«Kinder akzeptieren ein Nein besser, wenn sie Fürsorge erkennen» - Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi
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«Kinder akzeptieren ein Nein besser, wenn sie Fürsorge erkennen»

Lesedauer: 4 Minuten

Der Kinder- und Jugendpsychologe Fabian Grolimund sagt, Eltern hätten nicht ­einfach die Aufgabe, Grenzen zu setzen, sondern ihre Kinder auch zu ermutigen, für sich selbst einzustehen.

Interview: Birgit Weidt
Bild: Rawpixel

Herr Grolimund, setzen Eltern ihren Kindern heute weniger Grenzen als früher? 

Eltern erziehen sehr unterschiedlich, aber viele setzen tatsächlich weniger Grenzen – oft aufgrund einer bewussten Entscheidung. Sie merken, dass Kinder, die heute aufwachsen, auf andere Anforderungen treffen und andere Fähigkeiten benötigen als frühere Generationen. 

Was meinen Sie damit?

Viele Erwachsene haben heute beispielsweise weniger Probleme damit, Anweisungen zu befolgen oder sich an Regeln zu halten als damit, ihre eigenen Grenzen zu wahren, auf ihre Bedürfnisse zu achten und genügend Pausen einzulegen.

Fabian Grolimund ist Psychologe und leitet zusammen mit Stefanie Rietzler die Akademie für Lerncoaching in Zürich. Er ist Buchautor («Jaron auf den Spuren des Glücks», «Geborgen, mutig, frei – wie Kinder zu innerer Stärke finden», «Lotte, träumst du schon wieder?») und Vater einer Tochter, 7, und eines Sohnes, 10. Fabian Grolimund lebt mit seiner Familie in Freiburg.
Fabian Grolimund ist Psychologe und leitet zusammen mit Stefanie Rietzler die Akademie für Lerncoaching in Zürich. Er ist Buchautor («Jaron auf den Spuren des Glücks», «Geborgen, mutig, frei – wie Kinder zu innerer Stärke finden», «Lotte, träumst du schon wieder?») und Vater einer Tochter, 7, und eines Sohnes, 10. Fabian Grolimund lebt mit seiner Familie in Freiburg.

Viele haben Schwierigkeiten, Ja zu sagen, wenn sie Ja meinen, oder Nein zu sagen, wenn sie Nein meinen. Deshalb wünschen sich viele Eltern nunmehr, dass dies ihren Kindern dereinst leichter fällt als ihnen, dass sie in der Lage sind, für sich einzustehen, eigene Standpunkte zu vertreten und sich gegen ungesunde Anforderungen, Wünsche und Erwartungen abzugrenzen. Aber natürlich sollen sie sich bei alledem ebenso in an­dere Menschen einfühlen und kooperieren können.

Wie bringt man dies Kindern bei?

Indem man sie dazu ermutigt, für sich und ihre Bedürfnisse einzustehen. Dies setzt voraus, dass Erwachsene die Gefühle ihrer Kinder annehmen, ihre Meinung respektieren oder sie bei Entscheidungen, die die Kinder betreffen, altersentsprechend mitentscheiden lassen.

Für mich gehört dazu auch, dass Kinder ihre Grenzen deutlich machen dürfen. Haben wir in unserer Familie beispielsweise die Regel, dass wir in normaler Lautstärke miteinander sprechen und uns nicht anschreien, sollte diese für alle gelten und ein Kind das Recht haben, sie ebenso einzufordern wie die Erwachsenen.

Wie konsequent sollten Eltern sein, wenn sie Verbote und Regeln ­aufstellen?

Das hängt vom Kind, den Eltern, der jeweiligen Regel oder dem Verbot ab. Ich höre oft: Man muss halt konsequent sein! Und den Vorwurf, dass dies Eltern heutzutage nicht mehr gelinge. Für manche Eltern sind Konsequenzen beinahe ein Selbstzweck, nach dem Motto: Hauptsache, man hat die Regel durchgesetzt.

Wichtig finde ich, dass wir einen Schritt zurücktreten und uns fragen, welche Auswirkungen unser Verhalten auf das Kind und unsere Beziehung zu ihm hat. So müssen wir als Eltern vielleicht zum Wohle unseres Kindes eine zeitliche Obergrenze für das Gamen oder Fernsehen festlegen, damit andere wichtige Lebensbereiche nicht darunter leiden. 

Genau das ist nicht so leicht ­durchzusetzen.

