Selbstvertrauen: Wie Kinder ihren Weg im Leben finden
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Wurzeln und Flügel: Wie Kinder ihren Weg im Leben finden

Lesedauer: 6 Minuten

Für eine gute Entwicklung brauchen Kinder Selbstvertrauen und sie müssen sich als selbstwirksam erfahren. Ob ihnen das gelingt, hängt vom Verhalten ihrer Eltern ab. Teil 9 unserer Serie «Wie Familie gelingt».

Text: Annette Cina
Bild: Kate Parker

Zwei Dinge sollen Kinder von ihren Eltern be­­kommen, soll Johann Wolfgang von Goethe einmal gesagt haben. Wurzeln, solange sie klein sind, und Flügel, wenn sie grösser werden. Doch wie finden Eltern die richtige Balance zwischen behüten und loslassen?

Je mehr Selbstvertrauen und damit einhergehend ein positives Selbstwertgefühl die Kinder und Jugendlichen haben, desto erfolgreicher und besser können sie mit anderen Menschen, Problemen und dem Leben an sich umgehen. Dabei ist das Vertrauen in sich selbst, in das eigene Können und die eigenen Fähigkeiten entscheidend.

Die Grundlage für dieses Selbstvertrauen wird schon in der Kindheit gelegt. Eltern spielen hierbei eine grosse Rolle: Kleinere Kinder holen sich die Sicherheit bei ihren Eltern. Sind Mütter und Väter beispielsweise selbst ängstlich und trauen ihren Kindern wenig zu, reagieren die Kinder häufig ähnlich. Bestärken Eltern ihre Kinder hingegen darin, Dinge auszuprobieren und zu wagen, werden sich diese mehr zutrauen. In den Schuljahren und der Pubertät spielen Kollegen und Freunde diesbezüglich eine zunehmend wichtige Rolle.

Wenn Eltern erkennen, was ihr Kind braucht, entwickelt es mehr Mut und Lust am ­Erkunden und Ausprobieren.

Wenn Eltern ihr Kind feinfühlig wahrnehmen, erkennen, wo es steht, was es braucht, um selbständig etwas zu versuchen, und es in diesem Bestreben unterstützen, entwickelt es mehr Mut und Lust am Erkunden und Ausprobieren. Dabei muss jedoch berücksichtigt werden, dass jedes Kind anders ist: Manche Buben und Mädchen sind sehr mutig, andere etwas zögerlicher und besonnener.

Jedes Kind braucht etwas anderes, damit es sich auf den Weg in die Welt wagen kann. Aber jedes Kind, ob jung oder schon älter, braucht das Vertrauen und die Gewissheit, dass es am Ende nicht alleine dasteht, sondern jemanden an seiner Seite hat, der zu ihm steht und weiss, wie es sich fühlt – egal, was es getan hat, und ob ihm etwas gelungen ist oder nicht.

Das Gefühl, etwas bewirken zu können

Damit ein Kind mutig und selbstbewusst sein kann, muss es lernen, dass es etwas beeinflussen und bewirken kann. So wird es sich auch leichter etwas zutrauen. Selbstwirksamkeit beschreibt die Überzeugung, aufgrund der eigenen Fähigkeiten ein bestimmtes Ziel erreichen zu können. Dieses Gefühl der Selbstwirksamkeit ist einer der bedeutsamsten Schutzfaktoren im Leben.

Dieses starke Gefühl hilft, auch schwierige Situationen ohne grossen Schaden meistern zu können, vor allem durch die Art, wie Probleme angegangen werden. Menschen, die von sich aus glauben, Einfluss zu haben, agieren viel aktiver. Sie haben die Erwartung, dass sie das gewünschte Ergebnis erreichen können.

Selbständigkeit hat viel damit zu tun, dass man sich etwas zutraut und wagt, eine Aufgabe anzugehen.

