Liebe Väter, ich bin sauer!
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Liebe Väter, ich bin sauer!

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Nur wenige Männer in der Schweiz machen vom Vaterschaftsurlaub Gebrauch. Haben Väter noch immer nicht kapiert, wie wichtig sie für ihre Kinder sind?

Im Jahr 2021 wurden im Kanton Zürich 17 000 Kinder geboren. Lediglich 2900 Männer nahmen den Vaterschaftsurlaub in Anspruch, der ­jungen Vätern seit dem 1. Januar vergangenen Jahres zusteht. In den anderen Kantonen sah es nur wenig besser aus. Diese Zahlen haben mich schockiert. Naiv, wie ich bin, war ich davon ausgegangen, dass die jungen, modernen Väter von heute diese Gelegenheit selbstverständlich beim Schopf packen.

Wissen Väter heute immer noch nicht, wie wichtig sie für ihre Kinder sind, wie bedeutsam gerade am Anfang der Aufbau einer Bindung ist, welche Rolle es für ihre Partnerinnen spielt, dass sie sich in den anstrengenden Wochen nach der Geburt von ihrem Mann unterstützt fühlen?

Wer wickelt das Kind und füttert es, wer bleibt zu Hause, wenn es krank ist?

Das kann man sich auch dann vorstellen, wenn man all die Studien nicht kennt, die beispielsweise zeigen: Wenn Väter in der ersten Zeit nach der Geburt zu Hause bleiben, leiden Frauen seltener unter postnatalen Depressionen und Väter haben noch Jahre später eine engere Beziehung zu den Kindern und der Partnerin.

Natürlich kann man einwenden, dass es sich ja lediglich um zwei Wochen handle. Aber es ist die erste wichtige Entscheidung für die Familie, für die Kinder, für die eigene Rolle als Vater. Und mit dieser Entscheidung wird es leichter, als Vater auch in Zukunft bei ganz unterschiedlichen Fragen mehr Verantwortung wahrzunehmen: Wer wickelt das Kind und füttert es, wer bleibt zu Hause, wenn es krank ist? Wer holt es von der Betreuung ab? Wer geht mit ihm zum Zahnarzt oder ans Elterngespräch?

Männer, es kommt auf euch an 

Heute wird viel über die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, über Mental Load und Care-Arbeit gesprochen. Auffällig ist: Dabei wird viel über die Männer geschrieben und diskutiert. Die Väter selbst beteiligen sich aber kaum am Diskurs. Von 100 Kommentaren auf Social Media zu diesen Themen stammen vielleicht zwei bis drei von Männern.

An Vorträgen über Erziehungsthemen ist man noch immer froh um jeden Vater, der sich interessiert. Und auch dieses Magazin kämpft mit einer Kampagne um männliche Leser. Es ist an uns Männern, uns einzuklinken und zu zeigen: Wir nehmen unsere Vaterrolle an und ernst. 

Wenn Männer andere Männer sehen, die sich für ihre ­Kinder engagieren, nimmt die Angst ab, beruflich ins Hintertreffen zu geraten oder schief angeschaut zu werden.

An dieser Stelle taucht vielleicht die altbekannte Leier des sogenannten Maternal Gatekeeping auf: Die Mütter können nicht loslassen! Sie trauen uns Männern den Umgang mit Kindern nicht zu! Falls eure Partnerin in diese Kategorie gehört, dann zeigt, dass es euch wichtig ist und erobert euch euren Platz.

Wie eine Untersuchung aus der Schweiz, Deutschland und Österreich zeigt, sind es aber in erster Linie die Männer, die entscheiden, wie sich das Familiensystem gestaltet. So altmodisch das klingen mag: Die Einstellung des Vaters gibt den Ausschlag, ob er Elternzeit in Anspruch nimmt und wie lange die Frau nach der Geburt beruflich pausiert.

Ob die Frau sich für eine gleichberechtigte Rollenverteilung ausspricht, hatte in besagter Untersuchung keinen Einfluss auf das Verhalten der Männer. Salopp gesagt gilt wohl noch immer: Wenn der Vater nicht will, springt die Mutter dem Kind zuliebe in die Bresche.

Mach dich für deine Kinder stark – und für andere Väter 

Wenn die Partnerin weniger Einfluss hat als vermutet, wer bestimmt dann darüber, ob Männer sich stärker als Väter engagieren? Es sind die anderen Männer! Eine Studie aus Norwegen von Sozialwissenschaftler Gordon Dahl und seinem Team stellte einen Schneeballeffekt fest: Wenn ein Arbeitskollege Elternzeit in Anspruch nimmt, wird es bereits um 11 Prozent wahrscheinlicher, dass der nächste werdende Vater dies auch tut. Bei Brüdern ist der Einfluss mit 15 Prozent noch stärker und wird nur noch vom Vorgesetzten übertroffen.

