Herr Renz-Polster, was kann man Kindern beibringen? - Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi
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Herr Renz-Polster, was kann man Kindern beibringen?

Lesedauer: 8 Minuten

Niemand kann einem Kind Kreativität vermitteln oder Mitgefühl und soziale Kompetenzen lehren, sagt der deutsche Kinderarzt und Autor Herbert Renz-Polster: Das müssten Kinder selber schaffen. Ein Gespräch über die Frage, wie Kinder das Fundament ihres Lebens selber aufbauen – und wie Eltern sie unterstützen.  

Schwarzes Hemd, windzerzauste Haare, ein breites Lächeln im Gesicht. Der Mann auf der Bühne der Elternschule Bischofszell ist Deutschlands berühmtester Kinder­arzt, Herbert Renz-Polster. Seine Frau Dorothea sitzt in der ersten Reihe. Zwei Stunden lang erzählt Renz-Polster Anekdote um Anekdote, zitiert Studie um Studie zum Thema «Wie Kinder wachsen» – ohne Spickzettel, ohne Versprecher. Und Renz-Polster beruhigt uns Eltern. Im Gespräch danach, erzählt der Kinderarzt , weshalb unsere Erziehungsansprüche manchmal  scheitern – und warum Kinder das tun müssen, was sie tun. 

Herr Renz-Polster, wir schreiben das Jahr 2018. Was haben unsere Kinder noch mit dem Steinzeitmenschen gemein?

Unsere Kinder sind dem Steinzeitalter in ihrer Ausstattung noch nicht entwachsen. Wir denken, sie seien genau so, wie wir sie haben wollen. Kinder kommen aber mit eigenen Erwartungen zur Welt. 

Was bedeutet das? 

Betrachtet man die Kindheit aus evolutionärer Sicht, so spielen Eltern eine wichtige Rolle, keine Sorge! Aber Menschenkinder entwickeln sich immer in eine neue, ungewisse Zukunft. Man braucht nur mal aus dem Fenster zu schauen: Während die Kinder gross werden, entsteht unter ihren Füssen im wahrsten Sinn des Wortes Neuland. Und da müssen die Kinder dann mit ihren Kameraden zurechtkommen, nicht mit Mama und Papa. Deshalb schauen sie sich in Bezug auf ihre eigenen Lebensstrategien recht hartnäckig bei anderen Kindern um.
Herbert Renz-Polster, 1960, ist Kinderarzt und Wissenschaftler am Mannheimer Institut für Public Health der Universität Heidelberg. Er ist Autor zahlreicher Bücher wie «Gesundheit für Kinder» oder «Kinder verstehen». Er lebt in der Nähe von Ravensburg (D), ist verheiratet und Vater von vier erwachsenen Kindern. www.kinder-verstehen.de
Herbert Renz-Polster, 1960, ist Kinderarzt und Wissenschaftler am Mannheimer Institut für Public Health der Universität Heidelberg. Er ist Autor zahlreicher Bücher wie «Gesundheit für Kinder» oder «Kinder verstehen». Er lebt in der Nähe von Ravensburg (D), ist verheiratet und Vater von vier erwachsenen Kindern. www.kinder-verstehen.de

Wie wichtig sind andere Kinder sagen wir mal bei den Vier- bis Fünfjährigen?

Ich nenne diese Altersspanne auch das Zeitalter der mittleren Kindheit. Im evolutionären Kontext der hochmobilen Jäger- und Sammler-Gruppe wäre die Mutter spätestens jetzt stark mit einem Neuankömmling beschäftigt. Kein Wunder, sind die Kinder jetzt bereit, sich einer anderen sozialen Welt zuzuwenden, die nicht mehr nur aus der intensiven Zweierbeziehung zur Mutter oder Hauptbezugsperson besteht. Das zentrale Entwicklungsmotiv in diesem Alter ist das Zusammensein mit anderen Kindern. Überhaupt Kinder, das ist jetzt das Riesending.

«Bei jedem Spiel lernen Kinder, ihren Gefühlshaushalt zu regulieren.» 

Die Natur habe die mittlere Kindheit als eine Art Sparmodus geplant, schreiben Sie. 