In der Regel möchten Eltern ihre Kinder vor Schmerz bewahren und schützen. Gegen dieses Anliegen ist grundsätzlich nichts einzuwenden. Ist ein Kind von einer Situation überfordert, braucht es Unterstützung. Es jedoch übermässig vor schwierigen Erfahrungen zu schützen, gibt ihm das Gefühl, dass es dies selbst nicht kann, dass es unfähig ist, damit umzugehen. Stattdessen brauche es ständig jemanden, der ihm recht gibt, für es kämpft und es bestärkt. Damit wird ein Kind schwach und hilflos.

Selbständigkeit hat jedoch viel damit zu tun, dass man sich etwas zutraut und wagt, eine Aufgabe anzugehen. Scheitern wir in diesem Versuch, macht uns diese Erfahrung stark und bringt uns weiter. Insbesondere dann, wenn jemand an unserer Seite steht, der uns hilft, mit diesen schwierigen Erfahrungen umzugehen. Damit die Balance ­zwischen Sicherheit geben und Loslassen gelingt, sollten Eltern ihr Augenmerk besonders auf die folgenden Punkte richten:

Zutrauen – Vertrauen

Eltern gelingt es besser, ihre Kinder loszulassen, wenn sie sich der Stärken des Kindes bewusst sind. Wenn sie wissen, wie das Kind mit Schwierigkeiten umgehen kann und dass sie darauf vertrauen dürfen, dass das Kind sie zu Hilfe holt, sollte es diese brauchen. Eine gute Beziehung zum Kind und ein gutes Beobachten des Kindes, mit all seinen Stärken und den Bereichen, in denen es noch Dinge dazulernen muss, kann Eltern mehr Sicherheit geben.

Bild: Melissa Baerwald
Ihr Kind vertraut Ihnen – vertrauen Sie auch Ihrem Kind. Bild: Melissa Baerwald

Hierzu braucht es immer wieder ein offenes Ohr, ein Nachfragen und das Zeigen von Interesse an den Aktivitäten des Kindes. Damit wird die Beziehung zum Kind gestärkt und gleichzeitig erhalten Eltern ein Gefühl dafür, in welchen Bereichen ein Kind Schwierigkeiten hat und allenfalls Hilfe oder Schutz benötigt. Oder vielleicht sogar mehr kann, als man denkt.

Ruhig bleiben

Kinder oder auch Jugendliche haben nur dann Vertrauen in ihre Eltern, wenn sie die Erfahrung gemacht haben, dass es für die Eltern kein Drama ist, sollte ihnen etwas nicht gelungen sein. Vielmehr sollten die Eltern den Kindern rückmelden, dass sie stolz sind, dass sie es überhaupt versucht haben. Und sie motivieren, es – vielleicht anders – nochmals zu versuchen.

Anregen, selbst Lösungen zu suchen

Selbständigkeit entsteht durch Selbstprobieren und Tun. Es lohnt sich, Kinder anzuregen, zuerst zu überlegen, wie es mit der Situation umgehen könnte, statt das Problem und die Lösungen zu übernehmen. Sollte das Kind nicht wissen, wie es das Problem bewältigen kann, braucht es die Hilfe der Eltern. Anleitungen und Vorschläge können dem Kind helfen, einen Weg für das Problem zu finden.

Die Grenze des Zutrauens ist dann erreicht, wenn das Kind sich selbst überfordert und sich selbst und andere gefährdet.

Doch anstatt alles selbst – und damit oftmals besser – zu machen, dient es dem Kind mehr, es ausprobieren zu lassen. Auf seine Art und Weise, in seinem Tempo. Dann erst kann das Gefühl entstehen: Ich habe das selbst hingekriegt, so wie ich es wollte. Abwertungen, Lamentieren, ständige Kritik und Aussagen, wie es das Kind hätte besser machen sollen, bringen Kinder in den Widerstand. Ein Lob und der Ausdruck, dass man stolz auf es ist, steigert seinen Selbstwert.

Der Umgang mit Frust

In ihrer Entwicklung durchlaufen Kinder und Jugendliche verschie­dene Phasen. Sie wollen die Welt entdecken – und stossen dabei immer wieder an ihre Grenzen. Das Trotzalter etwa ist ein typischer Entwicklungsschritt auf diesem Weg: Das Kind möchte, und es gelingt ihm nicht. Heftiger Frust und Wut sind normale Reaktionen. Auch das Jugendalter ist eine Entwicklungsphase mit ähnlichen Herausforderungen.

