Eigenverantwortung und Selbständigkeit – so gehts - Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi
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Eigenverantwortung und Selbständigkeit – so gehts

Lesedauer: 5 Minuten

10 Elternfragen und Antworten von Expertinnen und Experten.

Aufgezeichnet von Virginia Nolan
Bild: Anne Gabriel-Jürgens / 13Photo

1. Wie lebe ich meinem Kind vor, was es heisst, Verantwortung zu übernehmen?

Verantwortungsvoll zu handeln, bedeutet unter anderem, sein Ge-genüber und die Gemeinschaft zu achten: Wie gehe ich mit meinen Mitmenschen um – im Restaurant, in der Nachbarschaft, in der Familie? Habe ich ein Gehör für andere? Biete ich ihnen meine Unterstützung an? Kinder beobachten genau, wie Eltern sich dahingehend verhalten. Wer in dieser Hinsicht ein Vorbild sein will, muss sicherstellen, dass sich das Kind daheim als Teil einer Gemeinschaft erfährt, zu der es gerne beiträgt: Ermuntere ich es zur Mitsprache, dazu, eigene Ideen zu entwickeln und umzusetzen, oder poche ich aus Prinzip auf Ge-horsam? 

Moritz Daum Entwicklungspsychologe, Universität Zürich

2. Wie merke ich, dass ich meinem Kind mehr Verantwortung übergeben kann?

Dazu fallen mir im Wesentlichen drei Szenarien ein. Erstens: Das Kind äussert den Wunsch selbst, beispielsweise, indem es sagt, es ­wolle sich künftig allein für die Schule bereit machen. Zweitens: Ich merke als Elternteil, dass ich eine Zuständigkeit abgeben, etwa nicht mehr in aller Frühe aufstehen will, um meinen Teenager zu wecken. Dann ist es Zeit, über einen Wecker zu sprechen. Drittens: Da sich viele Kinder verbal noch nicht so klar ausdrücken können, wenn es um ihre Bedürfnisse geht, kann auch ein Dauerkonflikt, etwa bei den Hausaufgaben, Anzeichen dafür sein, dass die Zeit gekommen ist, dem Kind mehr Eigenverantwortung zu übertragen. 

Maya Risch familylab-Seminarleiterin und ­Kindergartenlehrperson, Zürich

3. Ab wann kann ich meinem Kind wie viel Verantwortung zumuten?

Darauf gibt es keine Pauschalantwort, denn jedes Kind ist anders. Es gilt, als Eltern immer wieder genau hinzuschauen: Wer ist mein Kind und wo steht es gerade? Und daraus abgeleitet seinen Handlungsspielraum seinen wachsenden Fähigkeiten anzupassen. Der Vergleich mit anderen ist dabei nicht hilfreich, er kann das Kind in seiner Selbständigkeit sogar blockieren.

Maya Risch

4. Wie kann mein Kind lernen, ­verantwortungsvolle Entscheidungen zu treffen?

Eine Wahl treffen und dafür einstehen zu können, gehört in einer Zeit schier unendlicher Optionsvielfalt zu den wichtigsten Lebenskompetenzen. Kinder lernen das im Kleinen – wenn wir sie die Erfahrung machen lassen, dass ihre Entscheidungen Folgen haben. Will ein Kind etwa ein Hobby ausüben, lohnt es sich, nach dem Schnuppern die Vereinbarung zu treffen, dass es für ein Jahr dranbleibt – und nicht einzulenken, wenn es schon vorher keine Lust mehr darauf hat. Auch wenn das für mich als Elternteil bedeutet, kindlichen Frust auszuhalten – aber auch: Beistand zu leisten, etwa, indem ich das Kind zum Kurs begleite. Je mehr Zeit wir als Eltern zu investieren bereit sind und je weniger Reibung wir scheuen, desto mehr lernt das Kind aus seiner Erfahrung und wird die nächste Wahl weniger leichtfertig treffen. 

Katrin Aklin Persönlichkeits- und Unternehmens­coach, ehemalige Schulleiterin in Zürich

5. Soll ich mein Kind loben oder ­belohnen, wenn es verantwortungsvoll handelt?

Loben ja, belohnen nein. Sicher: Wir Eltern sollten unsere Wertschätzung dafür ausdrücken. Die Forschung legt aber nahe, dass Belohnungen hier nicht empfehlenswert sind, weil sie beim nächsten Mal die Erwartung auf eine Gegenleistung wecken und somit der intrinsischen Moti­vation, die aus eigenem Antrieb erfolgt, abträglich sind.

Moritz Daum

6. Mein Schulkind fordert mehr ­Eigenverantwortung ein, kommt ihr aber nicht nach: Es darf die Bettzeit selbst bestimmen und ist nun oft bis spät auf. Was tun?

Geschieht schon die Übergabe einer Zuständigkeit mit dem Verdacht, das Kind könnte sie ausreizen, wird es vermutlich genau dies tun. Dann sollten Eltern gleich davon absehen. Verantwortung zu übertragen, bedeutet, sie tatsächlich abzugeben. Entscheiden sich die Eltern dafür, heisst das: Dieser Ablauf liegt nun in der Hand des Kindes. Dies bedeutet nicht, dass ich mich nicht dazu äussern soll, wie es damit umgeht. Ich kann Beobachtungen schildern («Du gehst wirklich spät ins Bett»), nachfragen («Wie schaffst du das am Morgen?»), Interesse zeigen («Wie geht es dir damit?», «Was hält dich so lange wach?»). Gut möglich, dass sich die Dinge einpendeln müssen oder das Kind weniger Schlaf braucht, als wir meinen. Natürlich können Eltern auch sagen: «Schau, wir können es momentan nicht (mehr) verantworten, dir die Zu-ständigkeit für die Bettzeit zu überlassen, wir fühlen uns unwohl damit.» Wenn Eltern ehrlich sind, statt nur ihren Unmut zu äussern oder eine Zeitansage zu machen, fühlt sich das Kind ernst genommen, was ein anderes Gespräch ermöglicht. Daraus geht vielleicht hervor, dass es im Grunde nicht um die Bettzeit geht, sondern das Kind zu signalisieren versucht, dass es anderswo mehr Freiraum braucht.

