«Die Mutter muss nicht alle Bedürfnisse abdecken» - Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi

«Die Mutter muss nicht alle Bedürfnisse abdecken»

Lesedauer: 3 Minuten

Die Psychologin Giulietta von Salis über die Rolle der Mutter in der Bindungsforschung, an wen sich Kinder besonders binden und wie sich das Bedürfnis nach Bindung in der Pubertät verändert.

Text: Claudia Landolt

Frau von Salis, ist Verlässlichkeit für eine gute Eltern-Kind-Beziehung wichtiger als Liebe? 

Das Erkennen und das Erfüllen der kindlichen Bedürfnisse sind das A und O der Eltern-Kind-Beziehung. Nicht zu wissen, was es erwartet, also die Unberechenbarkeit der elterlichen Reaktionen, ist für das Kind und seine Entwicklung die ungünstigste und stressigste Erfahrung. Einmal sind die Eltern streng, einmal freundlich oder ein drittes Mal abweisend. Das Kind weiss nie, woran es ist. Das kann in gewissen Situationen noch schlimmer sein, als gar keine Reaktion zu erhalten. Die elterliche Liebe zu spüren, ist aber nebst der Verlässlichkeit ebenso wichtig für ein Kind.

Ein hoher Anspruch, schliesslich hat auch die elterliche Geduld mal ein Ende.

Natürlich. Mit Ungeduld zu reagieren, kann allen passieren und ist nicht schlimm. Das Kind lernt, dass Emotionen im Leben eine wichtige Rolle spielen, vor allem, wenn man danach dem Kind sagen kann, dass man genervt, ungeduldig, wütend war, und warum das so war. Kinder kennen diese Gefühle selbst zur Genüge. Wichtig ist, dass sie am elterlichen Beispiel lernen, wie man mit starken Gefühlen umgehen kann.

Gemeinsame Zeit ist wichtig. Nun ist Zeit allerdings in vielen Familien ein sehr knappes Gut. Viele Eltern setzen daher darauf, sogenannte «Quality Time» mit ihren Kindern zu ­verbringen.

Dieser Ausdruck wird häufig benutzt, um zu rechtfertigen, dass man wenig Zeit mit dem Kind ­verbringen kann. Dies widerspricht dem Grundbedürfnis des Kindes: Es bindet sich an jene Personen, die ­zeitlich am meisten verfügbar sind und sich ihm mit Zuneigung und Aufmerksamkeit zuwenden. Somit herrscht eine Diskrepanz zwischen dem kindlichen Bedürfnis und der gesellschaftlichen Realität.
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