Ja, damit greift sie eine Besonderheit des Homo sapiens auf. Die anderen Menschenaffenarten bekommen erst wieder Nachwuchs, wenn das vorige Kind selbstständig ist. Bei uns Homo sapiens aber überlappen sich die ­Versorgungsansprüche – in den ursprünglichen Wildbeuterkulturen betrug der Geburten­abstand im Durchschnitt ungefähr drei bis vier Jahre. Wenn das nächste Kind geboren wird, sind die älteren Kinder also noch immer von Versorgung abhängig. Gleichzeitig brauchen die Eltern jetzt viel Energie für das nächste Kind. Dann ist es von Vorteil, wenn das ältere Kind ein bisschen weniger aufwendig ist. 

Und das Erstgeborene muss lernen, seine Bedürfnisse aufzuschieben. Im Fachjargon nennen wir das Exekutiv­fähigkeit. Das ist etwas, worauf auch im Kindergarten Wert gelegt wird. 

Das sich aber keineswegs erst im Kindergarten aufbaut. Exekutive Funktionen entwickelt das Kind von Anfang an. Schon Zweijährige lernen beim Versteckspiel oder beim Türme­bauen, was Warten und Aufschieben bedeuten. Sie lernen ganz allein, dass Warten auch schön sein kann, weil danach etwas kommt – Belohnung in Form von positiven Gefühlen. Etwa beim Versteckspiel, kurz bevor man entdeckt wird. Bei jedem Spiel lernen Kinder, ihren Gefühlshaushalt zu regulieren. Mit zunehmendem Alter wird aber die Selbst­kontrolle und damit das Sich-selber-Kennenlernen zum Thema.

Kann man das als Eltern fördern?

Die Exekutivfähigkeit ist nichts, was wir den Kindern beibringen können.Sie können sie nur aus sich selbst entwickeln. Man kann also nicht erwarten, dass das Kind das Still­sitzen lernt, indem wir es immer wieder still sitzen lassen. Da speichert es nur ab: Was für ein Stress! Nur wenn es aus sich selbst heraus handelt, also intrinsisch motiviert ist, kommt es weiter. Ruhe geben, sich konzentrieren, das lernt ein Kind beim Anschleichen im Spiel! 
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Dennoch wird das Kind im Kindergarten danach beurteilt.

Ich bin sehr zurückhaltend mit Beobachten und Werten von Kindern, weil die Varianz der kindlichen Entwicklung einfach unglaublich gross ist. Das Kind wird also von Lehrpersonen beobachtet, aber wer garantiert denn, dass diese Beobachtung nicht eine Normvariante beinhaltet, sprich alles im normalen Bereich ist? Das einzuschätzen, ist meiner Meinung nach keine pädagogische Aufgabe. 

Vielen Eltern macht diese Standort­bestimmung Angst.

Es sind die Bewertungen, die Eltern viel zu schnell verunsichert. Es wäre einfacher und sinnvoller, ihnen einfach zu sagen: Mir fällt dies oder jenes auf. So gibt man den Eltern Anregungen, darüber nachzudenken oder vielleicht andere Fachkräfte zu involvieren. Die heutigen Beurteilungen von Kindern in Kindergarten und Schule werden von den Eltern aber als Diagnose verstanden – und diese temporären Schwächen werden plötzlich im Alltag akribisch beobachtet und nehmen schliesslich überhand.

«Kinder stehen morgens auf, um sich Mühe zu geben. Darauf können wir vertrauen. Wir Eltern können nur begleiten und einen förderlichen Rahmen setzen

Können Sie ein Beispiel nennen?

Sprache ist derzeit ein Thema, das viele Eltern beschäftigt. Ihr Kind ist etwas verzögert, sagt noch «l» statt «r» oder «Taffee» statt «Kaffee». Das sind Normvarianten innerhalb der kindlichen Entwicklung. Trotzdem ist jemand mit pädagogischem Hintergrund vielleicht der Meinung, dass dies pathologisch ist und der Logopädie bedarf.

Und bei den Eltern bleibt hängen: Mein Kind hat ein Problem mit der Sprache.

Genau. Sie denken: Mein Kind ist besonders verletzlich oder hat vielleicht eine Störung. Es ist ein Kind, das etwas noch nicht kann. Was passiert? Sobald man auf eine Schwäche aufmerksam gemacht wird, dreht sich alles nur noch um diese eine Schwäche. Eltern haben Angst, dass ihr Kind nicht mithalten kann und habe im späteren Leben Nachteile haben wird. 

Was raten Sie Eltern?

