Desktop monatsinterview erziehung familienleben pubert t phillip ramming psychologie alleformate
Familienleben

Herr Ramming, diskutieren Eltern zu viel?

Philipp Ramming ist ein führender Schweizer Kinder- und Jugendpsychologe, der auch mit Familien arbeitet, und ein Verfechter von klaren Ansagen. Er weiss, warum Eltern von pubertierenden Kindern so oft verzweifeln: Es ist die Liebe zu den Kindern, die das Erziehen schwer macht.  
Interview: Claudia Landolt
Bilder: Tanja Demarmels / 13 Photo
Wie alle guten Psychologen erweckt Philipp Ramming sofort Vertrauen. Und der Eindruck, dass ihm, dem Mann mit der honigweichen Stimme und dem melodiösen Bündner Dialekt, kein Detail entgeht. Er hat den Tag in einem Konferenzzimmer verbracht, keine Zeit für eine Pause. Nun trinkt er weissen Tee. Ist er so weise, wie er wirkt?  

Philipp Ramming, Sie sind Erziehungsexperte. Was sagen Ihre Kinder über Ihre Erziehung?

Mein jüngerer Sohn sagte kürzlich: Papa, ihr habt Glück, dass ich trotz eurer Erziehung so gut herausgekommen bin. Nun ja, wir sind beide Psychologen. Das ist für ein Kind auch nicht einfach.

Die Pubertät gilt als schwierigste Phase in der Erziehung. Wer tut sich schwerer, Jugendliche oder Eltern?

Das kommt darauf an, wen Sie fragen. Die Jugendlichen wollen raus in die Welt, um etwas zu lernen. Die Eltern wollen, dass sie etwas lernen, um raus in die Welt zu können. Die Jugendlichen denken, sie schaffen alles, und überschätzen sich völlig.

Und dann gibt es Verzweiflung auf beiden Seiten.

Genau. Die Eltern sehen nur Chaos. Die Jugendlichen die tiefe Verzweiflung, nicht verstanden zu werden. Bei den Eltern gibt es die tiefe Verzweiflung, in der Erziehung versagt zu haben. Der Umgang mit Pubertierenden ist jedoch wie Segeln in stürmischer See. Sich querstellen bringt nur das Boot zum Kentern. Hart am Wind und im Zickzack aufkreuzen dauert zwar, lässt einen aber die allgemeine Richtung einhalten. 
Anzeige
«Erziehung ist das Schwierigste, was es gibt. Denn der Arbeitgeber ist unberechenbar.» 

Knallhart bleiben bringt nichts? Dabei gelten Sie als Mann der klaren Worte.

Klar heisst nicht stur. Es gibt keine Stärke oder Konstanz ohne Flexibilität und umgekehrt. Die Eltern müssen die Familienregeln wieder ins richtige Licht rücken, wenn die Jungen machen, was sie wollen. Also zeigen, wo die rote Linie ist! Aber es lohnt sich nicht, auf Perfektion oder pingeliges Einhalten von Regeln, Abmachungen und Ordnung zu bestehen. Man muss verhandeln. Und wissen: Erziehung ist Scheitern in Raten. Aber scheitern Sie mit Würde, Kompetenz und Eleganz.

Wir treffen Sie in St. Moritz, wo Sie einen Workshop für Familien leiten. Diskutieren Eltern zu viel? 

Da muss ich etwas ausholen. Das grösste Problem für Eltern ist heute die Vereinzelung. Jede Familie ist eine eigene Insel, es gibt keine Grossfamilie mehr und auch keine Normen, die uns sagen, was wir tun sollen und was nicht. Die Welt ist so vielfältig geworden, dass uns in der Erziehung manchmal die Orientierung abhandenkommt. Trotzdem ist das Bedürfnis nach Schutz, Orientierung und Anlehnung immer da. Aber weil uns genau diese fehlen, neigen viele Eltern dazu, die Beziehung zu ihren Kindern nicht aufs Spiel zu setzen. Das führt dazu, dass man eher verhandelt als fordert. Und: Die meisten Eltern reagieren zu empathisch. 

Empathie ist doch positiv.

Empathie hilft, ein Problem zu verstehen. Dieses Gefühl muss aber während des Konfliktes mit dem Nachwuchs zurückgestellt werden. Warum müssen Verhandlungen schmusig sein? Was zählt, ist das Ergebnis, nicht der Applaus, den Sie ernten. Erziehen ist kein Wohlfühl-Spa, sondern harte Arbeit. Als Eltern muss man aus der Komfortzone hinausgehen können. Dazu gehört auch, sich der autonomen Meinung des Kindes zu stellen.
Psychologe Philipp Ramming im Gespräch mit Redaktorin Claudia Landolt.
Psychologe Philipp Ramming im Gespräch mit Redaktorin Claudia Landolt.

Konsequenz kostet viel Energie. Die hat man nicht immer.

Sie kostet Energie und macht auch einsam. Aus der Einsamkeit heraus, also wenn man sich nicht an allgemeingültige Normen anlehnen kann, muss man mehr eigene Energie investieren. Alles muss man selber erfinden und durchsetzen. Das ist sehr, sehr anstrengend. 

War es das nicht schon immer?

Als ich aufwuchs, war klar: Wenn die Kirchenglocken läuten, muss man zu Hause sein. Es gab kein Wenn und Aber und erst recht kein Verhandeln. Die Konsequenzen bei einer Missachtung waren klar: Wer zur bestimmten Stunde nicht zu Hause war, musste beim Schulrat antraben. Das Vorhandensein einer solchen normativen Kultur machte es für die Eltern und auch die Kinder sehr viel einfacher. Ob es besser war oder nicht, ist eine andere Frage.

Wäre Vertrauen, zu glauben, dass es schon gut kommt eine Alternative?

Ich bin da sehr geneigt zu sagen, dass Eltern mit dieser Einstellung ihren Job nicht machen. Weigern sie sich, zu verhandeln, Grenzen zu ziehen, stehen sie ihren Mann oder ihre Frau nicht. Denn es bedeutet, dass sie den Frust, kurzfristig nicht geliebt zu werden, nicht aushalten. Wenn man erzieht und Regeln durchziehen muss, wird man temporär so ziemlich gar nicht geliebt. Unter Umständen wird man der Beziehung zum Kind kurzfristig verlustig. Das ist sehr unlustig, aber damit muss man umgehen und das aushalten können. Erziehen ist nun mal unser Job. Und die Kinder verzeihen eher eine klare Haltung als keine Haltung.
«Kinder sind eine Schule der
Veränderung. Sie helfen uns, uns dem Tod in Würde zu nähern.» 

5 Kommentare

Zugehörige Tags

Diesen Artikel kommentieren

Von Susanne am 07.10.2016 21:20

Provokant und mutmachend! Danke!

> Auf diesen Kommentar antworten
Von Ursula am 15.09.2016 08:21

Gibt es die Radiosendungen von Philipp Ramming irgendwo als Podcast?

Von Violetta am 23.11.2016 13:43

Hallo,
gibt es auch Möglichkeit diesen Podcas auch in Deutschland zu hören. Aus Urheblichen Gründen ist leider der Podcas nur in der Schweiz verfügbar.
Danke und grüße

Von Claudia am 23.09.2016 12:52

Liebe Ursula, vielen dank für die Nachfrage. die Radiosendungen gibts als Podcast beim Rätoromanischen Radio, unter Rtr/Forum/Philipp Rahmung sollte in Suchmaschinen ein Ergebnis generieren. Alternativ bei www.rtr.ch in der Suchmaske "Philipp Rahmung" eingeben. Viel Spass!

> Auf diesen Kommentar antworten