an gemeinsamen Familienerlebnissen ist unbezahlbar.

Unsere Tochter, die fast zehn Jahre täglich Kortison inhalieren musste, ist seit einem Jahr frei von jeglicher Dauermedikation. Zuvor führte sie zwischen Januar und August monatelang ein Halbleben. Heute ist sie gesund und voller Lebensenergie. Die ganze Familie ist befreit. 

Was ist mit den Kosten?

Natürlich hatte die Reise ihren Preis. Finanziell sind wir jetzt ein bisschen ärmer als vorher. Teil eines Vorerbes wurde nicht auf die übliche Weise angelegt, sondern in eine Art «Lebens-Aktie» investiert. Diese wirft eine ganz andere Sorte von Zinsen ab.

Können Hunde den Sonnenuntergang geniessen? Maila schon.

Mein Mann hat sich während der Reise mit einer Online-Fachberatung selbständig gemacht und kann ortsunabhängig arbeiten. Ich konnte mich einer journalistischen Ausbildung widmen. 

Was das in Zukunft für das Bankkonto aller Familienmitglieder und für unsere Altersvorsorge bedeutet, wird niemand genau berechnen können. Der persönliche Gewinn ist jedoch unermesslich.

Die Reiseroute auf einen Blick:

Coronajahr 2020: Grosseltern in den Cevennen – Französische Atlantikküste – Oma und Opa in Nordfriesland – Lockdown und Weihnachten Cevennen.
 
Coronajahr 2021: Lockdown Cevennen – Mittelmeerküste Spanien – Andalusien – Atlantikküste Portugal –Nordspanien– Cevennen – Schweiz – Cevennen –Italien – Sardinien – Cevennen – Weihnachten in Nordfriesland.
 
Seit Februar 2022: Zweite Runde über die Iberische Halbinsel – Die Suche nach dem neuen Zuhause beginnt.
 

Und wenn alle dies tun würden?

Es ist ein Privileg, hier über unsere Reise schreiben zu dürfen. Dieses möchte ich nutzen, um ein paar ermutigende Worte an andere Eltern zu richten. Ich spreche dabei auch Menschen an, die einen solchen Schritt beflügeln, erschweren oder gar verhindern können, zum Beispiel Schulleiter, Arbeitgebende aber auch Verwandte, Bekannte und Freunde: 

Seid grosszügig, freut euch. Denn jeder Mensch, der seine Horizonte erweitert, tut dies nie nur für sich allein. 

Den eigenen Horizont erweitern hilft immer auch der Gesellschaft.

Nicht jede Familie hat die Möglichkeit, sich eine Auszeit zu nehmen. Ängste um verpasste Schulstunden oder Löcher in der Pensionskasse sollten aber nicht der massgebende Grund sein. Auch nicht der Einwand: «Was, wenn alle dies tun würden?».

Mein Plädoyer

Eine liebe Freundin und Mutter von drei Kindern ist während unserer Reise im Alter von 40 Jahren innerhalb von wenigen Monaten an einer aggressiven Krebserkrankung gestorben. Ihr Schicksal hat uns auf krasse Weise vor Augen geführt, dass es gut ist, seine Träume zu verwirklichen.

Hier deshalb mein Plädoyer an alle reisewilligen Eltern von schulpflichtigen Kindern: 

Rahmenbedingungen sind manchmal beweglicher als wir glauben. 

Gemeinsame Zeit ist das Wertvollste, das ihr euren Kindern schenken könnt. 

Tut es: Ihr werdet es nicht bereuen.

Debora Silfverberg
setzte sich viele Jahre mit Herzblut dafür ein, Entwicklungsräume für Kinder im Bereich der Familien- und Sozialpsychiatrie zu schaffen, bevor sie vor zwei Jahren mit ihrem Mann und ihren heute zwölf- und vierzehnjährigen Töchtern eine etwas ungewöhnliche Auszeit begann und sich ihrer zweiten Leidenschaft, dem Schreiben, widmete.

Alle Artikel von Debora Silfverberg

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