Es ist für das Kind etwas Wunderbares, wenn Eltern vor allem sehen, was das Kind schon kann, und nicht, was es noch nicht kann. Gegen Letzteres hilft die Entwicklung, und die ist in jedem Kind angelegt. Man muss Kindern nicht vorhalten, dass sie Kinder sind und vieles noch nicht können. Und man muss ihnen auch nicht vorhalten, dass sie das, was sie können, in ihrem Tempo entwickeln und nicht in dem des Nachbars­kindes. Kinder stehen morgens auf, um sich Mühe zu geben. Darauf können wir vertrauen. Wir Eltern können nur begleiten und einen förderlichen Rahmen setzen. Und das heisst zuallererst: Ich stehe dir bei, wenn du Hilfe brauchst. Wir sind ein Team.

Dabei erziehen wir Eltern von heute doch sehr bewusst.

Eltern handeln immer in Liebe und wollen nur das Beste für das Kind. Das war aber auch früher schon so. 

Inwiefern?

Nehmen Sie das Thema Sauberkeitserziehung. Von möglichst früher Sauberkeit erwarteten sich die Eltern Positives für den Lebensweg des Kindes: Es sollte dadurch Disziplin erwerben und seine Triebe, sein wildes, unberechenbares Selbst beherrschen lernen. Heute weiss man aber, dass dieser Töpfchenzwang traumatisierend wirkt. Abgesehen davon, dass er zu Kampfbeziehungen zwischen Eltern und Kind führt. 

Sie rufen also zur Entspannung auf?

Nein. Den Schlachtruf «Eltern, entspannt euch» finde ich in der heutigen Gesellschaft unrealistisch. Die Welt, wie sie sich heute darstellt, bietet wenig Grund zum Optimismus. Aber gerade deshalb finde ich es wichtig, dass die Kinder darauf vorbereitet sind, das Beste aus ihrer Situation zu machen. Und das können sie nur mit wachen Augen und mutigem Herzen. Wenn sie selbstbewusst sind und auch für andere eintreten können. Und um diese innere Stärke entwickeln zu können, brauchen sie keine aus Angst geborenen pädagogischen Programme, sondern menschliche Begleitung und eine Kindheit, die diesen Namen auch verdient. 

Können Sie uns Eltern ein wenig auf die Sprünge helfen, konkrete Ratschläge geben? 

Jeder hat seine eigene Geschichte und jeder auch seine eigene «Beziehungssprache». Insofern können Eltern genauso wenig «erzogen» werden wie Kinder. Ich möchte vielmehr helfen, Kinder zu verstehen, und zeige deshalb auf, warum Kinder sind, wie sie sind. Das vermeidet Missverständnisse, und daraus ergibt sich dann oft schon das Weitere. Etwa, was Eltern bleiben lassen können, um keinen unnötigen Stress zu veranstalten, wo man ohnehin nichts ändern kann. 

Wie meinen Sie das?

Kinder sind keine Mängelwesen, sondern zu 100 Prozent fertige Babys, zu 100 Prozent fertige Kleinkinder und so weiter. Sie haben das, was sie brauchen, um Kinder zu sein und den nächsten Schritt zu tun. Das heisst nicht, dass die Kinder mit ihrem Erbe aus der Evolutionsgeschichte nicht manchmal auch Probleme hätten, schliesslich haben wir die Welt ganz schön verändert. Oft so stark, dass die kleinen Steinzeitgeschöpfe kaum mehr in unsere Welt passen.

«Wenn die Kinder so wären, wie wir sie gerne neu programmieren würden, könnten sie gar nicht erfolgreich gross werden!» 

Das verstehe ich nicht ganz.

Kinder sind im Artenvergleich eigentlich glorifizierte Pflegefälle. Keine Art muss mehr für ihren Nachwuchs tun, sich so total auf sie einstellen – und das mit möglichst vielen Helfern. Da ist es nur normal, dass wir uns einfach wünschen, sie würden gerne alleine einschlafen. Oder mal das essen, was auf dem Tisch steht. Und keine Szene beim Einkaufen machen, wenn es keine Gummibärchen gibt. Vor allem wenn wir gestresst sind, wünschen wir uns doch, dass die Kinder einfach mal brav sind und in unser System passen … Tun sie aber nicht.

Schuld ist die Evolutionsgeschichte?

