Was tun mit dem imaginären Freund des Kindes? - Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi

Was tun mit dem imaginären Freund des Kindes?

Lesedauer: 3 Minuten

Viele Kinder haben einen Fantasiegefährten. Psychologen ­hielten das Phänomen lange für einen Vorboten psychischer Störungen. Heute wird es anders gedeutet.

Text: Kristin Hüttmann
Bild: Niki Boon

An der Garderobe im Kindergarten baumelt eine Filzschnur. Das ist die Leine. Noah hat sie da angeknotet, für seinen Fuchs. Während der Vierjährige spielt, bastelt und turnt, sitzt der Fuchs in der Garderobe und wartet. Wenn Noah nach Hause geht, zieht er sich Schuhe und Jacke an und nimmt die Filzleine in die Hand. Während er heimstapft, zieht er sie hinter sich her. Ausser ihm kann keiner den Fuchs sehen.

Das Tier war sein erster unsichtbarer Gefährte. «Er hat Noah überallhin begleitet», erzählt Katrin, seine Mutter. Auch bei den Mahlzeiten war der Fuchs oft dabei – unter dem Tisch, wo dann auch Noah sein Zvieri ass. «Später gab es so ein menschenartiges Ding», erinnert sich seine Mama. «Das war der kleine Nick. Der konnte fliegen, bis unter die Zimmerdecke.» Der imposanteste von Noahs imaginären Freunden aber war ein goldener Feuerdrache von der Grösse eines mittelgrossen Flugzeugs, der die Familie bis in die Ferien begleitete.

Jedes dritte Kind hat einen Fantasiefreund

Mittlerweile ist Noah acht Jahre alt und geht zur Schule. Die imaginären Freunde sind schon vor zwei Jahren verschwunden, am Ende der Kindergartenzeit. Er brauchte sie nicht mehr. «Fantasiegefährten helfen den Kindern, sich weniger alleine zu fühlen», sagt Michael Schulte-Markwort, Leiter der Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf. «Sie tauchen auf, wenn ein Kind zum ersten Mal hinaus in die Welt gehen und sich von seiner Mama trennen muss.»

Fachleute sprechen auch von Übergangsobjekten – Gegenstände wie eine Schmusedecke oder Kuscheltiere, die dem Kind ein Gefühl von Geborgenheit und Halt geben. «Alle Kinder brauchen solche Übergangsobjekte», erklärt Schulte-Markwort.

Die unsichtbaren Begleiter können in  den unterschiedlichsten Erscheinungsformen auftreten.

Während die einen sich mit einem Stofftier behelfen, erfinden andere Fantasiebegleiter. Die können eine menschliche Gestalt haben, oder es sind Tiere und Fabelwesen. Dem 60-jährigen Kinderpsychiater Schulte-Markwort haben etliche Jungen und Mädchen von ihren unsichtbaren Begleitern berichtet.

«Etwa jedes dritte Kind hat zeitweise eine Freundschaft, die nur in seiner Fantasie existiert», sagt auch Inge Seiffge-Krenke von der Universität Mainz. Bis in die 1970er-Jahre befürchteten Wissenschaftler, dass die imaginären Gefährten Vorboten psychischer Störungen seien. Heute weiss man, dass das Phänomen nicht pathologisch ist. «Das sind ganz normale, gesunde Kinder», sagt Seiffge-Krenke. «Die unsichtbaren Freunde sind eine kreative Leistung, die dem Kind in schwierigen Situationen helfen und seine Entwicklung fördern.»

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