Ich liebe dich, so wie du bist! - Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi
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Ich liebe dich, so wie du bist!

Lesedauer: 5 Minuten

Bedingungslose Elternliebe heisst nicht, dem Kind alles durchgehen zu lassen. Es geht vielmehr darum, dass Sie versuchen, Ihrem Kind auch in schwierigen Situationen ­zugewandt zu sein und zu bleiben oder sein Verhalten zu verstehen.

Überblick zum Thema:

  • Die meisten modernen Eltern möchten ihren Kindern bedingungslose Liebe schenken. Das ist in engen Beziehungen jedoch schwierig und wird uns nie ganz gelingen.
  • Wird Liebe an Bedingungen geknüpft, kann das zum ­Gefühl führen, nicht richtig oder nicht gut genug zu sein.
  • Expertentipp: «Wichtig ist, dass unsere Kinder merken, dass wir uns immer wieder darum bemühen», sagt Psychologe Fabian Grolimund.

Alle Eltern haben Wünsche, Hoffnungen und Erwartungen an und für ihre Kinder. Wir alle freuen uns, wenn unser Kind sich anderen gegenüber hilfsbereit zeigt oder dem kleinen Geschwister liebevoll begegnet. Doch, was passiert, wenn das nicht der Fall ist? Wie gelingt es Eltern, in solchen Momenten zugewandt zu bleiben? Konkrete Tipps und vieles mehr erfahren Sie im Beitrag des Psychologen Bestseller-Autors Fabian Grolimund.

Mit der Forderung nach bedingungsloser Elternliebe kann man rasch für hitzige Diskussionen sorgen. Manche Eltern stellen sich auf den Standpunkt, dass damit jegliche Führung verloren ­ginge und sich die Kinder zu unsäglichen Tyrannen entwickeln würden. Das klingt dann oft so: «Ja schön und gut – aber soll ich etwa alles gut­heissen, was mein Kind tut? Und wenn es stiehlt, andere mobbt oder ein Nazi wird?»

Für andere Eltern ist die bedingungslose Liebe das Allheilmittel schlechthin, der Weg zu einer besseren und friedlicheren Menschheit und eine Grundvoraussetzung, damit sich Kinder überhaupt positiv entwickeln können.

Im Umkehrschluss werden dann aber rasch alle Probleme in einer Familie auf die scheinbar mangelnde Liebe zurückgeführt oder Mütter und Väter verurteilt, die das Elternsein auch mal anstrengend finden, mit bestimmten Eigenschaften ihres Kindes hadern oder sich bestimmter Erziehungspraktiken wie Strafen, Belohnungen oder Lob bedienen.

Ermöglichen Sie Kindern, die eigenen Bedürfnisse zu erkennen

Doch was ist bedingungslose Liebe? Das Konzept geht auf den US-amerikanischen Psychotherapeuten Carl Rogers zurück. Dieser begründete die Gesprächspsychotherapie und formulierte drei Bedingungen, die in Beziehungen gegeben sein sollten, damit sich Menschen gut entwickeln können: bedingungslose Wärme und Wertschätzung, Echtheit und Empathie. 

Als Humanist ging Rogers davon aus, dass der Mensch autonom und frei ist, dass er wachsen, sich weiterentwickeln und entfalten möchte. Damit uns dies gelingt, benötigen wir andere Menschen, die sich in uns einfühlen, die Welt ein Stück weit aus unserer Sicht wahrnehmen, uns mit Wärme und Verständnis begegnen und dabei authentisch bleiben. Als Kinder können wir auf diese Weise lernen, eigene Bedürfnisse zu erkennen, uns auch mit schwierigen Gefühlen anzunehmen und zu entdecken, wer wir sind und was uns wichtig ist.

Ist die Liebe an Bedingungen geknüpft, kann das zum ­Gefühl führen, nicht richtig oder gut genug zu sein.

Das Gegenteil einer bedingungslosen Liebe wäre eine an Bedingungen geknüpfte Liebe: Ich liebe dich nur, wenn du so bist und dich so verhältst, wie ich das will. 

Dabei müssen wir uns die Zuneigung der anderen Person verdienen, indem wir uns an ihre Vorstellungen anpassen und zur Not bestimmte Anteile unserer Persönlichkeit unterdrücken. Das kann in der Folge zum Gefühl führen, nicht richtig oder nicht gut genug zu sein und ständig an sich arbeiten zu müssen, um von anderen akzeptiert zu werden. 

Der Liebesentzug durch die Eltern wird mit der Zeit internalisiert: Das Kind kann sich selbst nicht mehr annehmen, wenn es bestimmte Gefühle oder Bedürf­nisse an sich wahrnimmt.

Die meisten modernen Eltern möchten ihren Kindern bedingungslose Liebe schenken. Das ist in engen Beziehungen jedoch schwierig und wird uns nie ganz gelingen. Carl Rogers definierte sein Konzept für die Therapiebeziehung. Dort ist es einfacher, unbedingt wertschätzend zu bleiben, weil die Bedürf­nisse und das Verhalten des Klienten das Leben des Therapeuten nicht betreffen. Um es plastisch auszudrücken: Der Satz «Ich bin fremdgegangen» hat eine ganz andere Wirkung, je nachdem ob ihn der Klient oder der eigene Partner äussert.

