Ein gutes Gefühl
Entwicklung

Ein gutes Gefühl: Wie lernt man Empathie?

Die Fähigkeit zur Empathie steckt in ­unseren Genen. Doch nur in einer ­Umgebung, in der Gefühle und Mitgefühl vorgelebt werden, kann sie sich entwickeln. Wie lernen Kinder, andere zu verstehen, ihre Gefühle zu lesen und entsprechend zu handeln?
Text: Julia Meyer-Hermann 
Bilder: Herbert Zimmermann / 13 Photo
Neulich im Theater, bei einer Inszenierung von Astrid Lindgrens «Ronja Räubertochter». Auf der Bühne steht Räuberhauptmann Mattis und brüllt. Er rauft sich die Haare. Er schluchzt. Glatzen-Peer, sein väterlicher Freund, ist tot! «Er war immer da», schreit der baumgrosse Mann. «Und jetzt ist er nicht mehr da.» Auf dem Sitzplatz neben mir schnauft es laut auf. Kurz danach greift die kleine, verschwitzte Hand meines Sohns nach mir.
Dieser Text stammt aus dem Maiheft 2020. Sie können das gesamte Heft hier als Einzelausgabe bestellen. 
Später im Foyer blicke ich in das erhitzte Gesicht des Sechsjährigen. Carls Wangen glühen, seine Stimme überschlägt sich förmlich. Welche Angst Carl gehabt hat, als Ronja sich im Nebel fürchtete! Obwohl er doch wusste, dass ihr nichts zustösst. Und wie glücklich er über ihren Frühlingsschrei war. «Als ob mir selbst das passiert. So ganz in echt», sagt Carl.
Neurologen nehmen an, dass wir mit der Voraussetzung zur Empathie geboren ­werden. Das legt nahe, dass diese evolutionär wichtig ist.
«Schon cool, die Sache mit der Empathie», ergänzt seine ältere Schwester. «Ohne Einfühlungsvermögen würden Geschichten überhaupt nicht funktionieren.» Dann beginnt die Zwölfjährige – im Tonfall ganz die allwissende Ältere –, ihrem jüngeren Bruder zu erklären, was Empathie überhaupt ist. «Weisst du noch, als du zu Mama gesagt hast, dass sie so einen schönen wabbeligen Bauch hätte?», fragt Fanny. Ich zucke leicht zusammen. Worauf will sie hinaus? Ihr Bruder jedenfalls nickt heftig. «Da habe ich mich sofort erschreckt, weil ich gespürt habe, wie Mama sich bei so einer Aussage fühlen muss. Das war also sehr empathisch von mir und nicht so empathisch von dir.» Carl runzelt die Stirn, schiebt die Unterlippe vor. Ich verzichte darauf, meiner ­Gros­sen zu erklären, dass ihre Erklärung nun auch keine Höchstleistung an Einfühlsamkeit war.

In den Genen verankert

Aber kann man einem Sechsjährigen überhaupt begreiflich machen, was Empathie ist? Warum weiss man, was ein anderer fühlt, bevor derjenige es sagt? Was leistet das menschliche Gehirn an dieser ­Stelle? Das ist immerhin auch für Erwachsene oft ein Mysterium. Ich erinnere Carl an eine Szene, in der es zu einem Streit zwischen Ronja und ihrem Vater kam. «Da hat sich mein Magen zusammengezogen», sagt er. «Meiner auch», erwidere ich. «Und lägen wir beide in einer Maschine, mit der man in unseren Kopf sehen kann, dann würden bei uns im Gehirn die gleichen Punkte leuchten. Man könnte sehen, dass wir den Kummer fühlen, den auch Ronja in diesem Moment fühlt.»
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Seit Neurologen Mitte der 1990er-Jahre entdeckt haben, dass bestimmte Zellen im Gehirn, die sogenannten «Spiegelzellen», das Erleben und die Emotionen von anderen widerspiegeln, wird diese Fähigkeit des Menschen von Medizinern, Biologen, Psychologen und Pädagogen erforscht. Wie funktioniert diese intuitive Verbindung zwischen Individuen? Natürlich gibt es relativ offensichtliche Gefühls­regungen wie Wut oder grosse ­Freude. Aber warum können wir auch weniger deutliche Emotionen wie Verlegenheit oder Mutlosigkeit bei Personen spüren, die wir nicht einmal kennen? Und vor allem: Wofür brauchen wir das überhaupt? Neuropsychologen nehmen an, dass wir mit der Voraussetzung zur Empathie geboren ­werden, dass sie zu unserer genetischen Grundausstattung gehört. Das legt den Schluss nahe, dass diese evolutionäre Ausrüstung wichtig war und ist.

«Menschen sind soziale Wesen. Aus evolutionsbiologischer Perspektive ist Empathie grundlegend, um unser gemeinsames Zusammen-leben und damit unser Überleben zu sichern», sagt die Neuropsychologin Nora Raschle. Die Professorin untersucht an der Universität Zürich die Hirnentwicklung bei Kindern und Jugendlichen und führt dabei auch Studien zum Thema Störungen des Sozialverhaltens durch. «Dass Menschen sich empathisch in andere hineinversetzen können, wird als Grundlage dafür angesehen, die Gefühle anderer zu verstehen und entsprechend zu handeln.» Empathie ist ihrer Ansicht nach die Basis für ein prosoziales Verhalten. Damit wird in der Psychologie ein Verhalten bezeichnet, das für die Mitmenschen unternommen wird oder sich an deren Wohlergehen orientiert.

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