Die Forschergruppe vermutet: Wenn Männer andere Männer sehen, die sich für ihre ­Kinder engagieren, nimmt die Angst ab, beruflich ins Hintertreffen zu geraten oder schief angeschaut zu werden. Markus Theunert, Fachleiter des Väternetzwerks Schweiz, geht davon aus, dass viele Männer den Vaterschaftsurlaub gerne beziehen würden, aber Angst um ihre Karriere haben. Diese Angst ist relativ unbegründet, wie Studien zeigen.

Man darf sich als engagierter Vater darauf gefasst machen, ein wenig belächelt zu werden – und sollte das mit einem Schulterzucken abtun.

Manche Männer finden sich aber tatsächlich in einem Betrieb wieder, der von ihnen verlangt, so zu tun, als hätten sie keine Familie. Es wird erwartet, dass man ständig auf Geschäftsreise geht, rund um die Uhr erreichbar ist und sein Leben nach den Bedürfnissen der Firma ausrichtet.

Auch wenn man in solchen Unternehmen viel verdienen kann: Ich habe oft mitbekommen, dass Männer alles für solche Arbeitgeber gegeben haben, sich ihnen mehr verpflichtet gefühlt haben als der eigenen Familie. Nur um dann kurz vor der Pensionierung eiskalt abserviert zu werden, wenn die Leistungsfähigkeit etwas nachlässt, jüngere Kollegen günstiger sind oder man mit einer Umstrukturierung den Aktienkurs verbessern kann.

Engagierte Väter sind mehr als Pantoffelhelden

Aber auch wenn man nicht einen solchen Arbeitgeber hat: Man darf sich als engagierter Vater trotzdem darauf gefasst machen, von den Arbeitskollegen ein wenig belächelt und geneckt zu werden. Ein befreundeter Vater, der nach der Geburt seines Kindes zusätzlich zum Vaterschaftsurlaub drei Wochen unbezahlten Urlaub genommen und danach sein Pensum auf 80 Prozent reduziert hatte, musste sich einiges anhören: «Sieht man dich auch mal wieder bei der Arbeit?», «Was macht denn deine Frau, dass du ständig daheim sein musst?» oder «Ich habe bei meinem Kind nur einen Tag genommen. Am Anfang wollen die Kinder eh nur an die Brust, da stehst du als Mann nur blöd rum». 

Ich will im Leben meiner Kinder mehr sein als ein Bespasser am Wochenende. Ich will eine echte Beziehung.

Schnell gilt man als Weichei und etwas unmännlich, wenn man sich stärker einbringt. Als ich noch an der Universität arbeitete, gab es einen Kollegen, der nach der Arbeit nur selten auf ein Bier mit uns kam: Er musste seine Kinder von der Krippe abholen. Dafür erntete er jeweils mitleidige Blicke und wurde hinterher belächelt.

Dass man als engagierter Vater rasch als Pantoffelheld gilt, hat vielleicht auch damit zu tun, wie man kommuniziert. Viel zu oft höre ich etwas wie «Ja, meine Frau möchte, dass ich heute die Kinder abhole …» – begleitet von einem Schulterzucken und entschuldigendem Lächeln.

Brust raus, Rücken gerade: Sei stolz, ein Vater zu sein 

Manchmal wirkt es so, als könnten sich Männer nur zwischen dem Druck ihrer Arbeitgeber und dem ihrer Partnerin entscheiden. Es wird Zeit, dass wir Männer gerade hinstehen und mit einer Selbstverständlichkeit sagen: Natürlich beziehe ich diesen Urlaub, bleibe ich zu Hause, wenn das Kind krank ist, nehme ich mir einen Tag pro Woche frei, um mit meinen Kindern zusammen zu sein – und zwar, weil ich das will und es mir wichtig ist.

Ich will im Leben meiner Kinder mehr sein als ein Bespasser am Wochenende. Ich will eine echte Beziehung, ich geniesse meine Kinder, möchte wissen, wer sie sind und was sie bewegt. Und das geht nur, wenn ich genügend Zeit mit ihnen verbringe. Ich bin bereit, dafür ein paar Unannehmlichkeiten und Nachteile in Kauf zu nehmen und blöde Sprüche mit einem Schulterzucken abzutun.

Fabian Grolimund
ist Psychologe und Buchautor. Gemeinsam mit ­Stefanie Rietzler leitet er die Akademie für Lerncoaching in Zürich. Er ist verheiratet, Vater eines Sohnes und einer Tochter und lebt mit seiner Familie in Fribourg.

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