In diesen Phasen müssen Kinder lernen, mit Frust und Grenzen umzugehen, und die Fähigkeit entwickeln, sich mit Fehlern, Kummer, Schmerz und auch Niederlagen konstruktiv auseinanderzusetzen. Dies sind genau die Situationen, in denen Eltern den Kindern vermitteln können: «Du darfst auf dich vertrauen, wir trauen dir das zu. Der Schmerz geht vorbei. Du kannst mit Grenzen umgehen.»

Grenzen setzen

Die Grenze des Zutrauens ist dann erreicht, wann das Kind sich selbst überfordert und sich selbst oder andere gefährdet. In diesen Situationen ist es wichtig, als Mutter oder Vater zu handeln. Die Regeln bestimmen die Grenzen, innerhalb derer sich das Kind selbst entfalten kann.

Bei kleineren Kindern sind diese oftmals einfacher zu kontrollieren und umzusetzen als bei Teenagern. Aber auch bei Teenagern ist es ­wichtig, dass diese lernen, dass die Grenzen einzuhalten sind. Dies wird allenfalls schwieriger, da Teenager manchmal die realen Gefahren nicht sehen und ihre eigenen Fähigkeiten überschätzen. In diesen Situationen sollte man sich zusammensetzen und besprechen, unter welchen Umständen ein Teenager etwas tun darf.  Dabei geht es darum, dass die Eltern ihre Sorgen und Ängste ausdrücken und den Teenager hierzu Stellung beziehen lassen.

Wichtig ist, dass das Kind merkt, dass es, auch wenn es Fehler macht, verstanden und wertgeschätzt wird.

Der Teenager ist angehalten, selbst Vorschläge zu bringen, wie er die Sorgen der Eltern entkräften kann. Dieses Miteinander-Reden gibt den Eltern Wissen darüber, was der Teenager denkt, fühlt und wie er die Situation zu meistern gedenkt. Funktioniert ein Probelauf, können aufgrund des entstandenen Vertrauens die Grenzen ruhig weiter gesteckt werden.

Auch wenn man manchmal von den Kindern enttäuscht und das Vertrauen missbraucht wird: Es ist wichtig, nicht jedes Vertrauen in das Kind zu verlieren. Denn ein Vertrauensbruch heisst eigentlich nur: Diesen Bruch müssen wir ansprechen, machbare Regelungen finden und dem Kind eine neue Chance geben. Immer wieder.

Wichtig ist, dass das Kind merkt, dass es, auch wenn es Fehler macht, verstanden, immer noch angenommen und wertgeschätzt wird. Auch Eltern waren und sind nicht immer perfekt. Auch sie haben in ihrem Leben in vielen schwierigen Situationen gelernt. Trauen wir es auch unseren Kindern zu. Denn es gibt nicht viel, was Eltern glücklicher macht, als zu sehen, wie sich ihre Kinder später als Erwachsene selbstsicher, zufrieden und mit Selbstvertrauen auf ihren Weg wagen und … fliegen.

Das Wichtigste in Kürze
  • Das Gefühl, selbst etwas bewirken zu können, gibt dem Kind Selbstsicherheit und Selbstvertrauen – ein Schutzfaktor für sein ganzes Leben.
  • Kinder müssen lernen und Fehler machen dürfen.
  • Lernen basiert auf Erfahrung. Kinder brauchen daher alltägliche Erfahrungen, an denen sie sich ausprobieren, entdecken und entwickeln können.
  • Kinder benötigen das Zutrauen ihrer Eltern, damit sie sich selbst etwas zutrauen.
  • Ein zu starker Schutz des Kindes gibt diesem das Gefühl, es nicht selbst zu können.

Annette Cina
arbeitet am Institut für Familienforschung und -beratung der Universität Fribourg. In ihrer eigenen Praxis berät die Psychologin, Psychotherapeutin und dreifache Mutter Jugendliche und Erwachsene. Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehören unter anderem Prävention von kindlichen Verhaltensstörungen, Paarkonflikte, Kindererziehung und Stress.

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