Wie Familie gelingt: Sorgerecht der Eltern
Familienleben

Serie: Wie Familie gelingt – Teil 4

Sorgerecht der Eltern – Umzug zu Mama oder Papa?

Wenn die Kinder getrennt lebender Eltern zu ungefähr gleichen Teilen abwechselnd bei Vater und Mutter leben und von diesen betreut werden, sprechen Juristen von «alternierender Obhut». Welche Vorteile bietet dieses Wechselmodell? Was geschieht, wenn ein Elternteil umziehen möchte? 
Text: Lena Rutishauser
Bild: Kniel Synnatzschke / Plainpicture
Für Jacqueline und Matthi­as war immer klar, dass sie sich zu gleichen Teilen um ihre Kinder kümmern wollen. Beide haben jeweils Teilzeit gearbeitet: Jacqueline in einer Eventagentur in Bern und Matthias als Informatiker beim Bund. Ihre Kinder Jonas und Tim sind heute fünf und acht Jahre alt.

Jacqueline und Matthias gehen inzwischen getrennte Wege, küm­mern sich aber weiterhin gemeinsam um ihre Söhne. Im Rahmen einer Trennungsvereinbarung haben sie vor Gericht Folgendes vereinbart: Jacqueline betreut die Kinder von Sonntagabend bis Mittwochabend, Matthias von Mittwochabend bis Freitagabend, an den Wochenenden wechseln sie sich ab.

Umzug eines betreuenden Elternteils?

Während die Scheidung noch hängig ist, wird Jacqueline unerwartet eine neue Stelle in Lausanne angeboten. Dabei handelt es sich nicht nur beruflich um ein interessantes Ange­bot; Jacqueline denkt bereits seit einiger Zeit darüber nach, in die Romandie zurückzukehren. Sie ist in Lausanne aufgewachsen und auch heute noch eng mit dem Ort verbun­den, da ihre Familie und ihr neuer Partner dort leben.

Ein Umzug ohne ihre Kinder kommt für Jacqueline allerdings nicht infrage. Zumal ihre Kinder, mit denen sie von klein auf nur Französisch gesprochen hat, sehr gerne bei den Grosseltern und Cousins in Lausanne sind.

In Anbe­tracht der Entfernung zwischen ihrem Wohnort in Bern und ihrem zukünftigen Wohnort in Lausanne wäre es für Jacqueline und Matthias nicht möglich, die momentane Auf­teilung der Kinderbetreuung beizu­behalten, insbesondere weil Tim inzwischen in die Schule und Jonas in den Kindergarten geht. Kann Jacqueline dennoch ohne Wei­teres mit den Kindern umziehen?
Wie Familie gelingt Die Familie ist ein System aus Menschen mit besonderen Rollen, Normen und Anforderungen. In ihr suchen wir Liebe und Abgrenzung, Nähe und Distanz, sie gibt und nimmt Kraft. Wie beeinflusst das Familienleben die Entwicklung ihrer Mitglieder? Welche gesellschaftlichen Rahmenbedingungen prägen das Familienleben und wie bestimmen institutionelle Strukturen das Leben in Familien mit? Diesen Fragen gehen wir in einer zehnteiligen Serie nach. Die Texte entstanden in Zusammenarbeit mit dem Institut für Familienforschung und -beratung der Universität Fribourg unter der Leitung von Dr. Gisela Kilde und Dr. Annette Cina.
Wie Familie gelingt
Die Familie ist ein System aus Menschen mit besonderen Rollen, Normen und Anforderungen. In ihr suchen wir Liebe und Abgrenzung, Nähe und Distanz, sie gibt und nimmt Kraft. Wie beeinflusst das Familienleben die Entwicklung ihrer Mitglieder? Welche gesellschaftlichen Rahmenbedingungen prägen das Familienleben und wie bestimmen institutionelle Strukturen das Leben in Familien mit? Diesen Fragen gehen wir in einer zehnteiligen Serie nach. Die Texte entstanden in Zusammenarbeit mit dem Institut für Familienforschung und -beratung der Universität Fribourg unter der Leitung von Dr. Gisela Kilde und Dr. Annette Cina.

Wer entscheidet über den Wohnort des Kindes?

Das Recht, den Aufenthaltsort eines Kindes zu bestimmen, ist Teil der elterlichen Sorge. Übt ein Elternteil die elterliche Sorge alleine aus, muss er den anderen Elternteil über seine Umzugspläne lediglich rechtzeitig informieren. Üben die Eltern die elterliche Sorge gemeinsam aus und möchte ein Elternteil mit dem Kind innerhalb der Schweiz umziehen, bedarf es der Zustimmung des ande­ren Elternteils, wenn der Umzug der Kinder einen erheblichen Einfluss auf den Kontakt zwischen dem Kind und dem anderen Elternteil hat.

Möchte ein Elternteil mit dem Kind ins Ausland ziehen, bedarf es bei gemeinsamer elterlicher Sorge der Zustimmung des anderen. Stimmt der andere Elternteil einem Umzug des Kindes nicht zu, kann der umzugswillige Elternteil sich an ein Gericht oder eine Kindesschutzbehörde (KESB) wenden, damit die­se eine neue Regelung für die Betreuung des Kindes finden.

Jacqueline und Matthias üben die elterliche Sorge gemeinsam aus. Die Entfernung zwischen Lausanne und Bern beträgt mehr als 100 Kilo­meter. Unabhängig davon, in wel­chem Haushalt Jonas und Tim zukünftig leben werden, kann das momentane Betreuungsmodell damit nicht mehr aufrechterhalten werden, sodass der Umzug der Kin­der von der Zustimmung von Matthias beziehungsweise dem Gericht abhängig ist.
Es wird einzeln entschieden, ob ein Umzug zustimmungsbedürftig ist.
Ob ein Umzug zustimmungsbe­dürftig ist, muss für jeden Fall ein­zeln entschieden werden. Anders wäre die Situation beispielsweise zu beurteilen, wenn Jacqueline von Ostermundigen nach Zollikofen, rund 15 Minuten mit dem Auto, zie­hen würde.

Matthias stimmt dem Umzug der Kinder nicht zu. Er wehrt sich vehe­ment dagegen und droht Jacqueline mit rechtlichen Schritten, da er kein Verständnis hat für Jacquelines plötzlichen Wunsch, nach Lausanne zu ziehen. Ohne Matthias, Zustim­mung kann Jacqueline die Kinder nicht mit nach Lausanne nehmen. Sie hat jedoch die Möglichkeit, beim Gericht, das auch für die Scheidung zuständig ist, einen Antrag auf Bewilligung zum Wechsel des Aufenthaltsortes der Kinder zu stellen.

Während das Verfahren vor Gericht noch läuft, darf Jacqueline mit den Kindern (noch) nicht umziehen. Die Kinder sollen bis zum Entscheid durch das Gericht in ihrer gewohnten Umgebung bleiben. Das gilt insbesondere für den Fall, dass beide Eltern sich um die Kinder kümmern können und wollen, da die Kontinuität der Betreuungssitu­ation grossen Einfluss auf die spätere Entscheidung des Gerichts hat.

Das Gesetz ist darauf ausgelegt, dass der umzugswillige Elternteil vorgängig auf den anderen Elternteil, respektive das Gericht oder die KESB, zugeht, um eine gemeinsame Lösung zu finden. 

Bei einem Umzug ohne Zustimmung sieht das Gesetz keine eigentliche Bestrafung vor. Das Gericht wird in diesem Fall aber gegebenenfalls prüfen, ob die Zutei­lung der Kinder zum anderen Elternteil sinnvoll ist.
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