Bindung: Das besondere Band
Entwicklung
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Nicht immer klappt die Bindung auf Anhieb

Allerdings gilt nicht zwingend der Umkehrschluss: Natürlich haben es in der Regel Mütter, denen es im Leben gut geht und die sich auf ihr Netz verlassen können, leichter, eine sichere Bindung zu ihrem Kind aufzubauen, aber eben nicht immer. So leiden gemäss Zahlen des Bundesamts für Statistik beispielsweise rund 13 00 Frauen bzw. 15 Prozent aller frischgebackenen Mütter an einer postpartalen, einer nachgeburtlichen Depression, die unbehandelt unter Umständen die Erziehungskompetenz der betroffenen Mutter schmälert. Beim Säugling können Bindungsstörungen, Verhaltensauffälligkeiten sowie Störungen der kognitiven und emotionalen Entwicklung die Folge sein.

Diesen Kindern fehlt die nötige Sicherheit, um sich neugierig ihrer Umwelt zuzuwenden. Sie erleben sich nicht als eigenständig und effektiv, was wiederum den Aufbau ihrer Selbständigkeit mindert. Kurz gesagt: Sie bilden kein Urvertrauen aus. Einige Längsschnittstudien belegen, dass unsichere Bindungen zu den häufigsten negativen Wirkungen auf die kindliche Entwicklung gehören. Laut Forschung sind 10 bis 15 Prozent der Kinder unsicher gebunden, so der Professor für Entwicklungspsychologie in Bielefeld, Arnold Lohaus.
«Weit mehr als mit fest verankerten mütterlichen Qualitäten hängt Bindung mit dem zusammen, wie das Leben der Eltern verläuft, wie wohl sie sich in ihrer Haut fühlen, wie reichhaltig ihre Umwelt ist, wie viel Unterstützung sie haben und wie gut sie und das Kind zusammenpassen», sagt Renz-Polster.

Das soziale Netz ist wichtig, aber auch die Passung: So hat beispielsweise die Mutter zum fordernden Temperament des einen Kindes vielleicht einen anderen Zugang als eine andere Bezugsperson, etwa der Vater. Es gibt kein Universalitäts­modell, wie Bindung für alle Kinder gleichermassen förderlich wirksam sein kann, sagt Heidi Keller.

Entscheidend, aber nicht absolut

Eine gute, tragfähige und sichere Bindung mit Tiefenwirkung ist für das Leben von Kindern äusserst wichtig. Doch zeigen zahlreiche Untersuchungen aus den 1990er-Jahren, dass die frühkindliche Bindung auch nicht überschätzt werden sollte. Denn für eine optimale kindliche Entwicklung sind die anderen positiven Beziehungserfahrungen, die ein Mensch im Laufe seiner Kindheit und Jugendzeit macht, beispielsweise mit Lehrpersonen, Nachbarn, Trainern, ebenso wichtig.

So können auch negative frühe Bindungsmuster des Kindes später positiv verändert werden, sagt der Psychologe Claus Koch. Dies sei möglich, wenn andere Bezugspersonen «authentisch und präsent sind und sich feinfühlig in ein Kind ­hineinversetzen können». Bindung ist lebenswichtig, aber sie ist «keine Impfung fürs Leben und nicht das alleinige Kapital, aus dem wir schöpfen», sagt Renz-Polster. Bindung wirkt weiter und bleibt im Hirn gespeichert, aber jede neue positive Bindungserfahrung löst eine ­frühere ab.
Und da gibt es ja noch das Kind. Es spielt einen eigenen, durchaus aktiven Part. Wie Kinder beispielsweise auf Betreuungssituationen oder Trennungen reagieren, hat auch mit ihrem Temperament und Charakter zu tun. «Kinder jeden Alters sind nicht gleichermassen auf Geborgenheit angewiesen», erklärt Remo Largo. Es gibt Zweijährige, die verabschieden sich in der Krippe problemlos von ihrer Mutter und fühlen sich bei der Erzieherin gut aufgehoben. Andere Kinder haben auch mit zehn Jahren noch Mühe, eine Woche in ein Klassenlager zu gehen. So wie Erwachsene unterschiedliches Verlangen nach einer verlässlichen emotionalen Einbindung verspüren, haben dies eben auch Kinder. Und doch bleiben alle Kinder so lange an ihre primäre(n) Bezugsperson(en) gebunden, bis sie selbständig überleben können. In der Pubertät, so Largo, löst sich die Bindung auf, sodass sie als junge Erwachsene ihre Familie verlassen können. Sie werden dabei aber nicht emotional unabhängig, sondern suchen Geborgenheit bei ihren Freunden, verlieben sich. Die Verbundenheit mit den Eltern bleibt, schränkt sie aber in ihrer Selbständigkeit nicht ein.
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Bindung bleibt im Hirn ­gespeichert, aber jede neue positive Bindungserfahrung löst eine alte ab.
Hinzu kommt: Jedes Kind, jede Familie und jedes Gefüge ist anders. «Kinder können sich in den verschiedensten Lebens-, Familien- und Betreuungsformen gut ent­wickeln», sagt die Psychologin Giulietta von Salis. Dasselbe gilt auch für eine Trennung der Eltern: Ein solches Ereignis ist unbestritten einschneidend, aber nicht unbewältigbar.

