Das «freche» Kind: Der Umgang mit emotionalen Kindern
Kindergarten

Das «freche» Kind

Ist Ihr Kind aufmüpfig, schreit herum und benimmt sich unmöglich? Warum solches Verhalten typisch für diese Altersspanne ist – und was Eltern tun können.
Text: Claudia Landolt
Vor vier Jahren kam mein Jüngster in den Kindergarten. Für uns beide war die Umstellung nicht einfach. Plötzlich waren die Vormittage sehr ruhig ohne meinen kleinen fröhlichen Strolch. Ich vermisste ihn sehr. Und für meinen Sohn war es eine Herausforderung, jeden Tag früh aufzustehen und vor dem Einschlafen die vielen Eindrücke zu verarbeiten. Wir brauchten beide ein halbes Jahr, bis sich alles gut eingespielt hatte.

Insgeheim beneidete ich die anderen Mütter aus dem Kindergarten. Deren Kinder sind doch so anders, dachte ich. Sie sprangen am Morgen munter aus dem Bett, hüpften vom «Chindsgi» in den Hort und von dort ins Ballett, zum Schwimmen und zum Geigenunterricht. Und mein Kind? Blieb am liebsten daheim, spielte, malte und wollte kuscheln.
Das Verhalten Ihres ­Rumpelstilzchens ist ganz normal. Es ist seine Art, mit dem Kindergartenstress umzugehen.
Dann hörte ich auf, mich mit anderen Müttern zu vergleichen oder von meinem Sohn mehr Aktivität zu verlangen. Wir gaben uns ganz einfach den Tagen hin, so gut es eben ging.

Monate später vertraute sich mir eine der anderen Mütter an. Sie sagte: «Ich weiss nicht, was mit Mila los ist. Entweder mag sie nicht aufstehen, oder dann will sie schon um 7 Uhr los. Und am Waldtag macht sie ein Theater, weil sie nicht mit ihren Feenflügeln rausdarf, sondern die Matschhosen anziehen muss. Sage ich nein, haut sie mich und schreit herum.»

Ich spürte ihre Verzweiflung, als wäre es meine eigene.

Eine andere Mutter kam hinzu. Sie sagte: «Wenn Noah nach Hause kommt, gibts nur Geschrei. Er wirft sein Täschli und die Jacke auf den Boden und plagt seinen Bruder. Er flippt sofort aus und macht, was er will!»

Ich spürte ihre Ratlosigkeit, als wäre es meine eigene.

Wir alle kennen solche Szenen, haben sie zigmal erlebt. Ich darf Ihnen jetzt, da mein Sohn in die zweite Klasse geht, mit gutem Gewissen sagen: Es geht vorbei. Es ist nur eine Phase (wirklich!). Das Verhalten Ihres Rumpelstilzchens ist ganz normal, denn es ist seine Art, mit dem Kindergartenstress umzugehen.
Dieser Artikel stammt aus dem «Kindergartenheft 1. Jahr/Frühling» mit dem Titel «Gut eingelebt» und wendet sich an Eltern von Kindergartenkindern der ersten Klasse.  Bestellen Sie jetzt eine Einzelausgabe!
Dieser Artikel stammt aus dem «Kindergartenheft 1. Jahr/Frühling» mit dem Titel «Gut eingelebt» und wendet sich an Eltern von Kindergartenkindern der ersten Klasse.  Bestellen Sie jetzt eine Einzelausgabe!
Der Kindergarten stellt für das Kind eine Ausnahmesituation dar, die von ihm eine grosse Anpassungsleistung abverlangt. Im Kindergarten gibt es nur eine Bezugsperson für eine Vielzahl von Kindern. Das bedeutet für jedes Mädchen und jeden Jungen: warten, die eigenen Bedürfnisse aufschieben, genügsam sein, Frustration aushalten. Und dann sind da ja die vielen anderen, lauten, wilden Kinder. Und die neuen Spielsachen. Das Kind muss teilen, sich mit anderen arrangieren, zuhören und mithelfen, sich einordnen, Dinge tun, die es nicht so gerne tut, es soll freundlich sein, seine Ge­fühle unter Kontrolle behalten, es soll mitsingen und im Kreis still sitzen.
Ein Kind braucht unsere ­Aufmerksamkeit besonders, wenn wir es als anstrengend ­empfinden. Eltern sollten sich genau dann Zeit für es nehmen.
Das ist anstrengend, ermüdend, manchmal auch nervig, langweilig und einfach doof. Das Kind macht vieles durch, was wir Erwachsenen auch kennen – wenn wir zum Beispiel einen neuen Job antreten oder es bei der Arbeit gerade harzt. Im Unterschied zu Vier- und Fünfjährigen können wir mit diesen Gefühlen aber besser umgehen. Wir ­können unseren Frust, unsere Enttäuschung, unsere Müdigkeit und unser Unwohlsein sprachlich ausdrücken. Denn wir verfügen über die sogenannten exekutiven Funktionen, der Fachbegriff für Gefühlskontrolle.

Die Beherrschung der exekutiven Funktionen hält uns Erwachsene etwa davon ab, uns abends nach der Arbeit auf den Boden zu werfen und unseren Partner, unsere Partnerin anzubrüllen oder gar zu schlagen. Kinder lernen ­diese Emotionsregulierung erst in den Kindergartenjahren. So kommen sie oft in Situationen, in denen sie mit ihren kommunikativen Fähigkeiten überfordert sind. Sie greifen ganz automatisch auf nonverbale Möglichkeiten zurück, um so ihre Wünsche und Gefühle auszudrücken. 
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1 Kommentar

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Von Anja am 12.05.2020 15:56

Hmm ... Mein Kind ist seit 1 1/2 Monaten nicht mehr im Kindergarten und ist nach wie vor rotzfrech, hört nicht im geringsten und hält sich an keine Regel. Am Kindergarten kann es dementsprechend nicht wirklich liegen. ;)

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