Der innere Schiedsrichter weiss Rat -
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Der innere Schiedsrichter weiss Rat

Lesedauer: 4 Minuten

Konflikte entstehen meistens, wenn Grenzen überschritten werden. Um diese zu lösen oder gar nicht erst entstehen zu lassen, gibt es für Lehrpersonen gute Methoden, die im Schulalltag helfen.

Text: Daniel Gebauer
Bild: Adobe Stock

Erst kürzlich habe ich für eine Kollegin die Pausenaufsicht übernommen. Im betreffenden Schulhaus im Emmental teilen sich rund einhundert Schülerinnen und Schüler von der ersten bis zur neunten Klasse den Pausenplatz. Die Aufgabe der Pausenaufsicht wird deshalb von zwei Lehrpersonen wahrgenommen.

Da die Pausen Teil der Unterrichtszeit sind, unterstehen die Schülerinnen und Schüler der Obhut und Weisungsgewalt der Schule. Aufgrund des Berufsauftrages sind Lehrpersonen also verpflichtet, Pausenaufsicht zu führen. Rein rechtlich gehört sie damit zur Arbeitszeit und wird im Rahmen der festgelegten Jahresarbeitszeit entlöhnt.

Je mehr ein Konflikt eskaliert, desto schwieriger wird es, ihn zu lösen. Es ist ­weitaus ­einfacher, einen Konflikt ­präventiv zu verhindern.

Wenn die Kinder und Jugendlichen in der Pause friedlich miteinander umgehen, kann man als Lehrperson während der Aufsicht sogar das schöne Wetter und die frische Luft geniessen. In solchen Momenten vergisst man leicht den verpassten Kaffee.

Die Aufsicht kann sich aber auch hektisch und sehr herausfordernd gestalten. Wenn sich gleichzeitig zwei Kinder streiten, ein aufgeschürftes Knie versorgt werden muss und sich ein Kind nicht an die Regeln auf dem Fussballplatz hält, hat man alle Hände voll zu tun. Die aufregendsten Pausen aber kommen meistens mit dem ersten Schnee.

Konflikt im Sandkasten

Zurück zu meiner Pausenaufsicht. Es ist kurz vor zehn Uhr. Ich bin schon etwas früher auf dem Pausenplatz. Pünktlich um 9.55 Uhr ertönt der Dreiklang der elektronischen «Glocke». Kurze Zeit später treten bereits die ersten Kinder mit ihren Znünis aus dem Schulhaus.

Je mehr Kinder den Platz betreten, desto lauter und lebendiger wird das Treiben. Die Stimmung an diesem Tag ist friedlich. Ich schlendere auf dem Pausenplatz umher, tausche mich mit meiner Kollegin aus und beobachte das Geschehen. 

Zwei Mädchen haben im Sandkasten unabhängig voneinander zwei Bauprojekte begonnen. Während das eine Mädchen mit dem Anhäufen eines riesigen Hügels beschäftigt ist, nähert sich das andere Mädchen mit dem Bau eines langen Grabens.

Der Sandhaufen der Mitschülerin scheint wenig später bei der Fortsetzung des Grabens im Weg zu sein, worauf ein Teil des Hügels kurzerhand abgetragen wird. Dies wird auch von ihrer Kollegin bemerkt, worauf der Graben wieder zugeschüttet wird. Ich sehe den sich abzeichnenden Konflikt und nähere mich langsam. Bereits sind erste böse Worte gefallen, kurz darauf fliessen erste Tränen. 

Werden Kinder in ihren Bedürfnissen wahrgenommen, arbeiten sie besser zusammen und sind bereit, Rücksicht zu nehmen.

Ich versuche mich als Vermittler einzubringen und beruhige vorerst die Gemüter. Beide Mädchen dürfen sich nacheinander zur umstrittenen Situation äussern. Vorbildlich hören sie einander gegenseitig zu. Statt Schuldzuweisungen zu machen oder ihnen Lösungen zu präsentieren, ermuntere ich die beiden anschliessend, eigene Vorschläge zu machen.

