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Elternblog

Hobbylos und stolz darauf

«Hobbylos» ist der neue Begriff für «langweilig». Als der Sohn unserer Kolumnistin aber tatsächlich scheinbar interessenlos hinter seinem Smartphone verschwindet, beginnt sie sich zu sorgen.
Text: Michèle Binswanger
Illustration:
Petra Dufkova/Die Illustratoren
Es ist eine der charmanteren Schmähungen, mit der meine Kinder einfallslose Kollegen bedenken: hobbylos. Hobbylos ist, wer sich für nichts wirklich interessiert oder einfach langweilig ist. Das entbehrt nicht einer gewissen Ironie, assoziiert man «Hobby» heutzutage doch eher mit Origami-Kursen und Briefmarkensammeln. Die angesehenen Kinder hingegen sind im Fussballclub oder betreiben Kampfsport, was weniger nach Hobby als nach Karriere tönt.
Meine Kinder hatten Hobbys, die nie mehr wurden als das: Hobbys, die sie schliesslich wieder aufgaben. Aber sie waren nie so lange hobbylos, als dass ich mich gesorgt hätte. Doch dann bekam mein Sohn sein erstes Smartphone, und er interessierte sich bald nur noch dafür und dümpelte ansonsten hobbylos dahin. Ich machte mir leichte Sorgen, zumal sich zugleich auch die Pubertät anzukündigen begann.

Aufgewachsen in einem Frauenhaushalt, weiss ich wenig darüber, was es für einen Jungen bedeutet, zum Mann heranzuwachsen. Ich weiss, dass Buben Führung brauchen und sich Figuren suchen, mit denen sie sich identifizieren oder von denen sie sich abgrenzen können. Ich weiss aber auch, dass ich als Mutter da kaum in Frage kommen werde.

In schmerzlicher Erinnerung an meine eigene Pubertät weiss ich nur so viel: Seinen Platz in der Gesellschaft zu finden kann schwierig sein, wenn plötzlich alle Körperfunktionen durchdrehen. Mir kam die Pubertät vor, als sei ich zuvor auf einem Dreirad pedalt und plötzlich lenkte ich einen Sportwagen volle Fahrt auf einer Rennbahn. Dass es mich in den Kurven nie hinausgeschleudert hat, habe ich wohl meinen eigenen Hobbys zu verdanken.

Als der Sohn vor etwa eineinhalb Jahren mit dem Wunsch nach einem neuen Hobby antanzte, war ich deshalb begeistert. Nicht nur hatte er die Sache selber in die Hand genommen, sondern er zog sogar einen Sport in Betracht, den ich als Studentin leidenschaftlich betrieben hatte und immer noch gern spiele: Basketball.

Auch der auserkorene Club erwies sich als Glücksfall. Denn er brauchte zwar fast ein Jahr, bis er sich die Grundlagen beigebracht hatte, dann aber packte ihn das Fieber. Er geht zu jedem Training, übt an freien Nachmittagen im Hof, redet nur noch von Basketball: Der Junge hat seine erste Leidenschaft entdeckt. Ob es mit der Pubertät zu tun hat, weiss ich nicht, sicher aber hat es mit seinem Trainierteam zu tun. Allesamt stammen sie aus Serbien, sind sehr engagiert und bieten ihm genau das, was ein Junge in seinem Alter braucht: Sie sind streng, aber fair, verlangen viel und urteilen gerecht. Der Einzelne zählt weniger als das Team, sei er auch noch so gut, aber jeder bekommt seine Chance, wenn er sich anstrengt. Noch nie zuvor habe ich gesehen, dass mein Sohn sich für etwas so sehr ins Zeug legt. 
Noch nie zuvor habe ich gesehen, dass mein Sohn sich für etwas so sehr ins Zeug legt.
Seither blicke ich seiner Pubertät gelassener entgegen. Denn es gibt keine bessere Versicherung gegen Unfälle auf der Rennstrecke als eine Leidenschaft, die zugleich Struktur bietet. Und ich kann seine Matches besuchen. Vielleicht ein bisschen hobbylos, aber Mutterstolz darf alles.

Michèle Binswanger

ist studierte Philosophin, Journalistin und Buchautorin. Sie schreibt zu Gesellschaftsthemen, ist Mutter zweier Kinder und lebt in Basel. 
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Michèle Binswanger schreibt regelmässig Kolumnen für das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi. Wenn Sie keine Ihrer Kolumnen verpassen möchten, bestellen Sie jetzt ein Abo.

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