Allan Guggenbühl: «Kinder brauchen ein gesundes Mass an Vernachlässigung»
Familienleben

«Kinder brauchen ein gesundes Mass an Vernachlässigung»

Psychotherapeut Allan Guggenbühl gehört zu den gefragtesten Jugendexperten und berät seit über 30 Jahren Familien. Eltern sind heute engagierter, weiss Guggenbühl. Dabei würden sie die Widrigkeiten des Lebens aber lieber ausblenden, als ihre Kinder darauf vorzubereiten.
Interview: Virginia Nolan 
Bilder: Sebastian Magnani / 13 Photo
Die Journalistin will die Klingel drücken, als ein Velofahrer heranbraust. Allan Guggenbühl, der wohl bekannteste Jugendpsychologe des Landes, streift sich den Helm vom Kopf, grüsst freundlich und bittet hinein. Dicke Steinwände verschlucken den Verkehrslärm. Hier, im «Chamhaus», einem mittelalterlichen Bürgerhaus der Zürcher Altstadt, liegt seine Praxis. 

Guggenbühl bittet den Gast, Platz zu nehmen, und die Journalistin versinkt in einem von mehreren Ohrensesseln. Guggenbühl schmunzelt: «Bei den Kindern ist dieser Stuhl fürs Seich-Erzählen reserviert. Darauf setzt sich, wer einfach mal Unfug von sich geben will. Das hilft, das Eis zu brechen.» Keine Angst: Die Autorin hat davon selbstverständlich keinen Gebrauch gemacht.

Herr Guggenbühl, der Lockdown war für viele Familien eine enorme Belastungsprobe. Unlängst hat jedoch eine Umfrage der ZHAW mit über 1000 Teilnehmern ergeben, dass die Corona-Krise – zumindest aus Sicht der Jugendlichen – zu einer Verbesserung der innerfamiliären Beziehungen führte. Erstaunt Sie das? 

Jugendliche neigen dazu, eher positive Antworten zu geben, wenn sie die Qualität ihrer familiären Beziehungen bewerten. Die Tatsache, dass Eltern und Kinder im Lockdown mehr Zeit miteinander hatten, mag sich gut auf ihre Beziehung ausgewirkt haben. Ich weiss aber auch von Familien, in denen es für alle Beteiligten zu viel Nähe gab. Eltern klagten, dass die Kinder an ihnen klebten, oder machten sich Sorgen, weil ihre Jugendlichen sich zurückzogen, etwa ständig am Computer spielten. Der Lockdown hat Familien vor eine ungeahnte Herausforderung gestellt. Dass sie davon profitiert hätten, würde ich nicht pauschal sagen.
Nach der Ausbildung zum Primar- und Reallehrer arbeitete Allan Guggenbühl, 68, als Gitarrenlehrer und Musiker, bevor er an der Universität Zürich Psychologie studierte. Seit 1984 leitet er das Institut für Konfliktmanagement in Zürich und berät als Psychotherapeut Kinder, Jugendliche und Eltern. Ausserdem war Guggenbühl während 20 Jahren Professor an der Pädagogischen Hochschule Zürich und ist Autor zahlreicher Bücher zu den Themen Erziehung, Jugendgewalt und Bildung. Er hat vier erwachsene Kinder. 
Nach der Ausbildung zum Primar- und Reallehrer arbeitete Allan Guggenbühl, 68, als Gitarrenlehrer und Musiker, bevor er an der Universität Zürich Psychologie studierte. Seit 1984 leitet er das Institut für Konfliktmanagement in Zürich und berät als Psychotherapeut Kinder, Jugendliche und Eltern. Ausserdem war Guggenbühl während 20 Jahren Professor an der Pädagogischen Hochschule Zürich und ist Autor zahlreicher Bücher zu den Themen Erziehung, Jugendgewalt und Bildung. Er hat vier erwachsene Kinder. 

Das Ausmass der gegenwärtigen Krise ist schwer abschätzbar, die Zukunft ungewiss. Wie wirkt sich das auf Jugendliche aus?

