«Wir neigen dazu, Kindern Verantwortung abzuerziehen» - Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi
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«Wir neigen dazu, Kindern Verantwortung abzuerziehen»

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Familienberaterin Christine Ordnung sagt, wir müssen die Integrität eines Kindes wahren, damit es lernt, verantwortungsvoll zu handeln. Es braucht aber auch Eltern, die keine Reibung scheuen und Service nicht mit Liebe verwechseln.

Interview: Virginia Nolan
Bilder: Rawpixel, Anne Gabriel-Jürgens / 13Photo

Frau Ordnung, wie bringen wir Kindern bei, Verantwortung zu übernehmen? 

Vielleicht vorweg: Wenn ich von Verantwortung spreche, beziehe ich mich auf den dänischen Familientherapeuten Jesper Juul, der dem Begriff eine soziale und eine persönliche Dimension zuschrieb. Soziale Verantwortung ist demnach die Form von Verantwortung, die wir füreinander als Familie, Schulklasse oder Gesellschaft tragen. Sie ermöglicht uns, in Gemeinschaft zu leben.

Wenn ich so viel Service wie möglich anbiete, ­werden die Kinder ­kooperieren – und sich ­bedienen lassen.

Die persönliche Verantwortung trägt jeder Mensch für sich selbst – für seine körperliche und psychische Gesundheit, seine Entwicklung. Sie setzt ein gutes Gespür für die eigenen Bedürfnisse voraus und die Fähigkeit, für diese einzustehen.

Aus meiner Sicht lautet die wichtigste Frage: Was können Eltern tun, damit Kinder das Bewusstsein für ihre persönliche Verantwortung nicht verlieren? Wir neigen nämlich dazu, es ihnen abzuerziehen. 

Christine Ordnung, Mutter einer erwachsenen Tochter, war Universitätsdozentin und Erwachsenenbildnerin, bevor sie sich 2002 bei Jesper Juul zur Familienberaterin ausbilden liess. 2010 gründete sie das Deutsch-Dänische Institut für Familientherapie und Beratung in Berlin, das Aus- und Weiterbildungen für Pädagogen und Familienberaterinnen anbietet.

Das müssen Sie erklären.

Kinder kommen durchaus als verantwortungsvolle Wesen auf die Welt. So übernimmt ein Säugling mit seinen bescheidenen Möglichkeiten Verantwortung für sein Bedürfnis nach Nahrung oder Körperkontakt, indem er durch Weinen, Lächeln oder Blickkontakt auf sich aufmerksam macht.

Er ist aber auf eine einfühlsame Bezugsperson angewiesen, die auf seine Zeichen reagiert. Früher ging man davon aus, dass Säuglinge Reflexbündel sind, so hat man sie auch behandelt. Da hat zum Glück ein Paradigmenwechsel stattgefunden. Aber auch heute sind wir nicht davor gefeit, nach starren Idealnormen zu erziehen und damit kindliche Bedürf­nisse zu missachten. Das hat Folgen.

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