«Junge Geflüchtete können mit ihrer Motivation punkten» - Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi
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«Junge Geflüchtete können mit ihrer Motivation punkten»

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Wie finden junge Geflüchtete eine Lehrstelle? Im Interview redet Caritas-Projektleiterin Laura Baumann über Stolpersteine und Chancen für betroffene Jugendliche.

Interview: Susanna Valentin
Bild: Rawpixel

Frau Baumann, junge Geflüchtete stecken in einer schwierigen Ausgangslage, um den Weg in die Berufsbildung zu finden. Welche Grundvoraussetzungen sind notwendig, damit sie überhaupt in diesen Prozess einsteigen können? 

Jugendlichen Geflüchteten steht es rechtlich gesehen offen, eine Lehrstelle antreten zu dürfen, sofern sie keinen Ausweis N haben. Mit diesem Ausweis ist es praktisch nicht möglich, zu arbeiten. Selbst wenn dies nach einer Sperrfrist von drei bis sechs Monaten theoretisch erlaubt wäre, erteilt das kantonale Amt für Wirtschaft und Arbeit praktisch keine Arbeitsbewilligungen. Die Erfahrung hat zudem gezeigt, dass es sehr förderlich ist, wenn die erste Orientierungs­phase bereits abgeschlossen ist. 

Die Skepsis ist oft gross, Geflüchtete einzustellen, wenn diese sich nur auf Papier vorstellen können. 

Das heisst, sie sollten sich schon in der Schweiz eingelebt haben?

Sich mit wenig Geld und Kontakten in ein Land zu integrieren, ist sehr schwierig. Für diesen Vorgang braucht es viel Zeit. Beim Berufseinstieg hilft es, wenn zumindest der erste Ankommensprozess erfolgt ist und damit auch Ressourcen frei sind, sich wiederum auf etwas Neues einlassen zu können. 

Laura Baumann, 33, hat Politikwissenschaften studiert. Beim Zürcher Flüchtlingstag kam sie mit der Caritas in Kontakt. Bei incluso engagiert sie sich für die berufliche Integration von jungen Menschen mit Migrationshintergrund.

Was braucht es noch, damit die Suche nach dem Berufseinstieg für Geflüchtete erfolgreich verläuft? 

Erste Sprachkenntnisse sind wichtig, ausserdem ist die Auseinandersetzung mit dem Bildungssystem der Schweiz sicher sinnvoll. Ganz wichtig ist es zudem, gerade junge Geflüchtete, die vielleicht sogar alleine hier sind, vor sozialer Isolation zu bewahren. 

In sieben Schritten den eigenen Weg finden

Die Wahl der passenden Ausbildung nach der Sekundarschule lässt sich in sieben aufeinanderfolgende Aufgaben einteilen:

Bei incluso unterstützen freiwillige Mentoren und Mentorinnen Jugendliche bei der Suche nach einer Lehrstelle. So entsteht ein direkter Kontakt zur Bevölkerung. 

Wir haben mit diesen Tandems sehr gute Erfahrungen gemacht. Mentoren und Mentorinnen werden für Geflüchtete – aber auch für sonstige Jugendliche mit Migrationshintergrund – zu wichtigen Bezugspersonen. Dies ermöglicht kulturelles Verständnis, öffnet aber auch den Zugang zum Netzwerk einer Person, die hier schon jahre­lang lebt und arbeitet. 

Können sich Geflüchtete persönlich vorstellen und mit ihren Fertigkeiten punkten, lösen sich ­die Bedenken schnell in Luft auf.

Das ist sicher hilfreich, dennoch gibt es oftmals sprachliche und schulische Defizite, die den Berufsantritt erschweren. Wie können diese überwunden werden? 

Bei spät Migrierten und Geflüchteten ist es wichtig, dass sie sich persönlich bei Entscheidungsträgern eines Betriebes vorstellen dürfen. Viele sind extrem motiviert, eine Lehrstelle zu finden. Erhalten sie die Möglichkeit, dies in einer Schnupperlehre zu zeigen, steigen ihre Chancen deutlich. Die Skepsis ist oft gross, Geflüchtete einzustellen, wenn diese sich nur auf Papier vorstellen können. 

Woran liegt das? 

Geflüchtete weisen oft eine weniger lineare Schullaufbahn vor. Dazu kommen kulturelle Unterschiede, die zu Missverständnissen führen, die unsichere Situa­tion, die zum Beispiel ein F-Ausweis mit sich bringt, oder auch die Angst, dass jemand die Berufsschule nicht schaffen könnte und die Lehrstelle deswegen wieder neu besetzt werden müsste. Das ist im Arbeitsalltag mit Aufwand verbunden. Können sich Geflüchtete allerdings persönlich vorstellen und in der praktischen Arbeit mit Fertigkeiten und interessiertem Auftreten punkten, lösen sich ­diese Bedenken schnell in Luft auf.

Gesucht:

incluso sucht laufend freiwillige ­Mentorinnen und Mentoren, die sich für Chancengerechtigkeit bei derLehrstellensuche engagieren möchten.

Anmeldung: incluso@caritas-zuerich.ch

Hier können Sie das Berufswahl-Spezial als Einzelausgabe bestellen für 4.10 Fr. plus Porto.

Susanna Valentin
schätzt das durchlässige Schweizer Bildungssystem und hat es gleich selbst genutzt. Vor vier Jahren liess sich die diplomierte Heil- und Sozialpädagogin zur Fachjournalistin ausbilden.

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