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Psychologie

Wenn eine sichere Bindung fehlt

Für eine gesunde Entwicklung braucht ein Kind eine sichere Bindung zu einer oder mehreren erwachsenen Personen. Fehlt diese, zieht sich das Kind zurück und hat Mühe, Freundschaften zu knüpfen. Dazu drohen Aufmerksamkeitsstörungen, Aggressionen und Depressionen. Nun heisst es: feinfühlig auf Ängste und Bedürfnisse des Kindes reagieren.
Text: Barbara Bechtler Perler
Ein Kind, nennen wir es Robin, fällt mit dem Fahrrad um. Weinend reibt sich Robin das Knie und schaut auf seine Hosen, die beim Sturz zerrissen worden sind. Die Eltern nehmen das weinende Kind in den Arm und trösten es. Schnell lässt es sich beruhigen und fühlt sich ermutigt, einen nächsten Versuch mit dem Fahrrad zu wagen.

Schutz und Trost wirken besonders gut, wenn er von Menschen kommt, mit denen das Kind eine enge Bindung hat. Und sie sind in Situationen wie oben beschrieben sehr wichtig – nicht nur in dieser Situation, sondern für die gesamte kindliche Entwicklung. Bindung bezeichnet eine enge und von starken Gefühlen geprägte Beziehung zwischen einem Kind und seinen Eltern oder anderen ihm nahestehenden Erwachsenen. Sie hilft dem Säugling und Kleinkind, Schutz zu erhalten und sicher betreut zu werden. 
Ein Säugling kann Bindungen zu verschiedenen Erwachsenen aufbauen – nicht nur zu den Eltern.
Ein Säugling kann zu mehreren Erwachsenen Bindungen aufbauen. Bindungspersonen sind meistens die Eltern, die sich in den ersten Lebensjahren intensiv um das Kind kümmern, jedoch können auch Grosseltern oder andere erwachsene Personen wie Pflegeeltern zu Bindungspersonen werden. Wenn der Säugling Angst hat, sucht er Schutz und Sicherheit durch Nähe über Blick- oder Körperkontakt.

Die Bindungsperson ist der sichere Hafen, den das Kind bei Angst oder Bedrohung aufsucht. Nach einer Beruhigung durch diese erlebte Nähe kann das Kind von dort aus die Welt wieder neu erkunden. Der Aufbau einer Bindung wird entscheidend durch die Feinfühligkeit der Bindungsperson beeinflusst – ob sie sensibel auf Äusserungen und Bedürfnisse des Kindes reagiert. 

Die Fähigkeit zur Feinfühligkeit hilft zu erlernen, welche Reaktion auf welches Signal des Kindes ideal ist. Dabei unterscheiden sich diese Signale von Kind zu Kind – ob beim Hungergefühl, beim Bedürfnis nach Körperkontakt, nach Schlaf oder auch beim Wunsch nach gemeinsamem Spiel.

Was Robin hilft

Im Beispiel von Robins Sturz mit dem Fahrrad könnte feinfühliges Verhalten etwa folgendermassen aussehen: Die Bindungsperson beobachtet ihr Kind und nimmt dessen Mimik wahr. Sie schliesst aus dem Lachen und Strahlen vor dem Sturz, dass Robin stolz ist und sich beim Velofahren gut und kompetent fühlt. Dann fällt Robin um und weint. Das Reiben am Knie zeigt wohl Schmerz an, vielleicht auch Frustration. Die Bindungsperson  geht schnell zum gestürzten Kind hin, nimmt es in den Arm und tröstet es. Sie benennt die Situation und wie sich Robin fühlen könnte und gibt dem Kind so Worte für das, was passiert ist.

Robin fühlt sich von seinem Gegenüber verstanden. Die ruhige und wohlwollende Stimme der Bindungsperson und das Trösten beruhigen das Kind. Robin gewinnt die Erfahrung, dass ein Sturz und die damit verbundenen Schmerzen aufgefangen werden, und fühlt sich gehalten. Durch die Ermutigung, weiterzumachen, wird das Kind unterstützt, die Welt weiter zu erkunden, auch nach einem Missgeschick. Robin fühlt sich wieder kompetent.

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