Christine Ordnung Gründerin des Deutsch-Dänischen Instituts für Familientherapie und Beratung, Berlin

7. Verantwortung bedingt Mitsprache. Wo soll mein Kind sich einbringen können, was bleibt unverhandelbar?

Die Antwort darauf hängt vom
Thema und vom Alter des Kindes ab. Nehmen wir Hausaufgaben als Beispiel: Ob sie gemacht werden müssen, ist keine Frage, über das Wann und Wie lässt sich hingegen diskutieren. Je älter und selbständiger Kinder werden, desto mehr sollten sie entscheiden dürfen. Ich sage aber auch: Was Eltern wirklich wichtig ist, ist nicht verhandelbar. Ich rate Mütter und Vätern, sich in diesem Zusammenhang auf zwei, drei Aspekte zu beschränken, die aus ihrer Sicht zentral sind. In vielen Familien betrifft dies Regeln zum sozialen Miteinander oder zu Hygiene und Ordnung.

Annette Cina Psychologin, Familienberaterin und Sozialforscherin, Freiburg

8. Was hält Eltern davon ab, Kindern mehr Verantwortung zu übergeben?

Oft kommen uns Erfahrungen in die Quere, die wir dem Kind voraushaben und von denen wir denken, sie seien verzichtbar: Pocht zum Beispiel die Dreijährige im Winter aufs T-Shirt, wird sie frieren. Oder der Sohn, der sein ganzes Erspartes auf einmal ausgibt: Morgen wird er bereuen, keinen Rappen übrig zu haben! Statt Kindern ihre Entscheidung aus Prinzip zu verwehren, ­sollten wir im Blick haben, was sie daraus lernen können. Für das Kleinkind könnte man etwa einfach einen Pulli einpacken und ihn ohne viele Worte aushändigen, wenn das Kind zu frieren beginnt. Der Sohn wird womöglich trotz elterlicher Bedenken glücklich sein mit seiner Kaufentscheidung – oder lernen, dass er diese beim nächsten Mal besser überdenken sollte.

Maya Risch

9. Wie kann ich als Lehrperson ­selbständiges Lernen fördern?

Die Schule hat selbstorganisiertes Lernen zum Ziel. Kommt es dabei jedoch zur Überforderung, blockiert dies den Weg in die Selbständigkeit. Selbstorganisiertes Lernen sollte zwei Bedingungen erfüllen. Erstens: Das Kind muss den Auftrag verstehen, was klare Instruktionen voraussetzt, und Aufgaben erhalten, denen es gewachsen ist. Zweitens: Als Lehrperson kann ich Selbständigkeit nicht voraussetzen, ich muss mit dem Kind schrittweise darauf hinarbeiten. Es soll nicht nur eigene Erfahrungen machen können, ­sondern braucht auch die Gewissheit, dass im Hintergrund jemand ist, der Unterstützungsbedarf er-kennt. Ei­nige Kinder können stundenlang in Eigenregie arbeiten, andere muss man engmaschig be-gleiten. Und manche warten ab, wenn sie nicht weiterwissen – ich kann nicht davon ausgehen, dass sie bei Bedarf schon nachfragen. Oft hilft ein Kärtchen auf dem Tisch, das ihnen in Erinnerung ruft: «Wenn ich nicht weiterkomme, dann hole ich Hilfe.» Sich Unterstützung zu organisieren, will gelernt sein – wie Planung, Zeiteinteilung oder Selbst-motivation. Wir haben oft zu hohe Erwartungen an Kinder. Etwa die Vorstellung, dass sich eine Zweitklässlerin den Wochenplan selbständig einteilen können soll: Der Ansatz ergibt aus meiner Sicht ab der Mittelstufe Sinn – und nur dann, wenn das Planen ausreichend geübt wurde.

Fabian Grolimund Akademie für Lerncoaching, Zürich

10. Welche Rolle spielen Gleichaltrige beim Thema Eigenverantwortung?

Eine sehr wichtige. Gleichaltrige ­stehen dem Kind näher als Erwachsene, was ihren Entwicklungsstand betrifft. Dieser Gleichstand erleichtert es, von- und miteinander zu lernen. In der Gruppe lernen Kinder, für sich einzustehen oder nachzugeben, Emotionen zu regulieren und auszudrücken. Die Beziehung zu Gleichaltrigen ist, anders als jene zu den Eltern, nicht von Abhängigkeit geprägt. Hier ist soziales Lernen frei von Hierarchie und von einer Unmittelbarkeit, die so nur Kinder bieten: Stellt sich eines ständig quer, lassen es die anderen irgendwann links liegen. 

Moritz Daum

Virginia Nolan
ist Redaktorin, Bücherwurm und Wasserratte. Sie liebt gute Gesellschaft, feines Essen, Tiere und das Mittelmeer. Die Mutter einer achtjährigen Tochter lebt mit ihrer Familie im Zürcher Oberland.

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