Ja, mehr noch, ich behaupte, dass die Kinder, wenn sie so wären, wie wir sie gerne neu programmieren würden, gar nicht erfolgreich gross werden könnten! Denn das ist ja das Grundproblem des Homo sapiens: Er erschafft die Welt immer neu und Menschenkinder landen immer im Neuland. Deshalb reicht es für Menschenkinder nicht aus, wenn sie in ihrer Entwicklung einfach kopieren und das Buch vom Menschenleben abschreiben. Kinder müssen lernen, ihre eigenen Geschichten zu schreiben. Sie haben ihre eigene Zukunft, und deshalb ein Recht, sich «eigensinnig» darauf vorzubereiten. 

Dieser Eigensinn lässt Eltern manchmal an ihren Fähigkeiten zweifeln, etwa wenn das vierjährige Kind nicht alleine schlafen will oder jeden Tag nur Pasta ohne Sauce isst. 

Viele der Verhaltensweisen unserer Kinder lassen sich in der Tat nur verstehen, wenn wir uns vor Augen führen, unter welchen Bedingungen Kinder in 99 Prozent der menschlichen Geschichte aufgewachsen sind. Natürlich sind sie kritisch, wenn sie ungewohntes Grünzeug zu sich nehmen sollen – es könnte ja giftig sein. Natürlich protestieren sie, wenn sie in der Nacht allein sein sollen – das hätte früher den sicheren Tod bedeutet. Und natürlich ahmen sie grössere Kinder nach, weil sie ab vier, fünf Jahren ja eben in der gemischten Kindergruppe aufwuchsen. 

Müssen wir denn unsere Kinder genauso behandeln, wie es unsere Vorfahren taten?

Natürlich nicht. Wir müssen uns nur bewusst sein, dass wir unseren Kindern heute einiges abverlangen. Wir müssen Sorge dazu tragen, dass wir sie nicht überfordern. Denn so flexibel und lernbereit sie sind, sie bewerten ihre täglichen Erfahrungen mit uralten Instrumenten.

Gute Erziehung ist also kein Privileg von Stammesgesellschaften?

Keineswegs. Wir können unseren Kindern auch unter heutigen Bedingungen das bieten, was sie für eine gesunde Entwicklung brauchen. Aber lassen Sie uns wieder sensibler dafür werden, ob wir von unseren Kindern nicht zu viel erwarten. Gleichzeitig tun wir Eltern gut daran, uns nicht als die Macher im Leben unserer Kinder zu sehen, in deren Hand das Wohl der Söhne und Töchter liegt. Wir dürfen bescheidener werden. Wir entwickeln uns gemeinsam und sind beide Teil eines grösseren Ganzen. Selbst wenn wir alles richtig machen, ist das noch lange keine Garantie für Erfolg. 

«Jedes Kind muss ja für sich selber die Herausforderung finden, die zu ihm passt.»

Nähe und Distanz ist also das Lebensthema von Kindern?

Nicht nur von Kindern. Es ist das Grundthema von uns Menschen: Bindung und Freiheit, Geborgenheit und Risiko. Wir brauchen Geborgenheit und Nähe, um den Mut aufzubringen, auf Entdeckungstouren zu gehen. Neugier können wir nur entwickeln, wenn wir uns wohlfühlen. Gestresste Kinder lernen nicht und sie haben keinen Mut. Das sollten wir übrigens über die Tür jeder pädagogischen Einrichtung schreiben.

Wie lernen Kinder?

Kinder wollen nicht über- und nicht unterfordert sein, sondern machen mit Vorliebe das, was sie «gerade so» schaffen können. Da fängt es in ihnen an zu kribbeln. In unstrukturierten Erfahrungsräumen finden sie diese Kribbelzone am besten – jedes Kind muss ja für sich selber die Herausforderung finden, die zu ihm passt. Weil sich jetzt für mich auf diesem Ast oder bei diesem Sprung Lust und Angst die Waage halten! Die ungeordnete Natur ist deshalb ein echter Entwicklungshelfer. 

Weil wir Eltern nicht immer perfekt sind: Verzeihen Kinder uns eigentlich unsere Fehler?

Seien Sie versichert: Die Natur rechnet nicht damit, dass alles perfekt läuft, wir wären sonst ausgestorben. Kinder sind von Natur aus ziemlich fehlertolerant. Das Muster zählt, nicht jeder Pinselstrich. 

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