«Meine Kinder haben keine Angst, ihr Mitgefühl zu zeigen» -
Merken
Drucken

«Meine Kinder haben keine Angst, ihr Mitgefühl zu zeigen»

Lesedauer: 2 Minuten

Petra Ribeiro, 49, ist Pflegefachfrau und arbeitet derzeit als Betreuerin mit randständigen Menschen. Ohne Empathie für deren Schicksale könnte sie ihren Beruf nicht ­ausüben. Das vermittelt die alleinerziehende Mutter auch ihren Kindern Zoe, 11, und Jordan, 8. Die Familie lebt in Zürich.

Aufgezeichnet von Julia Meyer-Hermann
Bild: Pexels

«Ohne Empathie gäbe es in meinem Beruf keinen Erfolg. Ich arbeite in einem Café, in dem Obdachlose und Suchtkranke betreut werden. Der Umgang mit den Menschen, mit denen ich dort zu tun habe, ist manchmal delikat. Die Stimmung kann schnell kippen, manche werden aggressiv, andere depressiv. Sie gehen nicht immer respektvoll mit ihrem Gegenüber um.

Ohne Einfühlungsvermögen für den Hintergrund dieser Menschen kann man ihr Verhalten nicht verstehen. Aber nur wenn ich ihnen Verständnis entgegenbringe, öffnen sie sich und ich kann sie unterstützen. Mit so einer Arbeit schliesst man nicht ab, sobald die Dienstzeit vorbei ist. Die Geschichten begleiten mich auch nach Hause. Mir hilft dann oft mein Glaube und der Gedanke an Jesus und seine Nächstenliebe.

Meine Kinder werden mit dem Wissen gross, dass ihre Mutter sich um Menschen kümmert, die Mitgefühl brauchen. Das prägt sie.

Meine beiden Kinder wissen, wo ich arbeite. Sie waren natürlich noch nie dort, das ist auch verboten. Ich erzähle auch keine Details. Aber sie werden mit dem Wissen gross, dass ihre Mutter sich um fremde Menschen kümmert, die Mitgefühl und Hilfe brauchen. Das prägt sie sichtbar. Ausserdem ist mein Ex-Mann Psychologe, er arbeitet als Pädagoge mit Kindern. Im Punkt ‹Erziehung zu mehr ­Mitgefühl› sind wir uns einig und auf einer Linie.

Entgegen dem Klischee ist Jordan, mein ­achtjähriger Sohn, feinfühliger als seine grosse Schwester. Er ist kein lauter Junge, der die Welt retten will. Aber er erkennt kleine ­Stimmungsveränderungen schnell, er hat ein gutes Auge für andere. Er agiert mit kleinen Gesten, stellt sich nahe neben jemanden, zeigt Solidarität. Er hat auch sehr feine Antennen für das Leid von Tieren.

Meine Grosse hat einen ­pragmatischen Zugang zum sozialen ­Miteinander. Viele ­Menschen zögern, ihrem empathischen Reflex zu folgen und einen Fremden gegebenenfalls zu fragen, ob es ihm gut geht oder ob er Hilfe braucht. Zoe hat keine Berührungsängste und keine Scheu, auch fremden Kindern Hilfe ­anzubieten. Sie hat sich in der Schule zur ­Konfliktlotsin ausbilden lassen. Für dieses Amt muss man sich zunächst bewerben, dann wählt die Klasse jene aus, von denen man annimmt, dass sie ausreichend Gerechtigkeitssinn haben.

Zoe ist überhaupt kein Engel, nicht besonders brav. Aber Ungerechtigkeit akzeptiert sie nicht. Wenn jemand gehänselt wird, schreitet sie ein. Dabei hat sie auch schon begriffen, was ich erst als Erwachsene gelernt habe. Mit meiner Empathie allein kann ich kein Menschenleben retten. Zoe sagt: ‹Ich kann nur denen helfen, die meine Hilfe annehmen. Ich kann nur einen ­Konflikt lösen, wenn die Streitenden sich auch vertragen wollen.› Ich glaube, dass diese Haltung hilfreich ist. Zu viel Mitgefühl kann einen auch selbst lähmen.»

Julia Meyer-Hermann
lebt mit ihrer Tochter und ihrem Sohn in Hannover. Ihre Schwerpunkte sind Wissenschafts- und Psychologiethemen.

Alle Artikel von Julia Meyer-Hermann

Mehr zum Thema Empathie:

