Entwicklungspädiater Oskar Jenni: «Lehrpersonen müssen Entwicklungsspezialisten sein»
Entwicklung

«Lehrpersonen müssen Entwicklungsspezialisten sein»

Der Entwicklungspädiater Oskar Jenni ist überzeugt, dass Fachpersonen in der Schule ein breites Wissen über die kindliche Entwicklung brauchen, um angemessen auf Kinder zu reagieren. Deshalb hat er ein Buch für sie geschrieben – und für Eltern.
Interview: Evelin Hartmann 
Bilder: Filipa Peixeiro  / 13 Photo
Der Eingang der «Stiftung. Für das Kind» befindet sich in einem Hinterhof in der Zürcher Falkenstrasse. Hier wurde Oskar Jenni an diesem Morgen schon fotografiert. Neben dem Kinderspital Zürich ist die Stiftung die zweite Wirkungsstätte des Entwicklungs­pädiaters. Jenni schlägt vor, das Gespräch in Zeiten der Pandemie im Erdgeschoss zu führen, wo sich für eine bessere Luftzirkulation die grossen gläsernen Flügeltüren weit öffnen lassen.

Herr Jenni, Sie haben vor Kurzem das Buch «Die kindliche Entwicklung ­verstehen» publiziert. Nennen Sie uns eine Kernaussage?

Das Buch gibt einen Überblick über die Entwicklung von der Geburt bis in das Erwachsenenalter und vermittelt Entwicklungswissen an Fachpersonen, aber auch an Eltern. Die Kernaussage ist, dass jedes Kind einzigartig ist und über ganz viele verschiedene Facetten verfügt. Diese sind beim einzelnen Kind nicht alle gleich ausgeprägt und entwickeln sich unterschiedlich schnell. So kann etwa ein Erstklässler in seinen ko­­gnitiven Fähigkeiten bereits auf dem Stand eines Achtjährigen sein, in seinem Sozialverhalten aber auf dem eines jungen Kindergartenkindes.

Warum entwickeln sich Kinder so unterschiedlich?

Die Verschiedenartigkeit entsteht durch ein komplexes Zusammenspiel zwischen der genetischen Anlage und der Umwelt. Die Anlagen bestimmen dabei ein maximales Entwicklungspotenzial, das ein Kind bei günstigen Lebensbedingungen verwirklichen kann. Sind die Umweltbedingungen ungünstig – wenn zum Beispiel die Eltern psychisch krank sind –, dann wird nur der untere Grenzbereich ausgeschöpft. Grundsätzlich gilt, dass sich Kinder nicht über ihr individuell angelegtes Entwicklungspotenzial hinaus entwickeln können. Ich bin in den letzten 20 Jahren durch ­meine Beratungstätigkeit von Familien und Fachpersonen zur Überzeugung gelangt, dass man auf ein fundiertes Entwicklungswissen zurückgreifen können sollte, um Kinder und Jugendliche «lesen» und verstehen zu können. Es geht in meinem Buch nicht darum, konkrete Ratschläge zu geben, denn jede Situation und jedes Kind ist anders. Aber es soll eine wissenschaftlich fundierte Grundlage von Entwicklungswissen bieten, die den Umgang mit dem Kind begründen kann.
Die stellvertretende Fritz+Fränzi-Chefredaktorin Evelin Hartmann im Gespräch mit Oskar Jenni. Der Kinder- und Jugendarzt leitet seit 2005 die Abteilung Entwicklungs­pädiatrie am Universitäts-­Kinderspital Zürich; Jenni ist zudem ausserordentlicher Professor ad personam für Entwicklungspädiatrie an der Universität Zürich. Zu seinen Forschungsgebieten zählt die motorische, kognitive und soziale Entwicklung von Kindern. Seit 2018 ist der Vater von vier Jungen ausserdem Leiter der «Akademie. Für das Kind».
Die stellvertretende Fritz+Fränzi-Chefredaktorin Evelin Hartmann im Gespräch mit Oskar Jenni. Der Kinder- und Jugendarzt leitet seit 2005 die Abteilung Entwicklungs­pädiatrie am Universitäts-­Kinderspital Zürich; Jenni ist zudem ausserordentlicher Professor ad personam für Entwicklungspädiatrie an der Universität Zürich. Zu seinen Forschungsgebieten zählt die motorische, kognitive und soziale Entwicklung von Kindern. Seit 2018 ist der Vater von vier Jungen ausserdem Leiter der «Akademie. Für das Kind».

Geben Sie uns bitte ein konkretes ­Beispiel.

Nehmen wir an, ein Kind hatte bis in den Kindergarten wegen einer Sprachentwicklungsstörung eine logopädische Therapie. Weil es ­schöne sprachliche Fortschritte ­zeigte, wurde die Logopädie ausgesetzt. In der Schule bemerken nun aber die Lehrpersonen zunehmende Konzentrationsschwächen und Verhaltensauffälligkeiten. In solch einer Situation sind Kenntnisse über den Verlauf einer Sprachentwicklungsstörung hilfreich, damit man angemessen mit den kindlichen Problemen umgehen kann. Viele dieser Kinder zeigen mit zunehmendem Alter zwar einen mehr oder weniger normalen sprachlichen Ausdruck, aber ihr Verständnis für die Sprache und ihr Gedächtnis bleiben oftmals schwächer. Eine Lehrperson muss Entwicklungsspezialistin sein. So kann sie entsprechend reagieren und das Konzen­trationsdefizit des Kindes einordnen. 
Anzeige

Wie macht sie das?