Alle Eltern haben Wünsche, Hoffnungen und Erwartungen an und für ihre Kinder. Wir alle freuen uns, wenn unser Kind sich anderen gegenüber hilfsbereit zeigt, dem kleinen Geschwister liebevoll begegnet, im Spiel versinkt und sich auch einmal alleine beschäftigen kann, gerne zur Schule geht und sich für vieles interessiert. Und viele von uns hätten Mühe, wenn sie erleben, dass das eigene Kind sich aggressiv und gemein verhält, andere auslacht, das kleine Geschwister vor lauter Eifersucht heimlich quält, desinteressiert und passiv wirkt und nichts mit sich anzufangen weiss. 

Bedingungslose Liebe bedeutet nicht, dass wir jegliches Gefühl in uns unterdrücken müssen, nie enttäuscht, verärgert oder beschämt über das Verhalten des Kindes sein dürfen. Es bedeutet auch nicht, ihm alles «durchgehen» zu lassen. Vielmehr zeigt sich bedingungslose ­Liebe darin, dass ich auch in solchen Situationen interessiert und zugewandt bleibe und wissen möchte, weshalb mein Kind sich so fühlt und verhält. 

Wenn ich als Mutter oder Vater sehe, dass mein älteres Kind eifersüchtig und ablehnend auf das jüngere Geschwister reagiert und es zwickt, wenn es meint, dass ich nicht hinschaue, dann kann das eine Pa­lette unschöner Gefühle und Gedanken auslösen. Vielleicht ­würde ich dem älteren Kind dann am liebsten zeigen, wie es ist, wenn man abgelehnt wird, indem ich das jüngere demonstrativ auf den Arm nehme, mich mit ihm beschäftige und das ältere geflissentlich igno­riere, während es weint und um Aufmerksamkeit bettelt. 

Wie gelingt es uns, in solchen Momenten zugewandt zu bleiben? Der Schlüssel zu bedingungsloser Liebe ist die Empathie, die es uns wieder erlaubt, uns mit dem Kind zu verbinden. Nicht, weil man alles gutheissen würde, was das Kind tut, sondern weil wir wissen wollen, welche Bedürfnisse und Gefühle hinter diesem schwierigen Verhalten stecken.

Beginnen Sie bei sich selbst

Wenn es uns nicht gelingt, unser Kind anzunehmen, wenn wir es trotz guter Vorsätze ausgeschimpft, angetrieben, kritisiert, bestraft oder zumindest mit Konsequenzen gedroht haben, ist das schlechte Gewissen nicht weit. 

Damit uns die Forderung nach bedingungsloser Liebe nicht unter Druck setzt, können wir sie als Geschenk sehen, das wir unseren Kindern machen.

In diesen Situationen können wir bei uns beginnen und lernen, uns selbst mit Empathie und unbedingter Wertschätzung zu begegnen. Anstatt uns Vorwürfe zu machen und uns als schlechte Mutter oder unfähigen Vater zu verurteilen, können wir uns selbst mit mehr Verständnis begegnen:

  • «Wenn ich unter Zeitdruck und gestresst bin, dann ärgere ich mich sehr, wenn mein Kind so lange braucht, bis es angezogen ist. Manchmal lasse ich mich dann zu Äusserungen hinreissen, die ich hinterher bereue.»
  • «Ich habe es mir so schön und harmonisch vorgestellt, wenn das zweite Kind da ist, und so darauf gehofft, dass sich Alina auf ihr Geschwisterchen freut, und jetzt ist sie so eifersüchtig. Ich bin ­richtig enttäuscht.»
  • «Jetzt war ich heute so wütend und habe so viel geschimpft. Ich fühle mich im Moment so überfordert und alleine gelassen.»
  • «Als Tobias mir diese schlechte Note gezeigt hat, habe ich richtig Angst bekommen! Ich habe mir gleich Sorgen um seine Zukunft gemacht. Deswegen habe ich so heftig reagiert.»

Mit der Zeit bemerken wir immer schneller, welche eigenen Gefühle, Sorgen, manchmal auch Verletzungen aus der Kindheit hinter unseren Reaktionen stecken. Wir merken immer öfter, wo wir überreagieren und wo es hilfreicher wäre, eigene Erwartungen zu hinterfragen, anstatt vom Kind einzufordern, dass es sich an unsere Wünsche anpasst.

Damit uns die Forderung nach bedingungsloser Liebe nicht unter Druck setzt, können wir sie als Geschenk sehen, das wir unseren Kindern immer wieder machen. An manchen Tagen gelingt uns das ­besser, an anderen schlechter. Wichtig ist, dass unsere Kinder merken, dass wir uns immer wieder darum bemühen.

Dieser Artikel stammt aus dem «Kindergartenheft 1. Jahr/Frühling» mit dem Titel «Gut eingelebt» und wendet sich an Eltern von Kindergartenkindern der ersten Klasse.  Bestellen Sie jetzt eine Einzelausgabe!

Fabian Grolimund
ist Psychologe und Buchautor. Gemeinsam mit ­Stefanie Rietzler leitet er die Akademie für Lerncoaching in Zürich. Er ist verheiratet, Vater eines Sohnes und einer Tochter und lebt mit seiner Familie in Fribourg.

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