Familienleben

Frau Stamm, warum fühlen sich Väter oft nur als Babysitter?

Wann sind Männer «gute Väter»? Was braucht es, damit sie eine gute Beziehung zu ­ihren Kindern aufbauen können? Was braucht es vonseiten der Mütter, damit dies gelingt? Die Erziehungswissenschaftlerin Margrit Stamm über die Zwänge in der ­modernen Familie – und warum Väter aufhören sollten, die Mütter zu imitieren. 
Interview: Claudia Landolt 
Bilder: Marco Zanoni / Lunax
Sie ist die Stimme, die für mehr Gelassenheit, weniger Therapiekultur und Förderwahn in der Kindererziehung plädiert: Margrit Stamm. Die wohl in der Öffentlichkeit präsenteste 
Erziehungswissenschaftlerin der Schweiz hat sich mit der gesellschaft­lichen Idealvorstellung von Familie und insbesondere mit der Vaterrolle auseinandergesetzt. Die bekennende Feministin bricht eine Lanze für die Väter, von denen sehr viele, so Stamm, «unter dem Hammer» der Partnerin seien. In ihrem neuen Büro in Aarau spricht sie über ihre Forschung und verrät, was ihre Auseinandersetzung mit Väter- und Mütterrollen mit der eigenen Biografie zu tun hat.

Frau Stamm, Ihr neues Buch handelt von den Vätern, aber über weite 
Strecken geht es um Mütter. Warum?

Familie gelingt nur gemeinsam. Väter müssen sich für ihre Bedürfnisse starkmachen und Mütter in der Erziehung etwas Platz für die Väter machen. Das ist mein Ansatz. Als Mutter fasziniert mich die Art von Mutterschaft, die in unserer Gesellschaft heute vorherrschend ist und die Frauen total vereinnahmt. 

Was fasziniert Sie daran?

Weil diese vereinnahmende, alles überstrahlende Mutterschaft ja eigentlich gar nicht mehr unserer Lebenssituation und Lebensführung entspricht.

Das müssen Sie erklären.

Frauen haben heute eine gute Ausbildung, sind berufstätig, verdienen ihr eigenes Geld, sind unabhängig. Aber sobald sie Mütter werden, geschieht eine Art Rücktransformation: Sie geben ihre Unabhängigkeit teilweise oder ganz auf und leben diese intensive Mutterschaft. 
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Woher kommt das?

Das hat verschiedene Gründe. Zum einen ist die neoliberalistische Politik dafür verantwortlich. Diese trichtert den Frauen ein: Ihr dürft alles, die Welt steht euch offen, studiert, macht Karriere, habt Kinder, aber organisiert euch selbst. Gleichzeitig erklärt die Bindungs­forschung, wie wichtig die kindliche Beziehung von Mutter und Kleinkind in den ersten Kindesjahren für das kindliche Urvertrauen ist. Drittens fokussiert die Medizin auf die Mütter, betont die Wichtigkeit einer ruhigen, gesunden Schwangerschaft usw. 
Margrit Stamm ist emeritierte Professorin für Pädagogische Psychologie und Erziehungswissenschaften an der Universität Fribourg und Buchautorin.  Seit 2012 leitet sie das von ihr gegründete Forschungsinstitut Swiss Education mit Sitz in Aarau. Ihr Studium begann sie erst mit 35 Jahren, zuvor lebte sie das traditionelle Familien­modell: Sie war Hausfrau, ihr Mann machte Karriere. Danach reduzierte er sein Pensum, damit sie studieren konnte. Margrit Stamm ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder. Zuletzt erschienen von ihr die Bücher «Neue Väter brauchen neue Mütter» und «Lasst die Kinder los» (Piper-Verlag). 
Margrit Stamm ist emeritierte Professorin für Pädagogische Psychologie und Erziehungswissenschaften an der Universität Fribourg und Buchautorin. 
Seit 2012 leitet sie das von ihr gegründete Forschungsinstitut Swiss Education mit Sitz in Aarau. Ihr Studium begann sie erst mit 35 Jahren, zuvor lebte sie das traditionelle Familien­modell: Sie war Hausfrau, ihr Mann machte Karriere. Danach reduzierte er sein Pensum, damit sie studieren konnte. Margrit Stamm ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder. Zuletzt erschienen von ihr die Bücher «Neue Väter brauchen neue Mütter» und «Lasst die Kinder los» (Piper-Verlag). 

Welche Folgen hatte das? 

All dies führte zu einer Konzen­tration auf die Frauen, übertrug ihnen die Hauptverantwortung. So entstand das neue Ideal der perfekten, intensiven Mutterschaft, die von fast allen Frauen übernommen, angestrebt und inszeniert wird.

Von fast allen Frauen?

Ja. Denn auch Teilzeit oder voll berufstätige Mütter haben dieses Bild in sich und wollen ihm entsprechen. Sie suchen die beste Kita, die beste Nanny, die beste Tagesschule. 
«Die bei uns vorherrschende Mutterschaft vereinnahmt die Frauen total.»

Man hört oft den Satz: Mütter, entspannt euch! Stimmen Sie diesem Aufruf zu?

Ich persönlich finde es nicht richtig, immer die Frauen an den Pranger zu stellen, wenn etwas in der Familie oder in der Kindererziehung nicht gut läuft. Ich fordere, dass man an den Grundfesten unserer Gesellschaftssysteme rüttelt. 

Warum?

Um jungen Männern eine aktive Vaterrolle zu ermöglichen, beispielsweise. Auch all denen, die ganz klassisch die Karriereleiter hochklettern. 

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