Aus Fehlern lernen – wirklich? - Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi
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Aus Fehlern lernen – wirklich?

Lesedauer: 4 Minuten

Fehler müssen korrigiert werden – nur auf diese Weise lernt man dazu. Das ist eine grundlegende Überzeugung, die viele kaum in Frage stellen. Es lohnt sich aber, genau das zu tun.

Text: Fabian Grolimund
Illustration: Petra Dufkova / Die Illustratoren

Um was geht es?

  • Mut zum Fehler-stehlen-Lassen! Kinder schalten auf Durchzug, wenn man sie ständig darauf hinweist, was sie alles falsch machen.
  • Besonders jüngere Kinder lassen sich von einem negativen Feedback stark verunsichern und machen in der Folge mehr Fehler.
  • Der Expertentipp von Fabian Grolimund, Psychologe und Lerncoach: Dem Impuls auf Fehler hinzuweisen nicht gleich nachgeben. Besser ist es, kurz innezuhalten und sich fragen: «Was würde meinem Kind oder meinen Schülern wirklich dabei helfen, sich auf dieses Thema einzulassen?»

Wie Eltern und Lehrpersonen in einer Lernsituation aus dem alten «Korrekturmodus» aussteigen können und warum es sich lohnt, ins Vertrauen zu gehen, dass sich das Kind von alleine an die richtige Lösung annäheren wird, lesen Sie im folgenden Artikel von Fabian Grolimund.

Welche Assoziationen und Emotionen wecken bei Ihnen die folgenden Aussagen? «Nein!», «falsch», «Das stimmt so nicht!», «Das schreibt man gross», «Schau mal, da hast du einen Fehler gemacht», «Oh, da gibt es aber noch einiges zu verbessern». Vielleicht merken Sie, wie Sie sich innerlich verschliessen? Dann geht es Ihnen wie den meisten Menschen. In einer Reihe von Studien sollten 1600 Erwachsene verschiedene Lernaufgaben bewältigen und sich dazu beispielsweise Fakten über ihr Unternehmen einprägen. 

Vor allem jüngere Kinder lernen nach einem negativen Feedback langsamer und machen mehr Fehler.

Einem Teil der Probanden wurde in den Übungsdurchgängen jeweils bei ihren richtigen Antworten die Rückmeldung «Ihre Antwort war richtig» angezeigt, bei der anderen Gruppe bei Fehlern «Ihre Antwort war falsch».

Jene Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die auf Fehler hingewiesen wurden, konnten sich bei einer ­späteren Testung schlechter an die Inhalte erinnern und gaben an, dass ihr Selbstwertgefühl gelitten habe – und dies, obwohl das Feedback relativ nüchtern gehalten wurde.

Negative Rückmeldungen wirken sich negativ auf die Leistung aus

Wie gut wir aus Fehlern lernen, hängt auch vom Alter ab. In einer Studie aus den Niederlanden untersuchte eine Forschergruppe, wie sich positive und negative Rückmel­dungen bei drei Altersgruppen (8–9 / 11–13 / 18–25 Jahre)auf das Lernen und die Leistung auswirken. Den Teilnehmenden wurden auf einem Monitor jeweils Bildkombinationen mit unterschiedlichen Formen und Farben angezeigt. Die Versuchspersonen sollten logisch schlussfolgern, welche Regeln den Bildkombinationen zugrunde liegen. Eine Teilgruppe erhielt jeweils nur eine Rückmeldung, wenn sie richtig lag, die andere bei falschen Antworten. Alle Altersgruppen profitierten stärker von einer Bestätigung bei richtigen Antworten.

Aber: Die jüngeren Kinder lernten nach negativem Feedback nicht nur langsamer, sie machten auch viel mehr Fehler. Ihre Leistungen verschlechterten sich! Ein Blick in das Gehirn mittels bildgebender Verfahren zeigte zudem, dass bei jüngeren Kindern nach positiven Rückmeldungen diejenigen Gehirnbereiche, die für das Arbeitsgedächtnis, die Planung sowie abstraktes und flexibles Denken zuständig sind, viel stärker aktiviert wurden.

Kinder wollen mit ihren Fähigkeiten und Fertigkeiten gesehen werden

Gerade als meine Kollegin Stefanie Rietzler und ich uns genauer mit den Studien zum Thema Feedback befassten, lernte mein Sohn in der Schule die Gross-Klein-Schreibregeln. Testen am lebenden Objekt war angesagt!

Ich beugte mich also über seine Hausaufgaben und sagte beiläufig: «Du hast ja Pferd grossgeschrieben. Das stimmt! Wie hast du denn das gewusst?» Begeistert erklärte er mir die Regel und meinte dann: «Oh! Wolke hätte ich auch grossschreiben müssen! Da gilt diese Regel auch!»

