Kranke Kinder oder kranke Gesellschaft? - Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi

Kranke Kinder oder kranke Gesellschaft?

Lesedauer: 5 Minuten

Teil 3 der ADHS-Serie: Die Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) ist in der Schweiz eine der meist diagnostizierten psychischen Störungen bei Kindern im Schulalter. Die Behandlung von ADHS mit Medikamenten hat in den letzten Jahren stark zugenommen. Woran liegt das? Am Leistungsdruck in der Schule? An überforderten Eltern? An der Gesellschaft?

Text: Dominik Robin
Illustration: Partner & Partner

Wissenschaftliche Studien zeigen, dass die Behandlungen von ADHS mit sogenannten Methylphenidaten wie Ritalin in den letzten 10 bis 15 Jahren schweizweit stetig zugenommen haben. Eine aktuelle Studie der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften ZHAW kommt zum Ergebnis, dass im Jahr 2012 rund 2,6 Prozent aller Schulkinder im Kanton Zürich Ritalin erhielten. Dies entspricht ungefähr dem Durchschnitt in der ganzen Schweiz (2,4 Prozent). Der Anstieg fand primär in den Jahren 2006 bis 2010 statt, danach stabilisierten sich die Zahlen.

Die Zunahme des Ritalin-Konsums und damit einhergehend die vermutete Zunahme von ADHSDiagnosen lösen in der Öffentlichkeit immer wieder Besorgnis und Kritik aus. Ein Vorwurf lautet zum Beispiel, dass die Gesellschaft gegenüber auffälligen Kindern intoleranter geworden sei und dass vorschnell zu Medikamenten gegriffen wird, um die Kinder ruhigzustellen.

Bei ADHS handelt es sich zunehmend um einen ‹überstrapazierten› Begriff.

Die in der ZHAWStudie befragten Fachleute wie Ärzte, Psychiater und Pädagogen bestätigen diese Vorwürfe teilweise: Bei ADHS handle es sich zunehmend um einen «überstrapazierten» Begriff. Wegen dessen Popularität bestehe die Gefahr, verhaltensauffällige, nervöse oder zappelige Kinder vorschnell und ohne differenzierte Betrachtung zu diagnostizieren.

Aus der Sicht der Fachpersonen sei ADHS auch eine Modediagnose, unter die auffälliges Verhalten von Kindern subsumiert werde, ohne genau hinzuschauen, worunter das Kind tatsächlich leide.

Eine präzise Abgrenzung zu einer normalen kindlichen Entwicklung oder anderen Erkrankungen, wie Depression, sei nämlich oftmals schwierig. Die Fachpersonen bezweifeln aber nicht, dass Ritalin in sorgfältig diagnostizierten Fällen sinnvoll eingesetzt wird und den Betroffenen so auf mehreren Ebenen geholfen werden kann.

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