«Undankbarkeit macht mir zu schaffen» - Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi

«Undankbarkeit macht mir zu schaffen»

Lesedauer: 2 Minuten

Serge Hermann, 44, kannte als Kind keine Grenzen, seine Frau Liora Kleinman, 41, wurde mit harter Hand erzogen. Mit Micah, 11, und Zoe, 9, gehen die Banker aus Oberwil-Lieli AG nun andere Wege.

Aufgezeichnet von Virginia Nolan
Bilder: Anne Gabriel-Jürgens und Désirée Good  / 13 Photo

Serge: «Meine Eltern erzogen mich nach dem Laisser-faire-Prinzip, setzten mir null Grenzen. Die Erfahrung, alles machen zu können, ist nicht so spassig, wie sie klingt. Ich schloss daraus, dass ich genauso gut nicht existieren könnte, mich nahm ohnehin keiner wahr. Das hat mir schwere Selbstzweifel beschert.» 

Liora: «Meine Eltern stammen aus der Ukraine, eine von Krieg geprägte Generation. Ich wuchs in Israel auf, mein Vater diente im Krieg, Mutter brachte uns mit Hilfsjobs durch. Zu Hause gab es oft Schläge. Egal war ich den beiden nicht: Sie spornten mich an, eine gute Schülerin zu sein, damit ich später ein besseres Leben hätte. Mutter sagte: Werde nicht wie ich. Werde eine unabhängige Frau, die ihren Weg geht. Diesen Wert vermittle ich auch meinen Töchtern.» 

Serge: «Ich bin als Vater ganz anders als meine Eltern früher. Feste Strukturen sind mir wichtig. Ich versuche den Kindern deutlich zu machen, dass wir Regeln nicht zufällig ausdenken, sondern weil wir sie zu guten Menschen erziehen wollen. Das bedeutet nicht, dass ich mich endlos erkläre. Ich sage immer: Ich bin nicht euer Freund, sondern euer Vater. Ich bin mir meiner Vorbildrolle bewusst und denke, diese Haltung beugt ein Stück weit auch verbaler Gewalt vor: Tubel nennst du im Ärger einen Kollegen, aber sicher nicht deine Kinder.» 

Liora: «Wir tappen beide nicht in die Falle, die Kinder abzuwerten. Ich bin mit einem geistig beeinträchtigten Bruder aufgewachsen, der viel Häme einstecken musste, das hat mich geprägt.» 

Serge: «Ich bin als Vater zwar bestimmt, aber nicht laut.» 

Meine Mutter sagte: ‹Werde eine unabhängige Frau, die ihren Weg geht.› Diesen Wert vermittle ich auch ­meinen Töchtern.

Liora: «Ich bin von Natur aus lauter. Aber ich schreie nicht – und würde meinen Kindern nie auch nur ein Haar krümmen.» 

Serge: «Im Ärger macht Liora dicht und spricht nicht mehr mit einem.» 

Liora: «Wie unlängst: Ich hatte mir für den Adventskalender der Mädchen viel Mühe gegeben, und dann mäkelte Micah daran herum. Als ich in ihrem Alter war, passte mein Besitz in eine Plastikbox, und ich konnte nicht warm duschen. Und meine Tochter motzt, weil ihr der Kalender nicht passt. Undankbarkeit macht mir zu schaffen. Ich mochte nicht mehr mit ihr reden. Sie entschuldigte sich. Ich erklärte ihr, was mich so verärgert hatte. Sie verstand und wir beendeten das Ganze mit einer Bärenumarmung.»

Serge: «Es ist wichtig, sich als Eltern auch zu entschuldigen. Etwa, wenn man die Sorgen der Kinder als Theater abgetan und nicht erkannt hat, dass sie etwas beschäftigt.» 

Liora: «Mich zu entschuldigen, habe ich durch Serge gelernt. ‹Es tut mir leid› hatte ich als Kind nie gehört.»

Virginia Nolan
ist Redaktorin, Bücherwurm und Wasserratte. Sie liebt gute Gesellschaft, feines Essen, Tiere und das Mittelmeer. Die Mutter einer achtjährigen Tochter lebt mit ihrer Familie im Zürcher Oberland.

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