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Kindergarten

Hilfe, mein Kindergartenkind will schon lesen und rechnen

War früher die erste Klasse der Ort, an dem Kinder lesen, schreiben und rechnen lernten, kann heute ­jedes dritte Kind schon vorher kleine Briefchen kritzeln, Zahlen erkennen und Buchstaben lesen. Sollen Eltern das fördern? Und sind solche Kinder später die besseren Schüler?
Text: Claudia Landolt und Florina Schwander
Bilder: Frisch Fotografie
Dienstagnachmittag in einem Schweizer Kindergarten. Die sechsjährige Zoé bestürmt die Kindergartenlehrperson, ihr noch mehr Aufgaben für ihren Wochenplan zu geben – sie hat schon alles erledigt. «Ich will arbeiten!», fordert das Mädchen voller Begeisterung. 

Zoés Mutter sagt: «Wir haben das zu Hause überhaupt nicht gefordert, aber Zoé eifert ihrer grossen Schwester nach und möchte sogar Hausaufgaben machen – ‹gross sein› nennt sie das.» Dieselbe Bandbreite zeigt sich auch bei Buben: Die einen vertiefen sich ins Spiel mit Legos, andere wiederum möchten Bild um Bild ausdrucken und Zahlenrätsel lösen. Der fünfjährige Lio zum Beispiel liest seit Neustem alles, was er sieht – selbst die Aufschrift der Müesli­packung wird Buchstabe für Buchstabe entziffert. 
Kinderarzt und Buchautor Remo Largo («Kinderjahre») hält fest: «Jedes Kind, wenn es in der Entwicklung so weit ist, will lesen lernen.» Das Interesse an Lesen, Sprechen, ja an Kommunikation wird Kindern in die Wiege gelegt. Schon Babys kommunizieren mit Lauten, und Zweijährige sind in der Lage, einer Geschichte zu folgen. 

Kinder sind fasziniert von Büchern, lieben vorgelesene Geschichten, imitieren das Lesen und halten anderen Kindern das Buch so hin, wie sie es vom Vorlesen kennen – gerne auch verkehrt herum. «Irgendwann merkt das Kind, dass sich etwas Spannendes hinter den schwarzen Zeichen versteckt, und es will diese Buchstaben kennenlernen», sagt Andrea Bertschi, Leseforscherin und emeritierte Professorin für Literatur­didaktik der Fachhochschule Nordwestschweiz. Sie sieht im Vorlesen und Erzählen von Geschichten den Ursprung für das «Lesenlernen­wollen». 

Ein Schuljahr im Vorsprung

«Wir haben seit einigen Jahren immer mehr Kinder, die immer mehr können», sagt Andrea Lanfranchi, Forschungsleiter an der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik. In einigen Kantonen beherrsche heute jedes dritte Kind bereits am ersten Schultag den Stoff, den es erst am Ende der 1. Klasse können sollte, erklärte er in einem Interview. 
Jedes Kind will lesen lernen, wenn es in der Entwicklung so weit ist.
Neu ist das nicht: «Kinder, die vor Schuleintritt bereits lesen, schreiben oder rechnen wollten und konnten, hat es schon immer gegeben», schreibt Erziehungswissenschaftlerin Margrit Stamm in ihrem Aufsatz über «Lernentwicklungen von Frühlesern und Frührechnern». 
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Die Frage ist jedoch: Haben Kinder, die schon früh lesen und/oder rechnen können, ein grösseres Potenzial als Altersgenossen, die bei Schuleintritt über keine Vorkenntnisse verfügen?
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Woher kommt das frühe Interesse?

In einer von Margrit Stamm geleiteten Studie zu Frührechnerinnen und Frühlesern konnten von 2667 Kindern sechs Wochen nach Schul­beginn 29 Prozent bereits alle Buchstaben und 21 Prozent alle Wörter vollständig und ohne Fehler lesen. Ein hoher Teil der Kinder verfügte über Teilkompetenzen – was bedeutet, dass nur sieben Prozent der Kinder noch keinerlei Vorkenntnisse der Lesekultur erworben hatten. Noch ausgeprägter waren die vorschulischen Kenntnisse im Rechnen. Der Leistungsvorsprung dieser Kinder betrug mindestens ein Schuljahr. 
Was hat diese Kinder zu Früh­leserinnen oder Frührechnern gemacht? Ist es der familiäre Hintergrund, die soziale und ökonomische Schicht oder das Eigeninteresse der Kinder? Stamm kommt zu einem für Eltern vielleicht überraschenden Ergebnis: Die elterliche Anleitung zum Lesen- und Rechnenlernen spielte in ihrer Untersuchung eine vergleichsweise unbedeutende Rolle. Nur ein kleiner Teil der befragten Kinder wurde zu Hause besonders gefördert. 83 Prozent der Kinder haben ihre Lese- oder Rechnungskompetenzen selbstmotiviert erworben, davon haben 27 Prozent ihre Geschwister oder Nachbarskinder imitiert. 

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