Wenn Väter präsent sind, gewinnen alle
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Wenn Väter präsent sind, gewinnen alle

Lesedauer: 4 Minuten

Noch immer gelten Mütter als die engsten und wichtigsten Bezugspersonen ihrer Kinder. Dabei sind die Väter genauso fähig. Sie müssen aber selber aktiv werden.

Text: Fabian Grolimund
Illustration: Petra Dufkova / Die Illustratoren

Mein bester Freund – ein begeisterter, vielbeschäftigter Anwalt in einer grossen Wirtschaftskanzlei – sagte mir vor zwei Jahren: «Als Partner in einem Anwaltsbüro kannst du nicht Teilzeit arbeiten.» Als er mir ein Jahr später verkündete, dass seine Frau schwanger sei, wollte ich sofort wissen, wie sie sich als Eltern organisieren werden. Mit einer überraschenden Selbstverständlichkeit meinte er: «Ich habe mein Pensum auf 80 Prozent reduziert. Bis das Kind da ist, arbeite ich weiterhin 100 Prozent, damit ich nach dem Mutterschaftsurlaub drei Monate ganz zu Hause bleiben kann.»

Ein paar Monate später sitzt er mir mit seinem kleinen Sohn am Wohnzimmertisch gegenüber. Fläschchen geben, Windeln wechseln, beruhigen – das kann mein Freund alles und wirkt dabei ausgeglichen und tiefenentspannt. Ich habe mich sehr darüber gefreut – für seinen Sohn und für ihn.

Die Rolle als Hilfskraft ist für uns Väter unattraktiv. Wenn schon, wollen wir es richtig machen.

Es ist noch immer keine Selbstverständlichkeit, dass Männer als Väter präsent sind und in diese Rolle hineinwachsen können. Rasch fühlt man sich beruflich abgehängt, trifft auf Hindernisse wie verständnislose Vorgesetzte oder wird je nach Umfeld von Kollegen belächelt.

Vielen Männern fehlt zudem ein Vorbild: Sie selbst haben ihren Vater vielleicht als Ernährer der Familie kennengelernt, der sich am Sonntag für die Kinder Zeit nahm, aber von ihren alltäglichen Freuden, Sorgen und Nöten wenig mitbekam.

Auch in Erziehungsratgebern wird den Vätern oft nur ein Kapitel gewidmet, wobei meist aufgezeigt wird, wie sie ihre Partnerin am besten entlasten können. Diese Rolle als Assistent oder Hilfskraft ist für uns Männer aber gänzlich unattraktiv.

Wenn schon, dann wollen wir es richtig machen und die volle Verantwortung übernehmen. Dabei ist uns wichtig, dass unsere Partnerin anerkennt, dass wir vieles zwar anders, aber genauso gut machen.

Das Kind lernt: Auf Papa ist Verlass

Letzteres ist keine Selbstverständlichkeit. Noch immer hält sich hartnäckig die Überzeugung, dass die Mutter die wichtigere Bindungsperson ist, die von Natur aus und zeitlebens enger mit dem Kind verbunden ist, seine Bedürfnisse besser wahrnehmen kann und feinfühliger darauf reagiert. Aus dieser Überzeugung heraus ergibt sich in vielen Familien die ungeschriebene Regel, dass gerade in Situationen, die besonders bindungsrelevant sind, die Mutter gefragt ist.

Kürzlich schrieb eine Mutter in einer Facebook-Gruppe, dass sie vom Arbeitgeber nur zehn Tage im Jahr frei bekommt, um bei Krankheit für das Kind da zu sein – und wie unmöglich sie dies finde. Auf meinen Kommentar, dass ihr Mann ja auch nochmals zehn Tage zu Hause bleiben könnte, bekam ich einige bitterböse Kommentare, viele davon in Richtung: «Wenn das Kind krank ist, will es die Mutter!» Das mag stimmen: Wenn bisher immer die Mutter für das kranke Kind da war, wird es auch nach ihr verlangen. Bleibt plötzlich der Papa zu Hause, hat er am ersten Tag vielleicht einen schweren Stand. Aber es sind genau diese Momente, in denen sich die Bindung verstärkt, in denen Kind und Vater dazulernen können.

Schwierige Momente gemeinsam mit dem Kind auszuhalten, schafft nochmals eine ganz andere Nähe, Vertrautheit und Bindungssicherheit.