Es kommt darauf an, denn wir können sehr unterschiedlich mit dieser Grenze umgehen. Wenn wir mit unserem Kind vereinbart haben, dass es 60 Minuten gamen darf und wir dann sehen, dass diese Zeit um ist, können wir uns neben die Konsole stellen und sagen: «Schalte jetzt ab. Die Zeit ist um!» Und dann den Einwand des Kindes, es wolle noch das Level fertig spielen, mit «Jetzt!» abschmettern und ihm die Konsole ausschalten.

Als Erwachsene würden wir einen solchen Umgang mit uns nicht als konsequent, sondern als respektlos empfinden. Man stelle sich vor, die Partnerin oder der Partner schalte einem mit den Worten «Du wolltest noch die Küche aufräumen» fünf Minuten vor Filmende den Fernseher aus. Genau wie viele Kinder würden auch wir wütend werden.

Wie macht man es besser?

Eltern können darauf achten, dass die Regel eingehalten wird, indem sie sich zum Kind setzen, ihm sagen, dass die Zeit um sei und es bei der nächsten Gelegenheit speichern ­solle. Sie können noch drei bis fünf Minuten zuschauen, sich für das Game interessieren und an geeigneter Stelle mit der nötigen Klarheit sagen: «Und jetzt will ich, dass du speicherst.»

Vielleicht kommt an dieser Stelle der Einwand, dass das eigene Kind auf solch eine Ansage nicht reagieren würde. Das kann daran liegen, dass das Kind sehr impulsiv ist und sich weigert. Dann ist es besser, solch eine Situation ­vorab zu besprechen, um gemeinsam eine Lösung zu finden. Vielleicht ist es aber auch so, dass Eltern Regeln bisher wenig respektvoll durchgesetzt haben und das Kind sich nicht in erster Linie gegen die Regel, sondern gegen das Verhalten der Eltern zur Wehr setzt. 

Manchmal lassen Eltern einem Kind gegen ihren eigenen Willen Dinge durchgehen und fühlen sich ­anschliessend schlecht. Was dann?

Wenn man aus irgendeinem Grund doch eingelenkt hat, vielleicht mit einem Satz wie «Dann mach es halt», oder man dem Kind gekauft hat, was es wollte, obwohl man dagegen war, sollte man hinterher nicht schmollen oder dem Kind verärgert die kalte Schulter zeigen. Dann ist es eben so passiert.

Wenn man eingelenkt hat, obwohl man nicht wollte, darf man auch mit sich selbst etwas versöhnlicher umgehen, anstatt gleich zu denken, dass die Erziehung nun generell in Frage stehe. Da helfen Gedanken wie: «Ich hätte Nein sagen sollen, aber ich war zu müde und erschöpft. Das ist vielleicht nicht toll, aber es passiert sehr vielen anderen Eltern auch. Am besten ruhe ich mich jetzt aus und spreche es später nochmal an.»

Wie sollten Eltern sich verhalten, wenn Kinder anfangen, über Verbote zu diskutieren?

Es ist normal und gesund, dass Kinder immer mal wieder über Verbote und Grenzen diskutieren. Sie möchten wissen, warum die gelten, wie lange sie noch gelten und warum Verbote bei unterschiedlichen Erwachsenen unterschiedlich ausfallen, beispielsweise Klassenkameraden bestimmte Dinge tun dürfen, die einem selbst untersagt werden.

Wir müssen nicht so lange mit dem Kind sprechen, bis es das Verbot gut findet. Sinnvoll ist, kurz und klar darzulegen, warum die Regel gilt.

Auch Eltern müssen immer wieder überprüfen, ob die Grenzen, die sie ihren Kindern setzen, diesen noch dienen oder sie unnötig einengen. Diskussionen mit den Kindern können wir als Einladung verstehen, zu begründen, weshalb wir an einem Verbot festhalten – oder um darüber nachzudenken, ob wir den Rahmen ein wenig erweitern wollen. 

Was verstehen Sie unter begründen?

Damit meine ich nicht, so lange mit dem Kind zu sprechen, bis es einlenkt und das Verbot gut findet, sondern dass es sinnvoll ist, dem Kind oder Jugendlichen knapp und klar darzulegen, weshalb wir nicht möchten, dass es ein bestimmtes Game spielt, am Bahnhof abhängt oder nach Mitternacht nach Hause kommt.

Es wäre schade, wenn das Kind das Gefühl bekommt, dass Regeln oder Verbote einfach einer Laune der Erwachsenen entspringen. Kinder akzeptieren unsere Führung besser, wenn sie merken, dass hinter einem Nein unsere Liebe und Fürsorge steht und nicht einfach Willkür, Gewohnheit oder Launenhaftigkeit.

Birgit Weidt
Birgit Weidt ist Journalistin und Buchautorin und lebt in Berlin. Sie ist Mutter einer erwachsenen Tochter sowie Grossmutter.

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