Sie einigen sich darauf, eine Grenze im Sand abzustecken und diese fortan nicht mehr zu überschreiten. Ich bin von dieser ebenso banalen wie genialen Lösung beeindruckt. Ich hätte den Konflikt nicht besser lösen können. Unter Einhaltung der Grenze hält der Frieden tatsächlich bis zum Ende der grossen Pause.

Soziale Kompetenz wirkt präventiv

Auch wenn der eben geschilderte Konflikt verhältnismässig harmlos und einfach zu lösen war, zeigt er doch beispielhaft, wo der Auslöser in der Regel liegt: Konflikte beginnen oft damit, dass eine Grenze überschritten wird.

Übertretungen können vielfältig in Erscheinung treten. Beleidigungen gehören ebenso dazu wie körperliche Tätlichkeiten oder Missachtung der Besitzansprüche. In welcher Form auch immer eine Grenze überschritten wurde, stellt die Übertretung in jedem Fall einen Übergriff auf die Integrität dar. 

Oft löst das eine Reaktion aus, die zu einer schwer vorhersehbaren Dynamik führt. Je mehr ein Konflikt eskaliert, desto schwieriger wird es, ihn zu lösen. Es ist weitaus einfacher, einen Konflikt präventiv zu verhindern.

Um einem Konflikt vorzubeugen, müssen demnach die Grenzen unserer Mitmenschen respektiert werden. Damit es gar nicht erst zu einer Grenzüberschreitung kommt, braucht es also soziale Kompetenzen. Mit Einfühlungsvermögen kann die Grenze des Gegenübers frühzeitig erkannt werden. Und die Wahrung dieser ­Grenze kann eine Eskalation bereits im Keim ersticken. 

Lernerfolg ist nur möglich, wenn Kinder frei von ­Konflikten sind.

In der Sprache der Gewaltprävention sprechen wir an unserer Schule vom inneren Schiedsrichter. Dieser Schiedsrichter erkennt die Grenzen des Gegenübers und erinnert daran, diese nicht zu überschreiten. Im Gegensatz zum Schiedsrichter, wie wir ihn im Sport kennen, entspricht der innere Schiedsrichter der eigenen Vernunft, deren Urteil wir auch nicht infrage stellen. 

Sollte es trotzdem zu einer Überschreitung der Grenzen kommen, gibt es nützliche Strategien und Instrumente zur Konfliktlösung wie zum Beispiel die Friedenstreppe. Fachstellen helfen den Schulen bei der Erarbeitung und Implementierung von Kon­zepten zur Prävention und Bewältigung.

An Weiterbildungsveranstaltungen werden konkrete Fallbeispiele besprochen und Lösungsansätze reflektiert. Lehrpersonen lernen Spiele und Übungen kennen, welche sie im Unterricht einbauen können. Damit werden sie befähigt, die Lernenden beim Erwerb von sozialen Kompetenzen zu unterstützen, welche für ein friedliches und verständnisvolles Zusammenleben erforderlich sind.

Der Lehrplan benennt diese Kompetenzen mit Dialog- und Kooperationsfähigkeit, Konflikt­fähigkeit und Umgang mit Vielfalt. Diese Investition lohnt sich. Ein geregelter Schulalltag und Lern­erfolge sind nämlich nur dann möglich, wenn die Kinder und Jugendlichen frei von Konflikten sind. Stimmt das Wohlbefinden und werden Kinder in ihren Bedürfnissen wahrgenommen, arbeiten sie besser zusammen und sind bereit, Rücksicht zu nehmen.

Diese Strategien helfen uns auch im Erwachsenenleben weiter. Wenn wir uns der Vorbildfunktion bewusst sind, sollten wir auch auf unseren inneren Schiedsrichter hören und sowohl die eigenen Grenzen als auch die unserer Mitmenschen respektieren. Zu einer erfolgreichen Streitkultur gehört, Konflikte mit Rücksicht und Verständnis zu lösen. Diese Verpflichtung sollten wir eingehen.

Daniel Gebauer
ist seit August 2022 Mitglied der Geschäftsleitung des LCH. Er arbeitet als Co-Schulleiter in Lauperswil BE und unterrichtet in einem Teilpensum. Daniel Gebauer ist verheiratet, Vater zweier Töchter und wohnt mit seiner Familie in Burgdorf.

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