Das Kind merkt: Auf Papa ist Verlass, der ist da, wenn es mir nicht gut geht, der lässt alles stehen und liegen und kümmert sich um mich. Der Vater lernt: Ich kann meine anfängliche Unsicherheit aushalten, mein Kind alleine beruhigen, herausfinden, was zu tun ist. Mit jedem Mal wird es einfacher und vielleicht freut sich das Kind beim zweiten Mal bereits, wenn der Papa zu Hause bleibt. 

Es ist wunderbar, wenn Väter mit ihren Kindern spielen, durch den Wald streifen, rangeln, toben und das eine oder andere ernste Wort sprechen. Aber die schwierigen Momente gemeinsam mit dem Kind auszuhalten, mit ihm die Nacht im Spital zu verbringen, es zum Zahnarzt zu begleiten, wenn es Angst hat, daheimzubleiben, wenn es krank ist, schafft nochmals eine ganz andere Nähe, Vertrautheit und Bindungssicherheit.

Diesen Platz müssen wir Väter uns manchmal erobern, indem wir mit genügend Selbstvertrauen eigenen Unsicherheiten, den Kommentaren unserer Partnerin und gut gemeinten Hilfsangeboten unserer eigenen Mutter und Schwiegermutter entgegentreten und sagen: «Jetzt übernehme ich – das Kind und ich machen das schon!»

Kurz bevor ich Vater wurde, sprach ich mit meinem früheren Chef und Mentor darüber, dass ich nun beruflich kürzertreten möchte. Er schaute mich an und meinte: «Fabian, du machst das genau richtig. Im Beruf ist jeder ersetzbar, egal wie gut er ist. Für die Kinder gibt es nur einen Vater.» Dieser Satz hat mich umso mehr beeindruckt, weil er von einem Professor kam, der zeitlebens sehr viel, gerne und erfolgreich gearbeitet hat.

Seit ich Kinder habe, empfinde ich diesen Gedanken als Entlastung. Er bewahrt mich davor, die Arbeit zu ernst zu nehmen, und verschafft mir die nötige Distanz dazu. Es dürfen Dinge liegen bleiben, Chancen ungenutzt verstreichen, Aufgaben mehr Zeit benötigen, als zuvor gedacht, oder es darf mal jemand unzufrieden sein.

Bitte nicht so hilflos, liebe Väter!

Natürlich ist es ein Privileg, wenn man nicht 100 Prozent arbeiten muss, um das Überleben der Familie sichern zu können. Viele Männer sind jedoch finanziell gut abgesichert, fordern selbstverständlich eine Gehaltserhöhung ein, erobern sich selbstbewusst spannende Projekte. Sobald es aber darum ginge, im Interesse der Familie oder der Kinder einen freien Nachmittag zu erwirken oder auch mal einen Termin zu verschieben, um bei wichtigen Anlässen dabei zu sein, geben sie klein bei: «Das geht halt nicht», «Ich muss zu diesem Meeting», «Da wäre ich beim Chef unten durch».

Wir Männer tun gut daran, diese Einwände auf Herz und Nieren zu prüfen. Ist es wirklich so, dass wir in unserer Firma so wenig Handlungsspielraum haben? Werden wir tatsächlich gleich entlassen oder bei der Beförderung übergangen, wenn man merkt, dass wir Familie haben?

Oder fürchten wir uns in erster Linie davor, als unmännlicher Pantoffelheld zu gelten, wenn wir Forderungen in Richtung «mehr Familienzeit» stellen oder mit dem Argument «Ich muss mein Kind von der Kita abholen» darum bitten, das Meeting früher anzusetzen?

Hier dürfen wir als Väter mutiger werden. Vielleicht erntet man wirklich ein Augenrollen aus dem Team – aber wie schwer wiegt das, wenn sich das Kind freut, wenn man es von der Kita abholt oder man den hart erkämpften freien Nachmittag mit den Kindern am See verbringt anstatt im Büro?

Manchmal hilft es, wenn man die Perspektive etwas weitet. Dazu schlage ich Ihnen gerne eine kleine Übung vor: Versuchen Sie, fünf Adjektive zu finden, die die Beziehung zu Ihrem Vater in Ihrer Kindheit bis in Ihre Jugendzeit beschreiben. Überlegen Sie als Nächstes, wie Ihr/e Kind/er wohl diese Frage im Moment beantworten würden und wie nah das an Ihre Wunschvorstellung kommt.

Fabian Grolimund
ist Psychologe und Buchautor. Gemeinsam mit ­Stefanie Rietzler leitet er die Akademie für Lerncoaching in Zürich. Er ist verheiratet, Vater eines Sohnes und einer Tochter und lebt mit seiner Familie in Fribourg.

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