Vorbild sein: Will ich so werden?
Entwicklung
Seite 3

Verlässliche Strukturen geben dem Kind Sicherheit

Familienrituale und verlässliche Strukturen erleichtern den Tagesablauf und geben eine Grundordnung, die es Kindern erleichtert, sich zu orientieren, Regeln zu verinnerlichen und sich an diese zu halten. Wiederholungen verfestigen dies, ohne dass man immerzu alles erklären und ausdiskutieren muss. Dafür bedarf es jedoch der Selbstdisziplin. Ein Beispiel: Wer stets selbst einen Velohelm aufsetzt, kann es Kindern leichter vermitteln, warum dieser notwendig ist. Wer zum Essen das Handy weglegt, kann das besser von den anderen in der Familie einfordern. Kinder bekommen genau mit, was Mutter und Vater wichtig ist und wie sie es umsetzen. Es bedarf oftmals einer guten Portion Durchhaltevermögen, um in der nicht abreissenden Geschäftigkeit und den permanenten Herausforderungen des Alltags nicht einzuknicken.
Kinder profitieren davon, wenn sie beobachten, wie Mutter und Vater sich manchmal anstrengen, um ihre Vorgaben einzuhalten.
Selbstdisziplin ist eine Eigenschaft, die uns nicht angeboren ist, die wir erlernen müssen. Kinder brauchen Strukturen und profitieren auch davon, wenn sie beobachten, wie Mutter oder Vater sich manchmal anstrengen, um ihre Vorgaben trotz Erschöpfung und Zeitmangel nicht zu vernachlässigen oder über den Haufen zu werfen. «Zeigt euren Kindern, wie ihr schwitzt», forderte die Schulleiterin des 12-jährigen Johannes an einem Elternabend. «Unsere Kinder sollten altersgerecht am Leben der Erwachsenen teilnehmen und beobachten können, vor welchen Herausforderungen wir stehen.» Allzu oft bekommen Mädchen und Jungen in Kita und Schule beigebracht, dass die Grossen alles bereits perfekt beherrschen. So treten Erwachsene mit dem Ergebnis an, ohne den Weg aufzuzeigen. Da fehlt ein Stück der zu schaffenden Strecke, und manchmal könnte die Vermutung aufkommen, dass den Eltern alles leichtfällt.
Vertrauen statt Kontrolle: Martina Arpagaus und ihre Tochter Julia Vincenz. Lesen Sie ihre Erzählung: «Meinen Eltern ist mein ganz persönliches Glück das Wichtigste»
Vertrauen statt Kontrolle: Martina Arpagaus und ihre Tochter Julia Vincenz. Lesen Sie ihre Erzählung: «Meinen Eltern ist mein ganz persönliches Glück das Wichtigste»
Kinder lernen am Modell Familie. «Ich schaue mir an, wie Mama und Papa miteinander umgehen», sagt Tina. «Mich interessiert: Wer bestimmt wann? Und hören sie aufeinander? Ich beobachte, wie sich Papa kleidet, was für Sport er macht und ob Mama auch anderes im Kopf hat als ihren Job!»

Ob Kinder Bücher lesen oder ununterbrochen das Handy nutzen, wird grösstenteils in der Familie vorgelebt. Doch haben Eltern nicht alles in der Hand. Ab dem Primarschulalter erringen Internet und Smartphone einen grös­seren Stellenwert. Erwachsene sind herausgefordert, Kindern beim Umgang mit den digitalen Medien zur Seite zu stehen, sie zu lehren, wie man mit den abertausenden Angeboten und Möglichkeiten umgeht, ohne überflutet zu werden.

Zunächst sind Mutter und Vater die Fixsterne am Horizont kindlicher Beobachtung. In der Pubertät sinkt der Einfluss, da orientieren sich Teenager zunehmend an ihrer Peergroup, ebenso an Leitfiguren aus Büchern und Filmen, Musikgruppen und Sportvereinen. Vor allem gewinnen heute Idole aus Instagram und Youtube an Bedeutung. Das geht nicht selten einher mit einer Abkehr von elterlichen Werten. So rauft sich Papa oder Mama zuweilen die Haare und denkt: «Also von mir kann er das nicht haben!»

Eltern müssen andere Vorbilder nicht mögen, aber akzeptieren

Es ist oftmals schwer nachzuvollziehen, warum bestimmte Youtuber auserwählt wurden, um sich dann genauso zu kleiden, zu frisieren, sich zu geben wie sie. Jugendliche suchen sich oftmals Stars und Sternchen, die den Vorstellungen der Eltern so gar nicht entsprechen. Das ist zuweilen eine grosse Herausforderung, tun sich da doch oft Gräben auf zwischen den eigenen Werten und den medial oder real ins Haus flatternden. Man muss die neuen «Leuchttürme» nicht mögen, sie nicht toll finden, sondern akzeptieren, dass sie im Leben der Kinder eine Rolle spielen. Akzeptieren bedeutet ja nicht, dass Mutter und Vater es gutheissen müssen, nun die Zügel aus der Hand zu geben. «Führung bedeutet in diesem Fall, sich auf die Teenager einzulassen, ihre Sicht verstehen zu wollen. Also nicht Befehl, Kontrolle und Gehorsam, sondern begleiten, zur Verfügung stehen», sagt der deutsche Familienexperte und Buchautor Mathias Voelchert.
 