Tierethik und Tierschutz an Schulen
Gesellschaft
«Tierschutz ist Erziehung zur Menschlichkeit»
Cristina Jeker, Geschäftsführerin von Das Tier + Wir, erklärt im Interview, was Kinder im Tierethik-Unterricht fürs Leben lernen.
Erziehung
«Kein Mensch kann von morgens bis abends empathisch sein»
Ein Anliegen von Psychologin Claudia Brantschen ist es, Eltern im Alltag zu unterstützen. Sie erklärt, wie beziehungsstärkende Kommunikation gelingt.
Globi erobert nun endlich auch die Toniebox.
Advertorial
Globi, jetzt auch bei tonies®
Globi erobert nun endlich auch die Toniebox. Ab Juli erzählt er den Kindern Geschichten – natürlich auf Schwyzerdütsch.
Mikael Krogerus Kolumnist
Familienleben
Eltern sein heisst nie mehr nicht Vater oder Mutter sein
Dies ist der letzte Beitrag von Mikael Krogerus für Fritz+Fränzi. Darin zieht der Kolumnist viele lehrreiche Fazits zum Eltern sein.
Lernen
Wie wird die Schule zu einem glücklichen Ort?
Menschen, Abläufe und Orte können Kindern dabei helfen, die Herausforderungen in einer Lernumgebung wie der Schule zu meistern.
Elternbildung
Was Kinder wirklich brauchen – und was nicht
Kindern fehlt die praktische Lebenserfahrung. Gütige, einfühlende Anleitung ist deshalb ein wichtiger Teil von elterlicher Führung.
Elternbildung
So lernt Ihr Kind Verantwortung zu übernehmen
Mit der Zeit sollte Verantwortung Schritt für Schritt von den Eltern aufs Kind übergehen. Wie Mütter und Väter diesen Balanceakt meistern.
Elternbildung
«Wir sollten Kindern etwas zutrauen»
Gwendolyn Nicholas und Nico Lopez Lorio liessen ihre Söhne schon mit acht allein im ÖV durch die Stadt fahren. Heute ist auch die fünfjährige Tochter oft dabei.
Elternbildung
«Kinder müssen wissen, was sie brauchen»
Karin und Stephan Graf sind überzeugt, dass Empathie der Schlüssel zur ­Eigenverantwortung ist.
Elternbildung
«Ich dachte, ich würde es locker nehmen»
Simone Steiner und Paolo Bogni waren als Kinder früh selbständig. Umso mehr erstaunt beide, dass ihnen Loslassen als Eltern oft schwerfällt.
Elternbildung
Diese Schulen machen Eltern und Kinder sozial fit
Viele Schweizer Schulen bieten sozialpädagogische Konzepte an, die Kindern helfen sollen, ihre Sozialkompetenzen zu entfalten. Wie sich drei davon in der Praxis bewähren.
Erziehung
«Ein Kind sollte Konflikte selbst lösen dürfen»
Psychologe Fabian Grolimund sagt, die Grundsteine für ein soziales Verhalten würden schon früh gelegt. Daher gelte es besonders für Eltern, ein solches vorzuleben.
Michèle Binswanger Kolumnistin
Elternblog
Wie man die Teenage-Safari-Jahre überlebt
Unsere Kolumnistin Michèle Binswanger sagt, wie eine Mutter Einblicke ins Leben ihrer Teenager erhalten kann.
Fabian Grolimund Kolumnist
Entwicklung
Ich liebe dich, so wie du bist!
Bedingungslose Elternliebe heisst nicht, dem Kind alles durchgehen zu lassen. Es geht darum, Ihrem Kind auch in schwierigen Situationen zugewandt zu bleiben.
Elternbildung
Erziehung braucht Beziehung
Wird Erziehung in einem hierarchischen Sinn betrachtet, kann sie sehr zerstörerisch sein. Kinder brauchen von ihren Eltern Führung, aber auch Gleichwertigkeit.
Geschwister-Mythen: Ein Bund fürs Leben
Erziehung
Geschwister – ein Bund fürs Leben
Von Beginn an sind Geschwister Verbündete, die gemeinsam Schlachten gegen Mama und Papa schlagen. Über eine besondere und besonders stürmische Beziehung.
«Emojis können kein ­Gespräch ersetzen»
Entwicklung
«Emojis können kein ­Gespräch ersetzen»
Sarah Pel, 45, und ihrem Mann Oliver, 50, ist es wichtig, dass ihre Kinder auch im Netz respektvoll und empathisch mit anderen umgehen.
«Kinder müssen üben
Entwicklung
«Kinder müssen üben, eigene und fremde Gefühle zu erkennen»
Die 33-jährige Journalistin Janine Schönenberger hat mit ihren ­Söhnen Joan, 6, und Yanis, 4, schon früh darüber geredet, welche ­Gefühlszustände es gibt.
Ein gutes Gefühl
Entwicklung
Ein gutes Gefühl: Wie lernt man Empathie?
Die Fähigkeit zur Empathie steckt in ­unseren Genen. Wie lernen Kinder, andere zu verstehen, Gefühle zu lesen und entsprechend zu handeln?
«Mitfühlende Kinder sind glücklicher»
Entwicklung
«Mitfühlende Kinder sind glücklicher»
Die Heilpädagogin und Lehrerin Barbara Jüsy sagt, Empathie sollte unbedingt an der Schule gelehrt werden. Kinder lernen bei ihr sozial zu interagieren.
Empathie ist kein Geschenk
Entwicklung
Empathie ist kein Geschenk, ­sondern eine Verpflichtung
Verständnisvoll und einfühlsam zu sein, wurde mit dem Lockdown zu einer alltäglichen ­Herausforderung.
Wie uns Erfahrungen aus der Kindheit prägen.
Gesundheit
Wie wirken sich eigene Kindheitserfahrungen aufs Elternsein aus?
Die Psychotherapeutin Stefanie Stahl hat einen Ratgeber darüber geschrieben, was die Gefühle von Eltern zu ihren Kindern beeinflusst.
Mein Lehrer
Gesundheit
Mein Lehrer, das Baby
«Roots of Empathy» möchte Primarschülern mehr Einfühlungsvermögen vermitteln und Aggressionen abbauen. Mit Erfolg, wie eine Schweizer Studie belegt.
Beziehungen lernen im Kindergarten
Gesellschaft
Wie Kinder soziale Kompetenzen erwerben
Der Kindergarten ist ein Übungsfeld für soziale Beziehungen. Hier lernen Kinder ihre Bedürfnisse zu äussern und knüpfen erste Freundschaften.
Mary Gordon: «Wir sind emotionale Analphabeten»
Entwicklung
Mary Gordon: «Wir sind emotionale Analphabeten»
Roots of Empathy-Gründerin Mary Gordon: wie Eltern das Mitgefühl ihrer Kinder entwickeln können und was ihr der Dalai Lama über seine Mutter verraten hat.