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Kindergarten

 Fast schon Halbzeit! 

Das erste turbulente Dreivierteljahr liegt hinter Ihnen und Ihrem Kindergartenkind. Sie haben sich beide an den neuen Rhythmus gewöhnt und das erste Gespräch zum Entwicklungsstand Ihrer Tochter oder Ihres Sohnes geführt. Wirds ab jetzt ruhiger? Nicht ganz – das kommt als Nächstes auf Sie zu.
Text: Claudia Landolt
Bilder: Niki Boon
Eine Runde Applaus für Sie, liebe Eltern. Sie haben Ihr Kind erfolg­reich ins Abenteuer Kindergarten begleitet.

Was waren das für intensive Monate: Sie mussten sich den neuen Tagesablauf Ihres Kindergartenkindes verinnerlichen, sich an die veränderte Organisation des Alltags gewöhnen, ihren Elternpflichten nachkommen.

Aber auch Ihr Kind verdient Anerkennung: Es musste sich an den neuen, anstrengenden Wochenrhythmus im Kindergarten gewöh­nen, sich in einer grossen Gruppe zurechtfinden, eine oder mehrere Betreuungspersonen kennenlernen und fremde Regeln akzeptieren. Das ist eine grosse Anpassungsleistung! Manchmal kostet sie viel, manchmal etwas weniger Energie. Immer aber erschaffen sich Kinder so einen eige­nen Lebensraum, einen Bereich, der nur ihnen gehört, der erste Lebens­raum ausserhalb des familiären Kokons.

Luis macht selber ab

Diese neue Lebenswelt zeigt sich bei Kindern auf unterschiedliche Weise. Die fünfjährige Sophia kommt mit­ tags aus dem Kindergarten und wird von ihrer Mutter und ihrem kleinen Bruder freudig erwartet. Gespannt erkundigt sich die Mutter nach Sophias Vormittag. «Was habt ihr denn heute gemacht?», fragt sie.«Gespielt», antwortet das Mädchen freundlich, aber einsilbig. Sie möch­te einfach gerade nicht erzählen.
Die Kindergartenzeit ist ein grosser Ablösungsprozess, eine Phase der rasanten körperlichen und seelischen Veränderungen.
Luis geht nach einem längeren Ablösungsprozess von seiner Mutter nun gern in den Kindergarten. Wenn der Vierjährige nachmittags keinen Unterricht hat, langweilt er sich, möchte lieber mit seinen neuen Freunden spielen, als zu Hause zu sein oder mit seiner Mutter Besor­gungen zu erledigen. «Kann ich abmachen?», bittet Luis seine Eltern fast täglich. Manchmal greift er sel­ber zum Telefon, um sich mit seinen Kollegen zu verabreden.

Eltern, lasst los!

Das hört sich ja erst einmal toll an: Ein Kind kommt in den Kindergar­ten, es wird immer unabhängiger von seinen Eltern – wunderbar! Doch der Weg in ein selbstbewuss­tes, eigenständiges Leben ist von vielen kleinen Abschieden vom Elternhaus geprägt – und geht einher mit der elterlichen Erkenntnis, dass sich unser Kind mit jedem Entwick­lungsschritt ein Stück mehr von uns entfernt, uns ein bisschen weniger braucht.

Die Kindergartenzeit ist ein ein­ziger grosser Ablösungsprozess, eine Phase der rasanten körperlichen, seelischen und sozialen Verände­rungen. Das Kleinkindhafte im Äusseren verschwindet, Körpergrö­sse und ­-gewicht nehmen zu, das Kind streckt sich. Ebenso verfeinern sich die grob­ und feinmotorischen Fähigkeiten. Beim Zeichnen, Malen und Basteln entwickelt es neue Fer­tigkeiten; es kann sich stärker auf eine Sache konzentrieren, das Velo­ fahren gelingt immer besser.
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Geduld, bitte – jedes Kind hat sein eigenes Lerntempo und seinen eigenen Lernweg. 
Geduld, bitte – jedes Kind hat sein eigenes Lerntempo und seinen eigenen Lernweg. 
Viele Kinder zwischen vier und fünf Jahren sind wahre Weltmeister im Memory­-Spiel und schlagen die Erwachsenen haushoch. Typisch für dieses Alter, meint der deutsche Entwicklungspsychologe Hartmut Kas­ten: «Vierjährige erkennen meist alle Bilder wieder, die ihnen kurz vorher gezeigt wurden, auch wenn sie zwischendurch bis zu 25 andere Bilder gesehen haben.»

Auch auf der Persönlichkeits­ebene verändert sich einiges: Kinder haben nun ein klares Bild von sich selbst und ihrer eigenen Geschlecht­sidentität. «In der Tat macht die kog­nitive Entwicklung in diesem Alter einen veritablen Quantensprung», sagt die Kinderärztin Stefanie Loibl vom Kinderarzthaus Zürich. «Ein Kind von vier bis fünf Jahren deutet die emotionalen Signale anderer Kinder in der Gruppe, kann sich in die Gedankenwelt anderer hinein­ versetzen, komplexere Absichten verstehen und Lügen entlarven.»

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