Bei aller Abnabelung ist es gerade in dieser Phase wichtig, in Kontakt zu bleiben. Klug ist, Standpauken oder Vorhaltungen zu vermeiden, damit es nicht zu Abkehr und Provokationen kommt und die Fronten sich verhärten. Schliesslich ist es ein Irrtum, zu glauben, dass der Nachwuchs Lebenskonzept und Wertvorstellungen der Eltern eins zu eins aufnimmt und umsetzt. Es kann das Gegenteil eintreten. Besonders, wenn Erwachsene sich selbst oder andere als positives Vorbild anpreisen. Das irritiert Kinder und Jugendliche, und nicht selten distanzieren sie sich davon und streben genau nach dem, was verhindert werden sollte. Wer zum Beispiel strikt auf Pünktlichkeit setzt, erlebt möglicherweise, dass der Teenager bei Verabredungen durchaus oder sogar absichtlich zu spät kommt. 
Anzeige
Auch der grosse Bruder kann ein Vorbild sein: Ariseo, 11, und Nelio Graf, 9.  Lesen Sie ihre Erzählung: «Wir leben Respekt und Toleranz vor»
Auch der grosse Bruder kann ein Vorbild sein: Ariseo, 11, und Nelio Graf, 9.
Lesen Sie ihre Erzählung: «Wir leben Respekt und Toleranz vor»
«Hilfreich ist, mit dem Kind herauszufinden, was hinter einem bestimmten Verhalten steht, das heisst, dem Kind Verständnis entgegenzubringen, ohne es einfach in der negativen Entwicklung gewähren zu lassen», sagt Daniel Süss, Professor für Medienpsychologie und Kommunikationswissenschaft an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften und an der Universität Zürich. «Kinder gehorchen den Eltern ja in der Regel nicht, weil sie Strafen fürchten, sondern weil sie die gute Beziehung zu Mutter und Vater aufrechterhalten wollen. Eltern sollten mit ihren Kindern weiterhin gemeinsam etwas unternehmen, aber ihnen auch Freiräume anbieten, wo sie ihre Stärken und Interessen entfalten können, ohne sich dabei zu gefährden.»
Überbehütete oder autoritär überwachte Jugendliche werden meist ängstlich oder rebellisch. Es braucht einen Mittelweg, der ein Ausbrechen zulässt.
Teenager brauchen Regeln, doch im Unterschied zu den Festlegungen in den Kinderjahren «sollten sie gemeinsam ausgehandelt und nicht einfach diktiert werden», so Süss. «Die Jugendlichen müssen sich ernst genommen fühlen und dabei gefördert werden, Selbstverantwortung zu übernehmen. Kinder halten Regeln nicht immer ein, Jugendliche erst recht nicht – das gehört zur gesunden Entwicklung von Autonomie.» Überbehütete oder autoritär überwachte Jugendliche übrigens werden meist ängstlich oder rebellisch. Es braucht also einen Mittelweg, der ein Ausbrechen aus dem Alltag zulässt. Es hilft den Teenies, wenn sie spüren, dass ihre Eltern als sicherer Hafen für sie da sind und mit ihnen im Dialog bleiben.

1 Kommentar

Zugehörige Tags

Hat Ihnen unser Artikel gefallen? Unterstützen Sie unser Engagement für Eltern mit einer Spende!

Diesen Artikel kommentieren

Von Franz Josef am 01.07.2021 15:22

Wir sehen das immer noch zu "kopflastig" und schauen uns die Prozesse noch zu sehr vom Bewusstsein her an. Die Entscheidung und die Steuerung des Lebens findet VOM UNBEWUSSTEN her statt.
Wenn wir uns selbst als Vorbild beobachten, können wir wahrnehmen, wie unser Vorbild in durchaus eigener Wechselwirkung mit den Vorbildkräften steht. Da passiert eine Kommunikation, die wir mit dem bewussten Verstand nur punktuell und keineswegs nur an den wichtigen Punkten wahrnehmen.
Das heißt wir müssten uns an einen immer wieder neuen Umgang mit dem UNBEWUSSTEN herantasten, um uns immer mehr BEWUSST WERDEN ZU LASSEN, was wir uns viel zu schnell bewusst zurechtinterpretieren nach unserem - BESCHRÄNKTEN BEWUSSTEN Wissensstand.
Das Unbewusste wüsste nämlich an dem Punkt noch weiter, und wenn wir lernen, mit ihm gut umzugehen, erweitert das einfach unsere Möglichkeiten dahin, wo wir sonst nicht hinkommen.
Coués Autosuggestion ist eine praktische Lernmöglichkeit dafür, außer wir beschränken uns auch hier auf die bewussten Techniken. Guten Erfolg!
Franz Josef Neffe

> Auf diesen Kommentar antworten

Diese Webseite nutzt Cookies. Cookies werden zur Benutzerführung und Webanalyse verwendet und helfen dabei, diese Webseite zu verbessern. Durch die weitere Nutzung dieser Webseite erklären Sie sich mit unserer Cookie-Police einverstanden. Mehr Infos hier.