«Stress verkürzt die Zündschnur» - Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi
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«Stress verkürzt die Zündschnur»

Lesedauer: 2 Minuten

Für Büroleiterin Jolanda Paganoni Zurbrügg, 37, aus Frutigen BE geht Beziehung über Erziehung. Ihr Mann, Sanitärunternehmer Tobias Zurbrügg, 41, sieht das nicht immer so. Einig sind sie sich, dass es in ­herausfordernden Momenten mit Jay, 5, Yair, 3, und Lioba, 18 Monate, hilfreicher ist, den Zugang zum Kind zu suchen, als laut zu werden. 

Aufgezeichnet von Virginia Nolan
Bilder: Anne Gabriel-Jürgens und Désirée Good  / 13 Photo

Jolanda: «Gewaltlos erziehen heisst für mich, Kindern auf Augenhöhe zu begegnen – nicht über ihren Kopf hinweg zu entscheiden, sondern sie anzuhören, ihnen Mitspracherechte zu geben und sie in ihren Gefühlen anzunehmen. In stressigen Situationen scheitere ich dabei manchmal. Letzthin war ich mit allen dreien ­einkaufen. Jay wollte ein Spielzeug haben, ich kaufte es nicht, er weinte, und irgendwann sagte ich genervt, er solle aufhören zu heulen. Neulich stritten die Jungs unentwegt. Ich rief aus: Jetzt gehe ich dann! Ich bin impulsiv und gefühlsbetont, das ist okay. Aber kein Grund dafür, verbale Ohrfeigen auszuteilen.» 

Tobias: «Ich bin ein ruhiger Typ. Durch die Kinder lernte ich meine andere Seite kennen: Wenn ich zum x-ten Mal kein Gehör finde, kann ich auch mal schreien. Das passiert eher, wenn ich im Job unter Druck stehe.» 

Jolanda: «Stress verkürzt die Zündschnur. Das gilt auch für starre Vorstellungen davon, wie die Dinge zu laufen hätten. Schaffe ich es, sie zu überwinden, ist das für alle ein Gewinn. Unlängst etwa war Jay unzufrieden beim Essen, und mein erster Impuls war, ihn anzuschnauzen, er solle kein Theater machen. Beim ruhigen Nachfragen aber wurde schnell klar, was er braucht: Er wollte nur seinen Käse heisser haben. Glaubenssätze darüber, wie sich Kinder zu verhalten haben, sind Stolpersteine für die Beziehung. Wir wurden damals forciert, stets danke zu sagen, die Hand zu geben und so weiter. Ich will meinen Kindern solche Dinge nicht über Zwang vermitteln, sondern Vorbild sein.» 

Mir ist Anstand schon wichtig. Ich will nicht, dass man denkt, unsere ­Kinder seien unerzogen.

Tobias: «Mir ist Anstand schon wichtig. Ich will nicht, dass man denkt, sie seien unerzogen – weil, mal ehrlich, das denke ich von Kindern, die sich nicht bedanken. Das liegt an meiner Prägung. Ich bin autoritär erzogen worden. Was die Eltern sagten, zählte, bei groben Verstössen gabs auch mal auf den Hintern. Ob mir dies geschadet hat? Aus meiner Sicht bin ich ganz gut geraten. Gleichzeitig hatte ich vieles nie hinterfragt. Für mich käme es nicht infrage, meine Kinder zu schlagen. Trotzdem: Viele neumodische Erziehungsansätze klangen für mich erst mal nach Wischiwaschi. Dann merkte ich, dass es langfristig viel hilfreicher ist, den Zugang zum Kind zu suchen, statt schwierigen Momenten durch Lautwerden beikommen zu wollen.» 

Jolanda: «Wenn es trotzdem passiert, lasse ich das Kind hinterher wissen: Es tut mir leid, dass ich laut geworden bin. Das war nicht gut.» 

Tobias: «Ich entschuldige mich manchmal. Öfter nehme ich das Kind beiseite und erkläre ihm, warum ich so reagiert habe.» 

Jolanda: «Ich muss mir gelegentlich aber auch in Erinnerung rufen, dass unsere Kinder ein ­liebevolles Zuhause haben und es unsere Beziehung nicht gleich erschüttern wird, wenn wir Eltern uns mal nicht vorbildlich verhalten.» 

Tobias: «Ich entschuldige mich manchmal. Öfter nehme ich das Kind beiseite und erkläre ihm, warum ich so reagiert habe.» 

Jolanda: «Ich muss mir gelegentlich aber auch in Erinnerung rufen, dass unsere Kinder ein ­liebevolles Zuhause haben und es unsere Beziehung nicht gleich erschüttern wird, wenn wir Eltern uns mal nicht vorbildlich verhalten.» 

Virginia Nolan
ist Redaktorin, Bücherwurm und Wasserratte. Sie liebt gute Gesellschaft, feines Essen, Tiere und das Mittelmeer. Die Mutter einer achtjährigen Tochter lebt mit ihrer Familie im Zürcher Oberland.

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