Kinder lernen extrem gut über Anleitung. Aber sie schalten auf Durchzug, wenn wir sie ständig darauf hinweisen, wie man etwas nicht macht.

Später am Nachmittag fragte er während des Einkaufens: «Papa, machen wir ein Spiel? Du sagst einen Satz und ich muss herausfinden, welche Wörter gross sind.»
Mir wurde wieder einmal bewusst, wie sehr Kinder mit ihren Fähigkeiten und Fertigkeiten gesehen werden wollen: «Schau mal, was ich schon kann!»

Es geht nicht um Lob und Kuschelpädagogik

«Ja, aber man muss doch Kindern auch sagen, wenn sie etwas falsch machen – die müssen auch lernen mit Kritik umzugehen» – diesem Einwand begegnet man sofort, wenn man sich dafür starkmacht, den Fokus vermehrt auf das Gelingende zu richten.

Bei näherer Betrachtung fällt auf, dass dieser Satz meist von erfolgsverwöhnten Erwachsenen kommt, denen die Schule leicht fiel und die sich eine gute berufliche Position erarbeitet haben. Das klingt dann oft so: «Ich hatte im Fach xy im zweiten Jahr des Gymnasiums auch eine ungenügende Note im Zeugnis. Dann habe ich mich zusammengerissen, mehr gelernt und wurde besser. Man kriegt halt im Leben nicht alles geschenkt.»

Wir können und sollten lernen, mit gelegentlicher Kritik umzugehen. Bei der Rückmeldung von Fehlern macht jedoch die Dosis das Gift. Wenn wir im Diktat eine gute Note erhalten haben, werden wir motiviert sein, uns die zwei, drei Wörter, die wir falsch geschrieben haben, richtig einzuprägen.

Das Kind, das sein Diktat mit 22 Fehlern zurückerhält, wird nur deprimiert sein, sich hilflos fühlen und die Überzeugung aufbauen, dass sich Lernen nicht lohnt.  Wenn wir die Lernfreude der Kinder erhalten möchten, ist es wichtig, dass wir noch über andere Feedbackvarianten verfügen als nur das Zurückmelden von Fehlern.

Eigentlich wüssten wir, wie es geht

Bei der Sprachentwicklung reagieren die meisten Eltern instinktiv richtig: Wir benennen etwas, wiederholen Wörter, lassen unsere Kinder mitmachen, bis sie die Sprache beherrschen. Wir hüten uns davor, einem Kind, das begeistert auf einen Hund zeigt und «und! und!» sagt, zu entgegnen: «Falsch! Das heisst nicht ‹und›! Das heisst ‹Hund›! Mit H!» Stattdessen sagen wir: «Ja genau, ein Hund!», und vertrauen darauf, dass sich das Kind der richtigen Aussprache mit der Zeit annähert. Auch als Erwachsene lernen wir Fremdsprachen schneller und besser, wenn unser Gegenüber den Satz nochmals grammatikalisch richtig wiederholt, als wenn es den Rotstift ansetzt. Letzteres führt oft nur zu Scham und Angst und dazu, dass wir als Erwachsene Situationen ausweichen, in denen wir Französisch oder Englisch sprechen müssten.

Kinder lernen extrem gut über Anleitung und Modelle: «Schau, so kann man das machen.» Oder über Fragen: «Wie könnte man da vorgehen? Wie könntest du dir das merken?»

Und sie schalten auf Durchzug, wenn wir sie ständig darauf hinweisen, wie man etwas nicht macht.
 
Dieser Artikel soll nicht dazu führen, dass Sie Ihr Kind oder Ihre Schülerinnen und Schüler nie mehr korrigieren. Aber vielleicht hilft er Ihnen dabei, der typischen Fehlerorientierung, die wir fast alle haben, nicht gleich impulsiv nachzugeben, sondern kurz innezuhalten und sich diese Fragen zu stellen:

  • Was würde meinem Kind oder meinen Schülern wirklich dabei helfen, sich auf dieses Thema einzulassen, Fortschritte zu erleben und dabei auch noch eine schöne Erfahrung zu machen?
  • Könnte ich weniger korrigieren und dafür mehr vorzeigen, bestätigen und auf Fortschritte hinweisen?
  • Könnte ich anhand eines richtig gelösten Beispiels eine Regel nochmals auffrischen?
  • Könnte ich mehr Zeit darauf verwenden, mit meinem Kind oder meinen Schülerinnen zu erkunden, weshalb ein Wort auf eine bestimmte Weise geschrieben wird, anstatt Fehler anzustreichen?

Fabian Grolimund
ist Psychologe und Buchautor. Gemeinsam mit ­Stefanie Rietzler leitet er die Akademie für Lerncoaching in Zürich. Er ist verheiratet, Vater eines Sohnes und einer Tochter und lebt mit seiner Familie in Fribourg.

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