Corona-Krise im Leben vieler Jugendlicher zu einem Kernereignis wird. Es gibt dann ein Vorher und ein Nachher. Auf lange Sicht führt das vermutlich zu einer Glorifizierung oder Dramatisierung dessen, was wir in den vergangenen Monaten erlebt haben. Das ist typisch für kollektive Erfahrungen. In 20 Jahren wird man sich Geschichten von Schulschliessung, Hunger und leeren Einkaufsregalen erzählen.

Werfen wir einen Blick zurück: Sie arbeiten seit über 30 Jahren mit Familien. Was beschäftigt Eltern heute im Vergleich zu früher?

Eltern sind heute besorgter. Positiv fällt auf, dass Väter präsenter sind, wenn auch zeitlich nicht gleich involviert wie die Mütter. Früher war es gang und gäbe, dass Kinder in Begleitung der Mutter in meine Praxis kamen. Heute sind die Väter praktisch immer mit dabei, äussern sich zu Erziehungsfragen und bringen sich ein. Die Gefahr dieser engagierteren Elternschaft ist, dass man Erziehung mit Idealen überfrachtet und sich zu stark auf das Kind ausrichtet.
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Inwiefern?

Wir wollen Kinder auf eine Gesellschaft vorbereiten, in der Gerechtigkeit, Respekt und Gleichheit herrscht. Leider ist die Welt, die sie erwartet, nicht so. Sie hat auch Schattenseiten: Es kann passieren, dass Lehrer ungerecht sind, der Schmeichler weiterkommt, Empathie sich nicht auszahlt und niemand auf einen wartet. Das Leben ist häufig unfair und die Schule ein Härtetest. Natürlich müssen wir Kinder zu guten Menschen erziehen, doch gleichzeitig ist es als Eltern unsere Aufgabe, sie auf die Paradoxien, Ungerechtigkeiten und Absurditäten des Lebens vorzubereiten. Ich habe den Eindruck, dass dieser Aspekt oft vergessen geht. Stattdessen lassen wir die Kinder im Glauben, dass alles gut kommt, wenn sie sich richtig verhalten und ein wenig anstrengen.

Warum blenden wir die Realität aus?

Selbsttäuschungen sind ein Über­lebensprinzip. Utopien vermitteln Energie und machen Mut, Neues anzupacken. Und: Man will den Teufel nicht an die Wand malen, Misstrauen säen. Es liegt in unserer Natur, dass wir Träumen nachhängen. Es ist aber wichtig, dass wir eine realistische Vorstellung unserer Möglichkeiten entwickeln. Dafür braucht es Optimismus, aber auch ein gute Portion Realismus, ein gesundes Misstrauen, das uns in Zeiten von Wohlstand, Ordnung und Frieden zuweilen abhandenkommt.

Das müssen Sie erklären.

Da, wo Menschen in schwierigeren Verhältnissen leben, lernen Kinder von allein, wie das Leben spielen kann, und entwickeln unter Umständen früh Strategien, um schwierige Situationen zu meistern. In einer Wohlstandsgesellschaft und intakten Familienverhältnissen ist die Alltagsrealität eine andere – das ist ja auch gut so. Aber: Es ist dann die Aufgabe der Eltern, Kindern zu vermitteln, dass nicht immer alles nach Plan läuft und das Leben auch Schattenseiten hat. Kinder lernen aus unangenehmen Erfahrungen. Sie zu machen, ist wichtig. Wir sollten also nicht immer gleich eingreifen, wenn etwas schiefgeht. Das hat Folgen.

Nämlich?

Als Professor an der Pädagogischen Hochschule Zürich erlebte ich viele junge Erwachsene als naiv. Sie neigten dazu, sich zu überschätzen, reagierten verletzt, wenn ein Dozent ihre Fähigkeiten infrage stellte. Sie glaubten, sie hätten Anspruch auf Erfolg und Akzeptanz, Niederlagen empfanden sie als ungerecht. Solchen jungen Leuten fehlt es am Willen, sich eigene Schwächen einzu­gestehen, Schwierigkeiten zu über­­­winden, an sich zu arbeiten und trotz Problemen weiterzumachen. Sie sind auf Bestätigung aus und haben Mühe, erwachsen zu werden.

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