Indem die Lehrperson versucht, komplizierte Instruktionen oder Ausdrücke zu vermeiden, oder vermehrt nachfragt, um sich zu versichern, dass das Kind alles verstanden hat. Auch wird sie ein betroffenes Kind bewusster beim Sprechen anschauen. Oder auch Beispiele zu einer Aufgabe vorzeigen und nicht nur mündlich erklären.

Wann entwickelt sich ein Kind aus Sicht eines Entwicklungspädiaters normal?

Wenn es sein Entwicklungspotenzial verwirklichen kann, keine Verhaltensauffälligkeiten zeigt und es ihm gut geht. Diese Beschreibung beruht weder auf Entwicklungsnormwerten noch bezieht sie sich auf die Erwartungen des Umfeldes – sie orientiert sich vielmehr am Kind selbst. Selbstverständlich gibt es auch gestörte Entwicklungsverläufe. So spricht man zum Beispiel bei einem IQ von unter 70 von einer geistigen Entwicklungsstörung, die bei etwa zwei Prozent aller Kinder auftritt. Diese Kinder zeigen häufig auch Verhaltensstörungen und leiden darunter; daher benötigen sie gezielte Unterstützung und entsprechende Förderung durch Fachpersonen.

Was unterscheidet eine ­Entwicklungsverzögerung von einer Entwicklungsstörung?

Von einer Entwicklungsverzögerung spricht man beim jungen Kind, wenn noch nicht klar ist, ob es den Rückstand nicht doch noch aufholt. Auch sind in der frühen Kindheit Entwicklungsprognosen wegen der grossen Variabilität der Entwicklung meist noch unzuverlässig. Bei einer Entwicklungsstörung geht man generell davon aus, dass die zeitliche Abweichung des Entwicklungsalters vom Lebensalter bestehen bleibt. Aber unabhängig davon, ob es sich um eine diagnostizierte Störung oder eine leichte Entwicklungsauffälligkeit handelt: Wie sich eine Beeinträchtigung im Alltag konkret auswirkt, hängt vom sozialen Verhalten des Kindes, aber auch ganz wesentlich von den Erwartungen und Anforderungen des Umfeldes ab.

Sie sprechen das von Ihrem Vorgänger Remo Largo entwickelte Fit-Prinzip an.

Genau. Stimmen die Anforderungen und Erwartungen mit den individuellen Eigenschaften und Fähigkeiten überein, fühlt sich das Kind wohl, ist selbst aktiv und gewinnt an Selbstwertgefühl. Diese Passung herzustellen, ist die grosse Herausforderung im Alltag mit Kindern.

Wie kann das gelingen?

Indem wir uns Wissen über die kindliche Entwicklung aneignen, um das Verhalten des Kindes einordnen zu können. Wir müssen uns auf ein Kind einlassen, es in verschiedenen Kontexten erleben, ihm zuhören, es beobachten. Man muss akzeptieren und anerkennen, was das Kind zu leisten vermag – und wozu es aufgrund seines individuellen Entwicklungsstandes noch nicht bereit ist.

Haben Sie ein Beispiel für uns?

Nehmen wir ein achtjähriges Kind, das nicht vor 22 Uhr einschlafen kann. Es ist eine sogenannte Eule, seine biologische Uhr ist so eingestellt. Die Erwartung der Eltern ist aber, dass das Kind bereits um 21 Uhr ins Bett geht, damit es am nächsten Tag für die Schule fit ist. 

Mit welchen Folgen?

Die Erwartungen der Eltern passen nicht zu den biologischen Eigenheiten des Kindes. Es wird den Eltern signalisieren, dass die Bettzeit zu früh ist und es noch nicht müde ist. Es wird aufstehen, die Aufmerksamkeit der Eltern beanspruchen und durch die Wohnung geistern. Konflikte sind somit programmiert.

Was raten Sie den Eltern?

Dass sie die Erwartungen an die Eigenheiten des Kindes anpassen und eine spätere Bettzeit zulassen. Sie könnten zum Beispiel sagen: «Du darfst noch aufbleiben, bis 21.30 Uhr in deinem Zimmer lesen oder spielen und dann löschen wir das Licht.»

0 Kommentare

Zugehörige Tags

Hat Ihnen unser Artikel gefallen? Unterstützen Sie unser Engagement für Eltern mit einer Spende!

Diesen Artikel kommentieren

Diese Webseite nutzt Cookies. Cookies werden zur Benutzerführung und Webanalyse verwendet und helfen dabei, diese Webseite zu verbessern. Durch die weitere Nutzung dieser Webseite erklären Sie sich mit unserer Cookie-Police einverstanden. Mehr Infos hier.