Excel-Parenting – wie Männer Familienarbeit lernen können

Mikael Krogerus erklärt was es mit dem «Excel-Parenting» auf sich hat und wie es sich von einer normalen Ämtli-Liste unterscheidet.
Jedes Jahr reise ich mit der Tochter nach Norwegen zu meinem besten Freund und seiner Familie. Meistens mieten wir eine Hütte mitten im Schnee und gehen langlaufen. Es ist die unbeschwerteste, lustigste und lehrreichste Woche des Jahres. Warum? Nicht nur, weil ich bei Freunden bin, sondern weil ich zu Besuch bin in einer Familie, die den Alltag im Griff hat.
 
Sie betreiben etwas, was ich «Excel-Parenting» nenne. Wenn wir die Hütte beziehen, hängt mein Freund eine Tabelle an die Wand, in der jeder Tag in Spalten geteilt ist: Frühstück, Skis wachsen, Mittagessen, Abendessen. Zusätzlich gibt es für die Erwachsenen (und das älteste Kind, meine Tochter) je eine Zeile. Gerecht wird jede Tätigkeit den Personen zugeordnet.

Das schafft Klarheit. Du musst nicht jeden Morgen diskutieren: Wer macht was? Und auch geschieht nicht das, was meistens geschieht: Die Frauen fühlen sich verantwortlich und machen stumm und unsichtbar am meisten, während die Männer sich feiern lassen, wenn sie einmal gross kochen. Stattdessen schaut man neugierig auf den Plan und sieht: Ah, ­heute mache ich die Skis und du kochst. 
Okay, eine Ämtli-Liste. Aber das ist noch nicht alles: Es steht auch bei jeder Mahlzeit, was gekocht wird. Und da ist noch mehr: Meine Freunde leben auch im Alltag so. Jeden Wochentag gibt es das gleiche Abendessen. Also jeden Montag Lasagne, jeden Mittwoch Suppe usw. Fünf Gerichte, zweimal die Woche Take-away. Alle zwei, drei Monate wird an einer Familiensitzung der Menüplan bestimmt (auch die Kinder dürfen mitreden, denn es gibt am schlimmsten Tag der Woche, dem Montag, immer ein Lieblingsgericht). Und auch alle anderen Erledigungen des alltäglichen Lebens werden in einem gigantischen Spreadsheet festgehalten.

Excel-Parenting war vor allem für meinen Freund, den Familienvater, ein Weg, sich in die Familienarbeit einzubringen. Wie viele Männer ist er stark lösungsorientiert, aber auch ein bisschen unfähig, nebenbei Dinge zu erledigen. Der Plan zeigte ihm einerseits, was alles getan werden muss, andererseits wurde er ein Ventil für seinen konstanten Wunsch nach Optimierung, der seiner Frau auf die Nerven ging.
 
Natürlich muss man ein paar Fragen stellen. Diese zum Beispiel: Ist das nicht schrecklich öde? Wenn wir «Routine» sagen, denken wir an Rigidität und Vorhersehbarkeit. Nun ist es aber so, dass Vorhersehbarkeit etwas ist, wonach sich Menschen – besonders Kinder – sehnen. Wenn wir feste ­Abläufe haben, müssen wir weniger Entscheidungen treffen. Je mehr Automatismen wir in den Alltag einbauen, desto mehr Energie und Zeit haben wir für anderes – für Aufregendes zum Beispiel.

Nun ist es nicht so, dass Excel-Parenting vor Unglück schützt. Auch ­meine Freunde hadern mit den Kindern, mit dem Leben (auch mit dem Excel-Sheet). Aber sie haben den Alltag, diese Hölle der Gegenwart, im Griff.
 
Meine Tochter und ich fügen uns nahtlos ein in die Ämtli-Woche. ­Freuen uns auf die klare Aufgabenverteilung und über ausbleibende Diskussionen. Andere machen Ayurveda-Spa, wir Excel-Parenting. Man ahnt, wie man auch noch hätte leben können. Es ist eine Woche Ferien von uns selbst.

Mikael Krogerus ist Autor und Redaktor des «Magazins». Er schreibt diese Kolumne im Wechsel mit Michèle Binswanger. Mikael Krogerus ist Vater einer Tochter ­und eines Sohnes. Er lebt mit seiner Familie in Basel.


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