Kinder können sich gut entwickeln, auch wenn es um sie herum nicht optimal läuft. Nicht wenige unsicher gebundene Kinder erleben später als Erwachsene trotzdem ein Happy End. Denn da ist ja noch die Resilienz, jene psychische Widerstandskraft, die Menschen trotz belasteter Kindheit in die Lage versetzt, Frustrationen zu überwinden, sich ohne Krankheitssymptome zu entwickeln. Denn: «Es geht im Leben nicht darum, gute Karten zu haben, sondern mit einem schlechten Blatt ein gutes Spiel zu machen», sagt Robert Louis Stevenson, der Autor der «Schatzinsel».

Die Bindungsmuster

Mary Ainsworth, eine Mitarbeiterin des Bindungsforschers John Bowlby, setzte sich 1978 zum Ziel, die Bindung zwischen Müttern und Kindern zu messen und qualitativ zu kategorisieren. Sie testete bestimmte Situationen, in denen die Mutter das Zimmer, in dem sie zuvor mit ihrem Kleinkind war, ­verlässt und jemand Unbekanntes an ihrer Stelle das Zimmer betritt. Das Kind wurde eine kurze Zeit mit der neuen Person allein gelassen und Ainsworth schloss aus der Reaktion des Kindes, wie «gut» das Kind an seine Mutter gebunden ist. Daraus erstellte sie vier Bindungsmuster, die heute noch gültig sind: sicher gebundene, unsicher vermeidend gebundene, unsicher ambivalent gebundene und unsicher desorientiert gebundene Kinder. Die Kategorie des sicher gebundenen Kindes ist dabei die optimale Kategorie. Es bedeutet, dass das Kind kein Problem damit hat, einige Male für kurze Zeit ohne die Mutter auszukommen. Sicher gebundene Kinder sind, so die Forschung, selbstsicherer, kommen mit neuen Situationen wie Kindergarten oder Schule besser zurecht und spielen gern mit anderen Kindern. Unsicher vermeidend gebundene Kinder spielen lieber allein, und unsicher ambivalent gebundene Kinder wirken im ­Klassenverband eher schwierig, herausfordernd, würden ­permanent Aufmerksamkeit suchen, erläutert Kinderarzt Herbert Renz-Polster. Unsicher desorientiert gebundene Kinder mit unzureichender Erfahrung an Schutz und Sicherheit, sei es aufgrund massiver Vernachlässigung und ­Verwahrlosung – in Heimen oder in der eigenen Familie – oder durch häufige Wechsel in der Betreuungssituation, haben Schwierigkeiten, psychisch gesund aufzuwachsen. Des Weiteren weisen sie vermehrt schwere kognitive und emotionale Entwicklungsrückstände auf. «Eine sichere Bindung ist ein langfristiger Schutzfaktor für die psychische Gesundheit», bekräftigt auch der Zürcher Entwicklungspsychologe Moritz Daum. «Mit einer guten Bindung ist zum Beispiel die Wahrscheinlichkeit geringer, im Erwachsenenleben an einer ­psychischen Krankheit zu leiden. Zudem steht das Bindungsverhalten auch in einem sozialen Kontext. Verfüge ich über ein gutes Bindungsverhalten, beeinflusst das, wie ich auf andere zugehen kann, wie empathisch ich bin, wie ich mich in sie hineinversetzen und helfen kann.»

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